Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

Seite: 147
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MIES VAN DER ROHE

Pavillon in Barcelona. Raum mitMarmor-undSpie-
gelglaswänden

German pavilion in Barcelona. Hall with walls of
marble and mirror

Pavillon allemand ä Barcelona. Salle aux parois
de marbre el de verre ä glaces

Foto Berliner Bild-Bericht

neuen wefentlicheren hinführen. Der Mann kommt um Hunde zu fehen und
findet bedeutende Bilder und Photos, die Frau kommt, um ein Deckchen
oder Nippes zu fuchen und findet Dinge von klarer Form. Wenn das Aus-
ftellen Sinn haben foll, fo muh erreicht werden, dab nach und nach das Be-
dürfnis geführt wird, etwa vom gemalten Hund zur groben Geftaltung, vom
Kanapee zur lauteren Klarheit einer neuen Wohnung. Dann mag es auch
gelegentlich richtig fein, reine Kunftausftellungen (möglichft kleine, denn die
Maffenanfammlungen von Bildern, wie fie heute beliebt find, find furchtbar),
zu zeigen.

Man darf nicht hineinhören in die Stadt: was wird gewollt, was wünfcht fich
das Publikum. Darnach darf nur die Methode der Ausheilung fich richten.
Man mub wiffen, wohin man führen will. Mögen die Leute vom Film, der
amerikanifche Gefchäftsmann den „Dienft am Kunden" anbeten, das Nach-
laufen jeder Schwankung der Wünfche des Publikums. Mag fein, dab ein
gutes Gefchäft damit zu machen ift. Wir dürfen höchftens in den Titeln nach-
geben, im Inhalt nie.

Der Kampf, der uns aus der Konfequenz erwächft, wird leicht gefährlich. Er
ift aber nicht etwas, was uns Mufeumsieiter von „wefentlicher Arbeit" abhält,
fondern eine unterer Aufgaben. Für lebendige Kunft, für die Neugeftaltung
unferer Zeit einzutreten, ift eben nicht eine freundliche, befchauliche Tätig-
keit am Schreibtifch, fondern fie fordert — wie jede echte Wiffenfchaft übrigens
auch — den ganzen Menfchen.

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