MEISTERSTICHE
Der Stichel war für Dürer das Instrument der schärfsten Präzision, der stärksten Gegen-
wart. Daher die gehäufte Produktion in den Jahren, in denen er noch mit den Darstellungs-
problemen ringt. In dem Augenblick, wo die Klarheit der Figur im Raum erreicht ist,
verliert die Technik für ihn trotz des von ihm hervorgehobenen materiellen Vorteils an
Interesse. Die Kupferstichpassion schon bedeutete ein breiteres Auswerten des Errungenen.
Aber 1513 erhebt sich Dürer noch einmal zu einem großen Ausholen in den drei Meister-
stichen, und nun tritt das Gedanklich-Ideenhafte hervor, wie es bisher vielleicht nur einmal
angeschlagen war, in der schicksalsträchtigen Gestalt des »Großen Glücks«.
Vielleicht wollte Dürer mit dem »Ritter, Jod und Jeufel« von 1513 zunächst nur das nun
vollendet nach der Maß konstruierte Pferd und zugleich das Kunstvolle einer zeitgenös-
sischen Rüstung vorführen als »Speis der Malerknaben«. Geworden ist daraus etwas unver-
gleichlich viel Größeres: das Bild des mittelalterlichen Ritters, des kalten Mannes, der die
Gefahr verachtet, die durch den komischen Teufel mit dem Schweinsrüssel und dem ein-
zelnen Hirschhorn eher angedeutet als angezeigt ist, und der das Unheimliche des schlangen-
umringelten Todes wohl empfindet, aber diese Empfindung beherrscht, ja überwindet. Es
wurde der christliche Ritter, wie er in Erasmus’ Enchiridion militis Christiani (1502) an-
gerufen ist, dessen Devise lautet: non est fas respicere. Nietzsche freilich faßte ihn anders
auf: »unbeirrt und doch hoffnungslos«.
Das Pferd im Hohlweg, über dessen Rand die Nürnberger Burg sichtbar wird 1/ wie sie
von Dürers Vaterhaus in der Burgstraße aus zu sehen war, kann mit einer Zeichnung
Leonardos zum Sforza-Denkmal in Verbindung gebracht werden, der Reiter geht auf die
Zeichnung von 1498 zurück. Von den Vorarbeiten des Jahres 1503 war schon die Rede.
Die Steife des Gerüsteten, dem durch das unbeirrte Halten der (noch umgekehrten) Lanze
sehr viel Ruhe mitgeteilt ist; das zügige Schreiten des Rosses, zwischen dessen Füßen ein
zottiger Hund sich gefahrwitternd bewegt: all das ist zu einer uns selbstverständlich er-
scheinenden Einheit geworden, und doch wäre es Dürer zuvor nicht möglich gewesen, einen
solchen Reichtum von Gegensätzen zu einem mit einem Blick zu erkennenden Ganzen zu-
sammenzufassen .
1 Friedrich Frommann in »8-Uhr-Blatt«, Nürnberg, 15. 11. 1942. Auf eine andere mögliche Quelle
(Eph. 6, 10—17: »ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnt gegen die listigen Anläufe
des Teufels« usw.) machte der bekannte Theologe Karl Barth aufmerksam. Auf weitere Verwen-
dungen des Nürnberger Stadtbilds Wilhelm Funk (Cicerone-Sonderheft 1928, S. 107 f.).
200
Der Stichel war für Dürer das Instrument der schärfsten Präzision, der stärksten Gegen-
wart. Daher die gehäufte Produktion in den Jahren, in denen er noch mit den Darstellungs-
problemen ringt. In dem Augenblick, wo die Klarheit der Figur im Raum erreicht ist,
verliert die Technik für ihn trotz des von ihm hervorgehobenen materiellen Vorteils an
Interesse. Die Kupferstichpassion schon bedeutete ein breiteres Auswerten des Errungenen.
Aber 1513 erhebt sich Dürer noch einmal zu einem großen Ausholen in den drei Meister-
stichen, und nun tritt das Gedanklich-Ideenhafte hervor, wie es bisher vielleicht nur einmal
angeschlagen war, in der schicksalsträchtigen Gestalt des »Großen Glücks«.
Vielleicht wollte Dürer mit dem »Ritter, Jod und Jeufel« von 1513 zunächst nur das nun
vollendet nach der Maß konstruierte Pferd und zugleich das Kunstvolle einer zeitgenös-
sischen Rüstung vorführen als »Speis der Malerknaben«. Geworden ist daraus etwas unver-
gleichlich viel Größeres: das Bild des mittelalterlichen Ritters, des kalten Mannes, der die
Gefahr verachtet, die durch den komischen Teufel mit dem Schweinsrüssel und dem ein-
zelnen Hirschhorn eher angedeutet als angezeigt ist, und der das Unheimliche des schlangen-
umringelten Todes wohl empfindet, aber diese Empfindung beherrscht, ja überwindet. Es
wurde der christliche Ritter, wie er in Erasmus’ Enchiridion militis Christiani (1502) an-
gerufen ist, dessen Devise lautet: non est fas respicere. Nietzsche freilich faßte ihn anders
auf: »unbeirrt und doch hoffnungslos«.
Das Pferd im Hohlweg, über dessen Rand die Nürnberger Burg sichtbar wird 1/ wie sie
von Dürers Vaterhaus in der Burgstraße aus zu sehen war, kann mit einer Zeichnung
Leonardos zum Sforza-Denkmal in Verbindung gebracht werden, der Reiter geht auf die
Zeichnung von 1498 zurück. Von den Vorarbeiten des Jahres 1503 war schon die Rede.
Die Steife des Gerüsteten, dem durch das unbeirrte Halten der (noch umgekehrten) Lanze
sehr viel Ruhe mitgeteilt ist; das zügige Schreiten des Rosses, zwischen dessen Füßen ein
zottiger Hund sich gefahrwitternd bewegt: all das ist zu einer uns selbstverständlich er-
scheinenden Einheit geworden, und doch wäre es Dürer zuvor nicht möglich gewesen, einen
solchen Reichtum von Gegensätzen zu einem mit einem Blick zu erkennenden Ganzen zu-
sammenzufassen .
1 Friedrich Frommann in »8-Uhr-Blatt«, Nürnberg, 15. 11. 1942. Auf eine andere mögliche Quelle
(Eph. 6, 10—17: »ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnt gegen die listigen Anläufe
des Teufels« usw.) machte der bekannte Theologe Karl Barth aufmerksam. Auf weitere Verwen-
dungen des Nürnberger Stadtbilds Wilhelm Funk (Cicerone-Sonderheft 1928, S. 107 f.).
200



