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ZWEITER AUFENTHALT IN ITALIEN

GEMÄLDE DER MITTLEREN ZEIT

Im Herbst 1505 war Dürer ein zweites Mal nach Venedig gezogen, wo er sich bis Anfang
1507 aufhielt. Den Anlaß zu der Reise soll wiederum die in Nürnberg wütende Pest ge-
bildet haben L
Auf der Reise wurde diesmal nicht gelandschaftert und die Köpfe von Bäuerinnen (in
Rotterdam und London), darunter die zwinkernde kerngesunde »una vilana windisch«
bezeichnete, entstanden wahrscheinlich in Venedig Es handelt sich offenbar nicht um
Wendinnen, sondern um Windinnen, das heißt Sloweninnen, die im Herzogtum Krain
ansässig waren. Kopiert hat Dürer auch nicht mehr, wenn man von einer Skizze nach
einem venezianischen Urteil Salomonis absieht.
Von seiner freudigen Aufgeschlossenheit gegenüber italienischem Leben und Kunst geben
launige Briefe an Willibald Pirckheimer Zeugnis. Dürer fühlt sich seinem Freund als
einem reichen und hochangesehenen Patrizier gegenüber nicht nur der Schulden wegen,
die er bei ihm hatte, in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis. Trotzdem erlaubt er sich
die größten Freiheiten und anzüglichsten Scherze, wie sie in unserer viel prüderen Zeit
ganz und gar undenkbar wären. Bald nennt er ihn einen Hochgelehrten, bewährt Weisen,
den er »nit anderst denn für ein Vater halt«, und versichert ihm: »ich hab kein anderen
Freund auf Erden denn Euch«. Bald nennt er ihn »einen rechten Seidenschwanz, der meint,
es sei ausgerichtet, wenn er den Huren wohlgefalle«.
Die Korrespondenz war veranlaßt durch Pirckheimers Ungeduld wegen der Zusendung
von Kostbarkeiten, Perlen und Edelsteinen, die Dürer in Venedig besorgen sollte. Da ist
die Rede von Smaragden, Rubinen, Diamanten, Amethysten, von einem besonders kost-
baren Saphir, von Büchern, vor allem griechisch gedruckten, von emaillierten Gläsern und
Teppichen, erlesenem Papier, Kranichfedern usw. Pirckheimer ist aber nicht zufrieden-
zustellen. Dürer wird die Sache schließlich lästig und er gebraucht starke Ausdrücke, um
sie los zu werden. Es klingt wie eine Auflehnung, wenn er erklärt: »Ich bin ein Tzentilam
zu Fenedich worden«.
1 Im gleichen Jahr flüchtet der Nürnberger Patrizier Sebald Schreyer nach Schw. Gmünd und stiftet
dort den bekannten, von einem Dürerschüler gemalten Sebald-Altar.
2 Der Kopf einer vermutlich zugehörigen alten Bäuerin hat sich in einer Budapester Kopie
erhalten (W II, XVI).

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