GEZEICHNETE, GEMALTE UND GEDRUCKTE PORTRÄTS
NIEDERLÄNDISCHE REISE
Außer den in den Skizzenbüchern der niederländischen Reise enthaltenen besitzen wir
rund 100 Bildniszeichnungen von Dürer, davon etwa drei Dutzend benennbare und etwa
die gleiche Zahl anonyme männliche, nur halb so viel anonyme und einige wenige benenn-
bare weibliche.
Wir verließen den Porträtisten Dürer im Jahre 1500, als kurz vor der Jahrhundertwende
eine Häufung der gemalten Bildnisse eintrat. Anschließend mehren sich die gezeichneten,
und von etwa 1515 ab ist eine stetige Zunahme sowohl der gemalten wie der gezeichneten
festzustellen. Besonders reich ist das Jahr der niederländischen Reise und die darauffolgende
Zeit an männlichen Porträts, deren Vorbild in der Spätzeit häufig bekannt ist.
Der vielleicht für eine Medaille bestimmte Pirckheimer, mit den rücksichtslos übereinander-
getürmten Wülsten des Kinns, des Mundes, der Nase und der Stirne, von 1503, der mit
Kohle1 gezeichnete wie der wohl etwas spätere in Silberstift, sind hervorgegangen aus
dem neuaufbrechenden Weltgefühl, das eine größere, voluminöse Form schuf, ohne sie
zunächst ganz füllen zu können. Typischer als zum Beispiel die Silberstiftzeichnung
des in der Benennung zweifelhaften Bruders Lians in Philadelphia und die schlecht
erhaltene der Frau in Braunschweig, deren Technik sich mit dem neuen Inhalt nicht
mehr recht verträgt, sind Kohlezeichnungen wie diejenige des verträumten Jünglings in
Wien von 1503, und Federzeichnungen wie der Kopf einer derbpraktischen Haufsrau
in Compiegne (W 282). An dem Bauernkopf von 1505 in London und dem bärtigen
Greisenkopf in Berlin scheint geradezu ausprobiert zu sein, wie weit man in der Lockerheit
und der Durchsichtigkeit der Strichführung gehen kann. Charakteristisch für diese Zeit ist
1 Es bleibt unklar, ob es sich bei W 269 um die Gattin Pirckheimers und damit um ein Pendant
handelt. Das qualitätvolle Bildnis des Sixtus Ölhafen in Würzburg wird definitiv als Schäufelein
angesprochen. Weitere mit Dürer in Verbindung gebrachte Porträts ließen sich durch Buchners
Untersuchungen (Pantheon I, S. 135 f. und Friedländer-Festschrift S. 46 f.) ebenfalls diesem Maler
zuteilen. Ein Urteil über das männliche Porträt der Galerie Borghese in Rom, auf das Benesch
im Pantheon 1934 S. 299 hinwies, wäre erst nach Reinigung möglich; das angebliche Selbstbildnis
in Kremsier wirkt nicht überzeugend. Gegenüber dem Berliner Brustbild eines Mannes (Buchner,
Walraff-Richartz-Jahrbuch NF. Bd. I, S. 153 f.) ist Skepsis angezeigt, da es frühe und späte
Eigenschaften zu vereinigen scheint.
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NIEDERLÄNDISCHE REISE
Außer den in den Skizzenbüchern der niederländischen Reise enthaltenen besitzen wir
rund 100 Bildniszeichnungen von Dürer, davon etwa drei Dutzend benennbare und etwa
die gleiche Zahl anonyme männliche, nur halb so viel anonyme und einige wenige benenn-
bare weibliche.
Wir verließen den Porträtisten Dürer im Jahre 1500, als kurz vor der Jahrhundertwende
eine Häufung der gemalten Bildnisse eintrat. Anschließend mehren sich die gezeichneten,
und von etwa 1515 ab ist eine stetige Zunahme sowohl der gemalten wie der gezeichneten
festzustellen. Besonders reich ist das Jahr der niederländischen Reise und die darauffolgende
Zeit an männlichen Porträts, deren Vorbild in der Spätzeit häufig bekannt ist.
Der vielleicht für eine Medaille bestimmte Pirckheimer, mit den rücksichtslos übereinander-
getürmten Wülsten des Kinns, des Mundes, der Nase und der Stirne, von 1503, der mit
Kohle1 gezeichnete wie der wohl etwas spätere in Silberstift, sind hervorgegangen aus
dem neuaufbrechenden Weltgefühl, das eine größere, voluminöse Form schuf, ohne sie
zunächst ganz füllen zu können. Typischer als zum Beispiel die Silberstiftzeichnung
des in der Benennung zweifelhaften Bruders Lians in Philadelphia und die schlecht
erhaltene der Frau in Braunschweig, deren Technik sich mit dem neuen Inhalt nicht
mehr recht verträgt, sind Kohlezeichnungen wie diejenige des verträumten Jünglings in
Wien von 1503, und Federzeichnungen wie der Kopf einer derbpraktischen Haufsrau
in Compiegne (W 282). An dem Bauernkopf von 1505 in London und dem bärtigen
Greisenkopf in Berlin scheint geradezu ausprobiert zu sein, wie weit man in der Lockerheit
und der Durchsichtigkeit der Strichführung gehen kann. Charakteristisch für diese Zeit ist
1 Es bleibt unklar, ob es sich bei W 269 um die Gattin Pirckheimers und damit um ein Pendant
handelt. Das qualitätvolle Bildnis des Sixtus Ölhafen in Würzburg wird definitiv als Schäufelein
angesprochen. Weitere mit Dürer in Verbindung gebrachte Porträts ließen sich durch Buchners
Untersuchungen (Pantheon I, S. 135 f. und Friedländer-Festschrift S. 46 f.) ebenfalls diesem Maler
zuteilen. Ein Urteil über das männliche Porträt der Galerie Borghese in Rom, auf das Benesch
im Pantheon 1934 S. 299 hinwies, wäre erst nach Reinigung möglich; das angebliche Selbstbildnis
in Kremsier wirkt nicht überzeugend. Gegenüber dem Berliner Brustbild eines Mannes (Buchner,
Walraff-Richartz-Jahrbuch NF. Bd. I, S. 153 f.) ist Skepsis angezeigt, da es frühe und späte
Eigenschaften zu vereinigen scheint.
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