Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Stadt zwischen Battery Park und Chambers Street, überdeckt. Aber auch inner-
halb dieser älteren Hochhausgruppe war die leuchtende Fackel in der im
Zeichen der „Liberty" erhobenen Hand des Standbildes schon seit langem von
einem Lichtermeer im Zeichen des „Commerce" überstrahlt. Am 24. April 1913
drückte Präsident Wilson auf seinem Schreibtische im Weißen Haus auf einen'
elektrischen Taster und erleuchtete damit die abertausend Lichter des an
jenem Tage eröffneten Woolworth Building, „The Cathedral of Commerce".
Dieses bis vor 3 Dahren höchste Gebäude der Welt und das Singer Building
unweit davon, waren die ersten, der auf grandiose Lichtwirkung ihrer des
nachts erleuchteten Türme komponierten Wolkenkratzer.

Bis dahin blieb die Entwicklung des New Yorker Hochhauses ganz in der
utilitarischen, auf höchste Grundausnützung in massigem, vielgeschossigem
Baukörper befangen; seine Architektur beschränkte sich auf den Dekor der
Fassaden, fast ausnahmslos in renaissancistischem Stil. Das im Jahre 1912, an-
nähernd gleichzeitig mit dem — als Turmbau natürlich gotisch geformten! —
Woolworth Bau errichtete neue Equitable Building wurde mit seiner in 38 Ge-
schossen nahezu über die ganze Blockfläche hochgeführten Verbauung der
typischste Repräsentant dieser Richtung, welcher in den folgenden Dahren zahl-
lose Nachfolger fand (Hudson Terminal Bldg., Pennsylvania Hotel, große Apart-
ment-Häuser etc.). Die Schäden und Nachteile, welche diese Art der kompak-
ten City-Ueberhöhung für ihre werktätigen Bewohner mit sich brachte, gab die
Veranlassung zur Reform der Bauordnung — der Zoning Law —, welche in den
bekannten Bestimmungen über Abtreppung und Zurückrückung der oberen Ge-
schosse und in der Beschränkung des ohne absolute Höhengrenze bebaubaren
Teiles der Parzelle auf einen Bruchteil derselben, gipfelte. Diese neuen Be-
stimmungen hatten zur Folge, daß sich weit mehr als vordem, der bedeutende,
repräsentative Bau von der Masse der übrigen abhob. Denn wollte man das
Gebäude trotz der obligaten Zurückrückung der oberen Geschosse in Bau-
fluchten, welche von der Straße nicht mehr sichtbar waren, zur Geltung bringen
und aus seiner Umgebung hervorheben, mußte man die Front an der Baulinie
selbst niedriger halten und die zurückgerückten Gebäudeteile umso höher
führen. Bei den größeren Bauten, welche am Kopfende der typischen, schma-
:;, len New Yorker Blöcke gelegen, häufig drei Straßenfronten erhielten, war der
Ü: unbegrenzt überhöhbare Teil der Baufläche, zufolge der Abtreppung von drei
|Ü Seiten her, so eingeengt, daß nur noch eine Turmverbauung möglich blieb.
Üt Schließlich drängte aber auch noch die Oekonomie des Grundrisses zu dieser
Entwicklung. Die kompakte Verbauung ergab soviele Kommunikationsflächen
und unbelichtete Räume, daß die spezifisch höheren Baukosten der Turmkon-
H struktion durch die günstigere Ausnutzung des unbebauten Raumes wett-
gemacht wurden.

Dies waren die Gründe, weshalb ein Jahrzehnt neuer nordamerikanischer
n „prosperity" in Manhattan ihre Blüten: mächtig entfaltete Trusts, Banken, Ver-
kehrs- und Versicherungsinstitute, räumlich in Form gigantischer Türme aus dem
Stadtkörper emporschießen ließ. Im Verlaufe seiner Entfaltung zeigte sich nun
sehr bald die struktive, raumbeherrschende Kraft des Turmbaues. Von wenigen

Irrtümern, wie der Errichtung des Transportation Building unmittelbar neben
Sud-Manhattan, am Battery Park. . , ■ T . . \ - . ■ T- • . •

Foto Dr Brunner Woolworth Tower abgesehen, wurde jeder der neuen Turme in einen bis

Sud de Manhattan pres du Battery Park. dahin turmlosen Sektor gestellt; jeder nachfolgende Rivale suchte sich seinen

Southern Manhattan, near Battery Park. Standort wieder tunlichst abgerückt von dem bestehender Turmbauten. Außer

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