Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

Seite: 122
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Stil und Zukunft einer Hauptstadt

Zu dem Wettbewerb für einen „Allgemeinen Erweiterungsplan der Stadt Bern

und ihrer Vororte". .. _ _

Von J. Gantner.

I.

Jeder Kenner alter Stadtbaukunst weiß, daß die Stadt Bern in der Form, die das
17. und 18. Jahrhundert ihr gegeben haben, zu den imposantesten und ein-
drucksvollsten Anblicken gehört, ja, als Bekrönung eines von der Aare jäh auf-
steigenden Felsbandes, höchstens noch in der schweizerischen Nachbarstadt
Freiburg ihresgleichen findet. Die planvolle Anlage dieser Gruppe von Grün-
dungen der Herzöge von Zähringen aus dem 11. und 12. Jahrhundert ist erst vor
kurzem wieder von der Wissenschaft ins Licht gehoben worden (s. das letzte
Heft, Seite 115, mit der Abbildung eines zähringischen Idealstadtplanes nach
Ernst Hamm), und tatsächlich besitzen die meisten dieser Zähringerstädte,
neben den schweizerischen besonders noch Freiburg i. Br., Rottweil a. N. und
Villingen, heute noch ein besonders „städtisches" Gepräge. In dem Falle Bern
kommt dazu, daß die Stadt, auch lange vor ihrer Wahl zum Sitz der schweize-
rischen Behörden, schon eine Hauptstadt im Kleinen gewesen ist, Zentrum
eines großen, stark landwirtschaftlichen Hinterlandes, das noch im 18. Jahr-
hundert bis an den Genfersee gereicht hat — ein Umstand, der sich natur-
gemäß in der Architektur der Stadt als ein ständiger Anlaß für die Errichtung
bedeutender Bürgerbauten geltend machte.

Es ist klar, daß ein solches Erbe verpflichtet. Nicht nur deshalb, weil es ein für
die Baugeschichte überaus kostbares Erbe ist, und nicht etwa in dem Sinne,
daß ein solches Erbe auch in seiner architektonischen Form maßgebend sein
müßte für alles Neue, sondern vor allem: weil dieses Erbe der Stadt Bern den
für eine heutige Stadt seltenen Wegweiser für ihre Entwicklung, sozusagen für
ihren künftigen Typus, ihre „Funktion", gegeben hat. Die Wahl von Bern zur

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