Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Eine Illustration des kritischen Standes der Wohnungsfrage:
72 Prozent aller in Prag Beschäftigten haben ein geringeres Einkommen
als 10 000 Kr. jährlich. In der von der Stadt Prag zur „Aufhebung" der
Wohnungskrise geschaffenen Neubauten kostet eine Wohnung von einem
Zimmer und Küche 4500 bis 5000 Kr. Für 72 Prozent der werktätigen Be-
völkerung macht daher der Zins durchschnittlich 48 Prozent des Einkom-
mens aus. Eine anständige Wohnung zu annehmbarem Zins kann sich in
Prag 81 Prozent aller Beschäftigten nicht leisten.
Die Folgen dieser Wohnungspolitik:

Steigende Zinsen. Die Verbreitung der arbeitenden Schichten in die ent-
fernte Periferie. 35 000 Menschen suchen in Prag vergeblich eine Wohnung
zu erschwinglichem Preis. 15 000 Menschen wohnen in Prag in viertausend
Baracken und Waggons. Die Souterrains der Prager Zinshäuser sind dicht
besiedelt. Die Ueberbevölkerung macht 31,5 Prozent aller Wohnungen
aus.

Es wurden alle Erscheinungen geprüft, die eng mit der Wohnungsfrage
zusammenhängen: Kinderfürsorge, die Anzahl der Grünfläche, die Hy-
giene, die Sterblichkeit, das Absinken der Geburten. Das Tuberkulose-
prozent macht in gewissen Stadtteilen Prags bis zu 27 % aus. In Mäh-
risch-Ostrau ist jeder vierte Mensch an Tuberkulose gestorben.
Diese ganze Analyse, die auf Grundlage amtlicher Statistiken durchge-
arbeitet worden war, wurde der Oeffentlichkeit vorgelegt. Von einer
Reihe der besten architektonischen Zeitschriften wurde die Ausstellung
sehr günstig aufgenommen („Stavitel", „Stavba", „Zijeme 1931"). Hinter
die Ausstellung stellte sich der Verband der Mieter und Kolonisten in
Prag und der Klub der Kommunistischen Abgeordneten.
Die Ausstellung wurde trotzdem polizeilich verboten, zuerst aus formalen
Gründen. Der tatsächliche Grund zeigte sich jedoch erst, als die Aus-
stellung noch dreimal hintereinander verboten wurde, obwohl die for-
malen Gründe beseitigt worden waren.

Dieses Vorgehen rief bei dem Großteil der architektonischen Oeffentlich-
keit eine starke Erbitterung hervor. Die Architektensektion der „Levä
fronta" protestierte gegen die Schließung der Ausstellung, und den Pro-
test unterschrieb eine ganze Reihe hervorragender Architekten (Bens,
Chochol, Havlicek, Honzik, Krejcar, Kroha, Stary, Teige). Den Protest
unterstützen die architektonischen Revuen („Stavba", „Zijeme 1931")
und mehrere Tageszeitungen."

Soweit der Bericht der „Levä fronta". Wir nehmen an, daß es sich bei
dieser Ausstellung um eine ähnliche Demonstration handelte wie bei der
„Proletarischen Bau-Ausstellung", die kurz vorher, parallel zur großen
offiziellen Bau-Austeilung, in Berlin stattfand. Und wir teilen die Meinung
der ausgezeichneten tschechischen Architekturblätter „Stavba" und „Sta-
vitet", daß es eine Albernheit ist, solche Aufklärungsausstellungen zu ver-
bieten. Denn welches politische Regime ein Staat heute auch haben mag
— von einer ernsthaften und wirklich sozialen Beschäftigung mit dem
Wohnungsproblem wird sich heute keine noch so reaktionäre Regierung
mehr dispensieren dürfen!

Wie sehr diese Ideen der Wohnungsreform gerade auch im Osten in die
Provinz vordringen, zeigt der nachfolgende Bericht über die Ausstellung
in der polnischen Stadt Stanislawow. Gtr.

«ob )Kü.

Schweiz

Katholischer Kirchenbau.

Seitdem Karl Moser in der bekannten Antoniuskirche von Basel (1926)
einen neuen Typus moderner katholischer Kirche geschaffen hat, ist diese
Baufrage in der Schweiz begreiflicherweise dauernd diskutiert worden

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Alberto Sartoris

Projekt für die Dorfkirche von Lourtier (Schweiz). Im Bau.

Projet de l'eglise de Lourtier (Suisse). En cours de construction.

Project of the village church at Lourtier (Switzerland). Under construction.

Das Land hat erstaunlich viel gebaut in den letzten Jahren, auch viele
Kirchen, aber man hat dabei trotz des Basler Beispiels an dem traditionel-
len Neo-Barock oder an den Formen modischer Modernität festgehalten.
Nun wird in dem kleinen Walliser Dorf Lourtier eine zweite Kirche in
reinem neuen Stil entstehen, eine Arbeit des unsern Lesern wohlbekannten
italienischen Architekten Alberto Sartoris, der seit einigen Jahren
in der Schweiz lebt.

Das Problem ist gerade hier außerordentlich schwer, da mit einer fest-
gefügten Tradition zu rechnen ist und mit der immer wieder aufgeworfenen
Frage, ob wirklich das Bedürfnis der katholischen Kirche nach Repräsen-
tation, nach bestimmten kultischen Schmuckformen durch die gradlinige
Einfachheit der modernen Formen befriedigt werden kann. Vielleicht
gelingt es, mit der Kirche von Lourtier einen Typus zu schaffen, der
für die zahlreichen Kirchenbauten des Landes vorbildlich werden kann.
Gerade diese klare, unrepräsentative Form müßte, so sollte man meinen,
dem einfachen Sinn des schweizerischen Landvolkes besonders ent-
sprechen.

Interessenten seien auf eine Broschüre von Edmond Humeau, La
Chapelle de Lourtier, aufmerksam gemacht, die vom Architekten
(Alberto Sartoris, Chäteau de Gierolles, Rivaz, Schweiz) bezogen werden
kann. Gtr.

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