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FRÜHE KUPFERSTICHE

Dürer erlernte bei seinem Vater das Goldschmiedehandwerk. Wenn Sandrart berichtet, er
habe sich »im Verzeichnen, Stechen, Treiben wohl angelassen, und sei so weit kommen,
daß er die sieben Fäll des Leidens Christi getrieben, welches seinen Vatter sehr erfreuet
und gerne gesehen, daß er bei solchem verblieben wäre«, so ist damit ausgesprochen, daß
er trotz seines jugendlichen Alters einen gründlichen Fundus mitbekommen hatte. Die
Lehre beim Vater war die denkbar beste Vorschule für den Maler gewesen, ehe er in die
Lehre zu Michael Wolgemut eintrat. Sie war es aber erst recht für den Kupferstecher.
Das Stechen in Metall gehörte zum Handwerk des Goldschmieds. Von Schongauer wissen
wir, daß er ursprünglich Goldschmied war und von den anderen großen Antezessoren
Dürers, dem Meister E. S., dem Spielkartenmeister, dem Meister der großen Schlacht1,
können wir es annehmen, und doch muß es uns wundern, daß Dürer, wie sich aus den
frühesten erhaltenen Arbeiten, die sich deutlich als Anfänge ausweisen, ergibt, fast zehn
Jahre verstreichen ließ, ehe er sich entschloß, einen Kupferstich zu machen. Am Oberrhein,
wo er in persönliche Beziehung zu dem bedeutendsten lebenden Kupferstecher Martin
Schongauer zu treten hoffte, hat er nur auf Holz gezeichnet, und erst nach der Rückkehr
aus Italien im Frühjahr 1495 greift er zur Kupferplatte und zum Stichel, nachdem er einige
der besten italienischen Kupferstiche zu Gesicht bekommen und sogar teilweise abgezeichnet
hatte. Es war die Affinität zum Metall, die ihn zu dieser schwierigen Technik lockte. Höchste
Leistungen waren abhängig von der Erfahrung im Drucken und der Qualität des Papiers
(Ochsenkopf, Hohe Krone), das für den Tiefdruck dünner und weicher sein muß als für
den Hochdruck (Holzschnitt). Aber nicht die Schongauersche Linienschönheit und nicht die
flächige Strenge Mantegnas genügten ihm: er wollte im Kupfer vor allem verwirklichen,
was eine kraftvolle Sinnlichkeit, ein auf die plastischen Werte und das Sichtbare eingestell-
tes Verhältnis zur Welt ihm offenbarte. Die Stichelführung ist zunächst archaisch kräftig
und unbekümmert, der Druck weil »überschwärzt« im Original häufig mattschwarz, den
»Silberglanz« gibt es erst später. Es ist das Metall, das er durch das Metall selbst
neu zu erzeugen gedenkt, dann aber auch das Gestein, das Gefieder der Vögel, das
Fell der Tiere, die Haut der Menschen, die Kleider und Gewänder in ihrer ver-
schiedenen Stofflichkeit von der groben Wolle bis zur schillernden Seide. Robert Vischer 2
hat es unvergeßlich geprägt: »Das in seinen Stichen enthaltene Künstlertum gemahnt selber
1 Pantheon 1941, S. 203 f. 2 Studien zur Kunstgeschichte, 1886, S. 234.

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