Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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Die Meinung des Mufeumsdirektors

fenfchaft gibt und dafj die ganze zerfplitternde Arbeit der Analyfe wirk-
lich zielftrebig ift! Stellt nicht Fachgebiete in törichter Begrenzung dar, wie
fie auf der Schule gelehrt und in Lehrbüchern gefchrieben werden, fondern
beantwortet die Fragen, die zu euch kommen! Redet nicht von Materialismus,
von Amerikanifierung, von Egoismus, ohne darüber nachzudenken, woher
er kommt: läfjt denn die Wiffenfchaft den Laien überhaupt in ihren Tempel ?
Wer aber kann aus dem Tagewerk Idealismus lernen?

Die wiffenfchaftliche Ausheilung follte einen großen allgemeinen Gedanken
aus den eingehenden Fragen und Wünfchen in die Mitte [teilen und aus
allen Wiffenfchaften die Teile nehmen, die zur Darftellung gehören. Sie follte
abends geöffnet fein und der Eintritt follte faft nichts koften oder geftaffelt
fein. Wenn die Ausheilung aber ihre Tore fchliefjt, dann follte fie eine kleine
Gruppe von Menfchen gewonnen haben, in deren freie Zeit ein warmer
feiner Klang eingezogen ift. Und wir, d i e V er a n twort I i che n, follten forgen,
dafj er zur gewaltigen Melodie wird, die von jedem der Jünger weiterklingt!

WAS SOLLEN JETZT AUSSTELLUNGEN?

Von Alexander Dorner, Hannover

Der Ausftellungsbetrieb der Kunftinftitutionen ift ins Unüberfehbare ge-
wachten. Faft alle ihre Ausheilungen zeigen entweder das Werk einzelner
Künftler oder greifen befchränkte Gebiete aus der Kunftgefchichte heraus.
Ihr Zweck ift alfo Vermittlung von Einzelkenntniffen und die äfthetifche Ein-
fühlung in die Pfyche eines Künftlers.

Solche Veranftaltungen kommen nur einem fehr geringen Prozentfatj unterer
Allgemeinheit zugute, nämlich denjenigen, die bereits die Bildungsgrund-
lagen haben, um den Einblick in das Oeuvre eines einzelnen Künftlers oder
einer Gruppe als Bereicherung ihres Weltbildes zu empfinden. Die un-
geheure Mehrheit unteres Volkes aber, die diefe Grundlagen nicht hat,
kann mit folchen Ausheilungen nichts oder nur wenig anfangen. Ja, für diefe
grofje Mehrheit werden fie als Ballaft empfunden werden und deren Welt-
bild nicht bereichern, fondern eher verunklären.

Darum halte ich es für notwendig, dafj man mehr Gewicht auf folche Aus-
heilungen legt, die Erkenntniffe für die Gegenwart mitgeben und
das Gefühl für das Wefentliche unterer neuen Geftaltung
wecken. Da hätte an die Stelle des Details die Zufammenfaffung zu treten,
an die Stelle der Blütenlefe der Wegweifer. Denn wir wollen wiffen, woher
wir kommen und wohin wir gehen, wir wollen erkennen, was untere neuen
und wichtigen Aufgaben find. Das intereffiert wirklich die Allgemeinheit.

So kann ich mir denken, dal^ z. B. eine Ausheilung, die die Grundlagen

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