Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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BEMERKUNGEN ZU BÜCHERN UND ZEITSCHRIFTEN

Tauts Kompendium

Der Verlag Julius Hoffmann Stuttgart hat die Arbeit von Bruno Taut
über die moderne Architektur in feine „Bauform-Bibliothek" auf-
genommen und damitderdeutfchen Leferfchaftzugänglich gemacht.
(Die neue Baukunft in Europa und Amerika. Mit 303 Abbildungen
und 80 Grundriffen.) Das Buch war urfprünglich für das „Studio",
alfo für den angelfächfifchen Kreis, gefchrieben, und diefer Umftand
erklärt manche Befonderheit in ihm, vor allem den ftark fühlbaren
manifeftartigen Charakter vieler feiner Kapitel. Taut ift in (einen
Bauten wie in leinen Schriften durchaus ein Kämpfer, dazu ein unab-
hängig denkender Geift, der Licht und Schatten nach eigenen
Maßftäben verteilt und das Paradoxe eher fucht als vermeidet.
Daß er felber die Bewegung von Anfang an in der erften Reihe
mifgemacht hat, gibt gerade diefem Buch einen befonderen Reiz
und unterfcheidet es vorteilhaft von vielen etwas blaffen Schriften
der Theoretiker.

Im einzelnen allerdings wird der Widerfpruch fchwerlich ausbleiben
können. Wenn Taut beifpielsweife im Anfang [ehr richtig auf die
Notwendigkeit der Schaffung einer neuen Äfthefik hinweift (worin
er fich (ehr mit Gedankengängen von Adolf Meyer berührt),
dann aber betont auslpricht, die Aufgabe der Architektur fei die
Schaffung des fchönen Gebrauchs, fo läßt er gleichfam
durch eine Hintertüre gerade diejenigen alten Maximen wieder
ein, die er in dem Buche fortgefeßt leidenfchaftlich bekämpft. Die
Amerikaner, denen Taut in einem der beiten Kapitel fehr (charf
auf die Finger fieht, bauen etwa ein Zeitungsgebäude im Stil des
Palazzo del conliglio in Verona; auch fie wollen damit nichts anderes
als gerade den „fchönen Gebrauch" fchaffen, und es würde wahr-
fcheinlich wenig fruchten, wenn man ihnen oder einem unbefange-
nen Lefer die Verfchiedenheit des gedanklichen Ausgangspunktes
erklären wollte.

Ähnlich verhält es fich mit Tauts Äußerungen über Holland. Er
nimmt zwilchen der Amfterdamer und Rotterdamer Schule eine
neutrale Stellung ein und meint fehr geiftreich, daß auch die Rotter-
damer bei ihrem Konftruktivismus der Gefahr formaliftifcher Experi-
mente, wie fie fie an ihren Amfterdamer Kollegen tadeln, nicht
entgangen feien. Aber wo liegt nun das Ziel? Es ift die Schwäche
diefes fo intereffanten und Ipannend zu lefenden Buches, daß es
die Schattenfeiten (ehr genau fieht, daß es aber die eigentlichen
Löfungen nur undeutlich aufzuzeigen vermag. Vielleicht liegt die
Urfache diefer Diskrepanz darin, daß Taut es (ich vertagt hat, ein
paar konkrete Aufgaben der neuen Baukunft an fertig vorliegen-
den Beifpielen durchzufprechen, was zum mindelten auf dem Ge-
biete des Siedlungsbaues oder der Betonkonftruktionen möglich
gewefen wäre. Ebenfo wird der Laie in dem Buche die Darltellung
einzelner führender Perfönlichkeiten vermiffen. Le Corbufier z. B.,
deffen (chwache Seiten man nicht zu überfehen braucht, um feine

21 Die neue Aufnahme-Abteilung der Frankfurier Univerlitätskinderklinik.
The new reception -department of the infants'hospital of the Francfort uni-
versity. • Le nouveau departement de reception de l’höpital universitaire de
Francfort s. I. M. Architekt Walter Körte, Frankfurt. (Entwurf: Architekten
Martin Elfäder und W. Körte). Foto Leiftikow

epochale Bedeutung zu erkennen, wird immer nur geftreift. Da-
gegen ift dann etwa das Kapitel VI, „Elemente", für Architekten
ausgezeichnet. Hier fchöpft Tautaus einer, wie man (pürt, reichen
und fruchtbaren Erfahrung und Kenntnis.

Alles in allem: ein fehr perfönliches, von einem klugen Kopfe
gefchriebenes Buch, dem zu feiner vollen Wirkung in die Breite
vielleicht nur die Vollftändigkeit der Gedankengänge fehlt. Der
Verlag hat ihm eine opulente Ausftatfung mitgegeben. Die vielen
Bilder allein fchon machen das Werk für die Bibliothek der Archi-
tekten und Kenner begehrenswert.

Krife der Kunftkritik!

Der bekannte Berliner Kunftfchriftfteller Alfred Kuhn hat kürz-
lich in einem temperamentvollen Auffaß der Kunftkritik, feinem
eigenen bisherigen Metier, abgefchworen, und ift daraufhin im
„Kunftblatt" etwas zurechtgewiefen worden mit dem begreiflichen
Einwand: Wenn du die Nafe voll halt, ift damit noch lange nicht
erwiefen, daß die Sache felbft nichts taugt.

Immerhin — es ift gut, daß das Thema wieder einmal aufgegriffen
wurde. Man braucht nur das Feuilleton irgendeiner großen Tages-
zeitung zu verfolgen, um zu willen, in welcher Mifere (ich die
Kunftkritik heute befindet (für Theater und Kino gilt dasfelbel).
Ob es fich um Bilder, Plaftiken oder Bauten handelt überall
werden noch die alten äfthetifchen Kategorien des leßten Jahr-
hundertstreu und bravangewendet. Die Werke werden fo gefehen,
als hingen fie in der blauen Luft, unberührt von Leben und Arbeit
einer inzwifchen fo gründlich gewandelten Welt. Wir bekommen
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