Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Natürlich wäre es müßig, für Malerei oder Plastik einen Gegensatz zwischen
Kunst und Technik konstatieren zu wollen und nicht zu sehen, daß beispiels-
weise die abstrakte Malerei, die jedenfalls die echteste Ausprägung der freien
Kunst in unsern Tagen darstellt, künstlerische Ueberlegungen enthält, die sich
aufs Engste mit den notwendigen technischen Abstraktionen des neuen Bauens
berühren. Aber ebenso müßig wäre es, nun etwa von der Kunst eine unbe-
dingte Verbindung mit der Technik zu verlangen. Wer so spricht, der weiß
nicht, welche Stunde es geschlagen hat. In allen geistigen Prozessen genau
wie in der Chemie werden sich immer nur Elemente von gleicher innerer Struk-
tur miteinander verbinden, und darum liegen diese Stellen einer organischen
Transfusion zwischen Kunst und Technik nicht etwa dort, wo die Malerei ver-
sucht, technische Prozesse darzustellen, sowenig wie eine wirklich soziale
Malerei nicht dadurch zustande kommt, daß Szenen aus dem Leben des

Arbeiters geschildert werden. Die Stellen der Transfusion liegen aber auch Aus dem Film (iAbbruch und Aufbau1
nicht in den sog. „künstlerischen" Autos, die ihre „schöne" Form oft genug auf Wilfried Basse, Berlin.
Kosten einer rationellen Konstruktion und jedenfalls auf Kosten der Billigkeit
erhielten. Sondern diese Stellen der Transfusion liegen heute in jeder Art von
architektonischem Plan, und ganz besonders im Städtebau und der mit ihm
unlöslich verbundenen Landesplanung. Hier ist, vom künstlerischen Standpunkt
aus gesehen, der Pulsschlag einer technisierten Zeit wie der Gegenwart, am
reinsten zu beobachten. Da, jede technisierte Zeit, denn die Gegenwart ist
durchaus nicht die erste, wird in solchen Phänomenen am klarsten künstlerisch
zu erfassen sein, und ein Historiker, für den der Stadtplan des spätantiken oder
des modernen Rom nicht dieselbe Evidenz der künstlerischen Aussage be-
sitzt wie irgend ein altes Fresko im Vatikan, der ist kein echter Historiker. „Die
Geschichte", sagt Paul Valery in seinen „regards sur le monde actuel", „hat
einen Sinn und einen Wert nur für denjenigen Menschen, der eine wahre Lei-
denschaft für die Gestaltung der Zukunft in sich nährt". Joseph Gantner.
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