Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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links, to the left, ä gauche
Der Ehrenhof des Deutfchen Mufe-
ums ■ The Court of Honour in the
German Muleum ■ La Cour d'Hon-
neur au Musee allemand

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rechts, to the right, ä droite
AUGUST E N DE LL, Modell für ein Mu-
ieum in Eifenkonttruktion. 1917 ■ Mo-
del ofa Museum in iron construction.
1917 ■ Modele d'un Musee en con-
struction de fer. 1917

der Mangel an Gefühl für die loziale Beziehung von Bau zu Bau
nur ein Spezialfall mangelnden Sozialgefühls überhaupt ift.

Beim Fundamentieren (teilte (ich heraus, daß der Baugrund eine
Kataffrophe war. Ein breites Kalkloch, 50 60 Meter tief, in das

alles verlank, Ichob fich 40 Meter breit in die Intel hinein. Es wurde
fchließlich — eine großartige technilche Leittung — eine 18 Meter
dicke Betonbrücke über dielen Kalkabgrund gebaut, und auf
ihr ruht licher das Muleum.

Hätte es nicht eigentlich nahe gelegen, wenigltens jeßt die monu-
mentalen Pläne zu revidieren? Mußte, wenn der Grund (o ge-
fährlich, die Abhilfe Io unerhört kotttpielig war, unbedingt ein Io
mafliver Tempel hergeltellt werden ? Hätte es nicht nahe gelegen,
unter dielen Umltänden Itatt des ffeinernen Kololfes eine Sfahl-
oder Eilenbetonkonltruktion zu wählen, mit dem Ziel einer mög-
lichlten Erleichterung des Gewichts? Damit brauchte das Muleum
durchaus kein Schuppen oder Kalten zu werden. So hätte man
der zeitgenöllilchen Baukunlt eine große fördernde Aufgabe ge-
teilt. Aber keine Spur. Da man fühlte, daß die gewünlchte Achlen-
fteifheit und monumentale Tempelhaftigkeit dann gefährdet fei,
blieb man bei dem dick mit Kalkltein falladierten Steinbau, delfen
Wuchtigkeit und ganz nußlofe Mammuthaftigkeit namentlich in den
Kellergelchollen jeder Befchreibung Ipottet.

Und Io geleilt lieh zu der Groteske des unbetretbaren Ehrenhofes
die zweite Groteske: Beton rettet den Bau vor dem Ablacken in
den Kalk; der eilerne Steg des Stahlwerksverbandes — hoffen
wir auf ihn! — rettet ihn aus der Kotierung . . . aber die Säule aus
Kalkltein macht ihn großartig. Die moderne Technik, das zeitge-
mäße Können des Beton- und Eilen-Ingenieurs ilt gut genug, den
Bau zu tragen und benußbar zu machen, aber (onlt hat moderner
Geilt keinen Anteil an ihm.

Egoiltilches Zerlchlagen der Tradition (daß die Fallade „Tradition"
in formalem Sinne markiert, ift ja lehr unwefentlich) und gleich-
zeitig Boykott der modernen Möglichkeiten und Kräfte. Schinkel,
der Ichon vor 100 Jahren als einer der Erlten mit der Eilen-Kon-

Itruktion pofitiv gerechnet hat, hätte daran kann gar kein Zweifel
(ein — in diefem Falle alle Möglichkeiten der Zeit relolut er-
griffen — nicht nur für die unterirdilche Rettung, londern ebenfo-
lehr für die lichtbare Geftaltung. Es wäre lehr wohl möglich ge-
welen, mit Hilfe gerade der modernen Konltruktionsmittel hier
einen Bau zu errichten, der mit ganz neuen Mitteln die künftlerifche
Verbindung zum alten Muleum gewahrt hätte.

Es lei h ier erinnert an die Arbeiten Augult Endells für ein Heeres-
Mufeum in Eifenkonltruktion - nur wenige Jahre nach der Inan-
griffnah me der Mellelbauten entltanden. \A/ir veröffentlichen hier
das Modell. Man vergleiche den leichtgelpannten, lichten Bau
Endells mit Meffels d umpfer Schwere (Abb. 49 und 50), und man
vergleiche belonders den Ausltellungsfaal Mellels mit Augult
Endells Halle. (Abb. 51 und 52.)

Aber die Konlequenzen des erlten Anfangs gehen immer weiter:
auch für die Füllung der Muleen lind die Anlprüche der Reprä-
(entation entlcheidend. Der Pergamonlaal ilt Io breit wie die Straße
Unter den Linden (Abb. 53). Leider ift der Wert der Skulpturen
nicht lehr erheblich. Die Prozeffionsltraße des Nebukadnezars wird

51

AUGUST ENDELL. Ausftellungsfaal des Heeres-Muleums ■ Exhibition Hall
of the Army Museum ■ Hall d'Exposition au Musee de l'Armee

52

Meffels Ausltellungsfaal im Deutfchen
Mufeum ■ Mr. Messel’s Exhibition
Hall in the German Museum ■ Salle
d’exposition au Musee allemand,
construile par M. Messel.

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