Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 2.1903-1904

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Zwei Urteile aus dem jfabr 187$,

ottfried Semper*. .., Die Kunftinduftrie, oder das, was man
auch die teebnifeben Künfte nennt... Gin Husdruck, der
durch feinen Pleonasmus die Verkehrtheit der modernen Kunft-
zuftände, wonach eine weite, den Griechen unbekannte Kluft die fo-
genannten Kleinkünfte und die ebenfalls fogenannten hoben Künfte
trennt, treffend genug bezeichnet...

f. XZb. Vt f cb er **. ...Der JSacbtifcb war inzwifeben vorüber
und der ?öirt brachte Cicbt zum Zigarrenanzünden. Hls „Hucb
6iner" das Randleucbtercben gefafst hatte, hielt er es mir bin mit den
Slorten: „Da, feben Sie: ift das nicht wieder, um fieb aufs tieffte
zu empören!" 6r zeigte mir, dafs dem Geräte das flache plätteben
am Griffe fehlte, worauf man den Daumen fetzen mufs, um es
lieber zu halten; das JVIetall hatte an diefer Stelle eine runde Biegung,
die fo wenig fialt bot, dafs es in jedem Moment vornüber zu rutfeben
drohte. ?tlie ich ihn kannte, Uefs ich mich durch das JMafs feines
Zornes über diefe Kleinigkeit nicht befremden; ja, es febien mir einen
belehrenden Blick in das Innere diefes JHenfcben zu öffnen. 8ler
über fo etwas ergrimmen kann, in dem mufs das Gefühl der Zweck-
mäfsigkeit von ungewöhnlicher Schärfe fein. — Gebrigens fetzte er
noch hinzu, ein folebes Produkt fei ein wahres Bild unferer deutfeben
Induftrie, deren Rauptbeftreben es ja doch fei, alles zweckwidrig zu
machen. JMan follte meinen, fagte er, was einer facbgemäfs treibt,
das müffe er doch verfteben; ja, ja, bübfcb umgekehrt! Der Schneider
kann erft recht nicht febneiden, der Sattler nicht polftern, der
Schreiner erft recht keinen Stuhl bauen! Der erfte febneidet einen
Kaften ftatt eines Rocks, der zweite baufebt JVIatraze und Sitze fo,
dafs du nicht liegen, nicht fitzen kannft, der dritte baut den Seffel
fo, dafs du dich mit den füfsen anftemmen mufst, um nicht unter
den Cifcb zu rutfeben.

* Gottfried Semper, Der Stil in den teebnifeben und tehtonireben KünTten oder prahtiTcbc
HeTtbetik. jviüncben 1878, 2. Hufl., Seite 9, Hnm. Xcb weifo niebt, ob die 1. Huflagc diefe Hnmcrhung
Tcbon enthält.

** Hueb einer, eine Reifcbchanntfcbaft von f. Cb. Weber, 1. Hufl. 1878; 5. Hufl. 1891, Seite 111.
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