Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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Der Tänzer POMIES ■ Mr. POMIES, the dancer ■
M. POMIES, danseur. ■ Foto Kerfesz

reichen Bühnenelemente. Prampolini lieht in ihm kaum mehr ein nütjliches
Element der Bühnenhandlung. Er ift wirklich der Anficht, dafy der Raum auf
der Bühne eine Individualität ift, die Bühnenhandlung beherrfcht und lehr
wohl die Funktion des Schaufpielers darltellen kann. Es handelt lieh nach
Prampolini in ihm um ein dynamifches Element, deffen Ausdruck lieh zwilchen
Szenerie und Zulchauer einlchiebt. So entltand die Vielfachausdrucksbühne,
die ein transzendenterSchulungsorganismus des Gemeinfchaftsleben werden
lollte: ein Kampfplah des geiltigen Ringens, der abltrakten Ideen. Die künlt-
lerilche Leiltung lollte etwas Panoramaartiges fein.

Enrico Prampolini, Verfaller der Pantomimen „Der Herzenhändler", „Die
Heilige Schnelligkeit", „Popolaresca" und „Seelenkunde der Malchinen",
wo er die berühmte Kapelle der „Lärmer" von Luigi Russolo verwandte, hat
einige feiner Theorien bei den zahlreichen von ihm durchgeführten Regie-
leiftungen angewandt. So in Rom, unter anderen in „Vulkan" und „Ge-
fangene" von Marinetti, „Matum und Tevibar" von Pierre-Albert Birot, in
Prag, im „Feuertrommler,, von Marinetti, im „Zifferblatt der Liebe" von Fol-
gore und der „Affeninlel" von Antonelli, in Paris, in der „Geburt des Zwit-
ters", „Sappho" und der „Paradielilchen Extale der Heiligen Therefe" von
Orazi, dem „Todeskampf der Role" von Davico, den „Drei Augenblicken"
und der „Stunde der Spielpuppe" von Folgore, „Cocktail" von Marinetti,
dem mimifchen Traumltück „Der Salamander" von Pirandello und der fchö-
nen „Hochzeit des Eiffelturms" von Jean Cocteau.

Zeitlich näherliegend und in etwas anderer Richtung gründete Prampolini in
Paris die P a nto m i m e n b ü h n e, bei der es ihm gelang, mimifche Hand-
lung, Lichtarchitektur, Mulik, Automaten, Tanz, Mafchinen und Szenerie ziem-
lich harmonilch zu verfchmelzen. Die futuriltifche Pantomimenbühne lehnt das
leichte lineare Spiel des Künltlers ab, der lieh damit begnügt, im Raum das
zu übertragen oder zu befchreiben, was die Mulik in der Zeit ausdrückt. Sie
will nichts mehr zu tun haben mit dem mimifchen Zierrat, der etwas Ober-
flächliches bedeutet: lie will ins Reich der Architektur eintreten, die Tiefe hat.
Bei der Pantomime von Prampolini tollen alle Elemente, Mulik, Malerei,
Gefte, miteinander in Einklang Itehen, ohne ihre Eigenart aufzugeben; der
Rhythmus des Lauts und der der Ausltattung tollen in der Seele des Zu-
Ichauers eine gleichzeitige leelifche Wirkung auslölen. Die Pantomimenbühne
ilt daher ein Schaufpiel für die Intuition und den Inftinkt, manchmal der Lo-
gik entratend, das lieh an alle unlere Fähigkeiten richtet, die gleichzeitig
dabei in Tätigkeit treten lollen.

Dies find die Ideen, die Prampolini bei der Bühne der Zukunft angewandt
lehen möchte.

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