Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

Seite: 145
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Wir sahen, daß die verschwenderischen Arbeitsmethoden im öffentlichen
Wirtschaftsraum in krassem Gegensatz stehen zu den ökonomischen Be-
triebsmethoden in dem privaten Wirtschaftssektor und darum von Grund
auf neu geformt werden müssen.

Wir sahen, daß der Handel sich diese verschwenderischen Arbeits-
methoden in dem öffentlichen Sektor des Wirtschaftens (also auch in dem
Raum zwischen Privatbetrieb und Privatbetrieb) zu Nutze gemacht und
sich in einem unerträglichen Ausmaß aufgebläht hat.
Wir sahen, daß wir die Transportwege als Unkostenfaktoren zu erkennen
und dadurch abzukürzen haben, daß wir Produktion und Verbrauch (insbe-
sondere von Nahrungsmitteln) einander näher bringen.
Wir sahen, daß die neue, auf Produktion und Verbrauch eingestellte
Siedlung mit Rücksicht auf ihre starke Anlehnung an die Maschinenarbeit
ganz andere Formen annehmen muß, als die alten Siedlungen, und daß
wir an die Stelle der alten Fußgängerstädte moderne Bandstädte setzen
müssen.

Wir sahen, daß eine neue Flächen- und Raumwirtschaft unseren Verbrauch
an Kapital einzuschränken und unseren Lebensstandard zu steigern hat.
Und schließlich sahen wir, daß alle Ankurbelungsversuche unserer Wirt-
schaft daran scheitern, daß sie von unausgebildeten „Herrenfahrern",
aber nicht von ausgebildeten Ingenieuren erfolgen.
Werner S o m ba r t hat die Grundbestandteile des Begriffes „Wirtschaft"
einmal zu dem Tryptichon zusammengefaßt: Geist—Form—Technik.
Ueberschaut man heute die Krise der Welt, der Länder und der Städte
mit einem Blick für das Wesentliche, das Schöpferische und Organische,
dann kann es uns nicht wundern, daß sich die Wirtschaft im Zustande des
Zerfalls befindet. Wo sind die dreiGrundpfeiler ihrer Existenz geblieben?
Der Wirtschaftsgeist bemüht sich um „naheliegende Unebenheiten" und
hat es aufgegeben, im Umfassenden zu deuten, die Vernunft mit dem
Leben und den Willen mit der Tat in Uebereinstimmung zu bringen. Ein
Händler geist beherrscht die Welt, der von Adam Smith zwar die
Formel des Handelns übernommen hat, der aber seine volkswirtschaft-
lichen Voraussetzungen des freien Spiels der Kräfte, seine „moral
sentiments" überhaupt nicht kennt.

Die alte Form des Wirtschaftens, eben dieses „freie Spiel der Kräfte" ist
in durch - und d u r ch gewirtschafteten Räumen zur Unmöglichkeit ge-
worden und hat ganz zwangsläufig wieder zu gebundenen Kräften ge-

führt. Ihre zunächst in der ersten Stufe durchgeführte unorganische und
gemein schädliche Bindung in der Form der Kartelle, Syndikate und Kon-
ventionen und dem ganzen Rest alter Zunftformen muß einer organischen
und planvollen Bindung weichen. Eine neue Wirtschaftsform ist im
Werden: Die Form organisierter Raumwirtschaft mit höchstmöglichem
volkwirtschaftlichem Nutzeffekt.

Und der dritte Grundpfeiler alten Wirschaftens? Die Technik wurde miß-
braucht! Die Maschine, die ihrem ganzen Wesen nach unpersönlich und
überpersönlich ist, die nicht einem, auch nicht „zween Herren", sondern
vielen und allen Herren dienen will und sich nur dann voll auslebt, wenn
sie Tag und Nacht mit gleicher Kraft in gleicher Richtung laufen kann —
diese Maschine ist im Grunde nicht für die Individualwirtschaft, sondern
nur für die Kollektivwirtschaft erfunden und geschaffen. Sie ist nur Durch-
gang und Gleichrichter für die Naturenergien, die nicht für den Einzelnen,
nicht für einen Stamm und nicht für ein Volk, sondern für die ganze Welt
und ihre Befreiung von quälender Arbeit da sind. Wer die Maschinen
gegen diesen ihren tiefsten Sinn mißbraucht, der muß sich auch ihre
Rache bieten lassen. Vor kurzem hörte ich in einem Rundfunkvortrag den
Unwillen eines Deutschen darüber, daß ein ausländischer Sender es
gewagt hatte, in das deutsche Hörgebiet einen Vortrag zu senden, der
der herrschenden Meinung entgegentrat. Es schloß seinen Protest allen
Ernstes mit der Aufforderung an die Reichsregierung, daß diese es jenem
Sender verbieten müsse, seine Strahlen nach Deutschland zu senden.
Dieses Beispiel erläutert das Wesen der Maschine und ihr internationales
Eindringen in alle Wirtschaftsräume der Welt besser als langatmige volks-
wirtschaftliche Unterhaltungen.

Einigen wir uns darauf, nicht der Maschine ihre Strahlungen, Ausstrahlun-
gen und Sendungen zu verbieten, sondern darauf, einen andern begab-
teren und für die Mehrheit des Volkes und aller Völker tätigen Sprecher
vor das Mikrophon zu stellen und den Führerstand der modernen
Maschinenwirtschaft mit einem nur dem großen Werk dienenden In-
genieur zu besetzen.

Wie diese Maschinenwirtschaft in dem Raumbild eines neuen Berlins in
großen Zügen aussehen sollte, das wollen wir in dem zweiten Teil dieser
Untersuchung darstellen, der sich mit der Synthese von Berlin beschäf-
tigen soll.

Martin Wagner.

Neue Bücher

aus Italien

La Nuova Architettura, a cura di F i I I i a. Mit Aufsätzen von
Sant'Elia, Marinetti, Sartoris, Prampolini, Fillia, Vedres, Le Corbusier, Gro-
Pius, Lurcat, Ginsburger, Von der Mühll, Diulgheroff. Verlag Unione Tipo-
grafico-Editrice Torinese, Turin. Preis 150 Lire,
aus England

R. H. Wilenski, The Meaning of modern sculpture. Mit
35 Abbildungen. Verlag Faber and Faber Lt., London. Preis 10 S. 6 d.
aus Deutschland

Erich Mendelsohn, Der schöpferische Sinn der
Krise. Vortrag, gehalten auf dem Kongreß des Internationalen Ver-
bandes für kulturelle Zusammenarbeit in Zürich, Mai 1932. Verlag Bruno
Cassirer, Berlin. Broschiert RM 1.—.

Jan Tschichold, Typographische Entwurfstechnik.
Akad. Verlag Dr. F. Wedekind & Co., Stuttgart. RM 1.50.

Hans Hildebrandt (Stuttgart) ließ im „Handbuch der Kunstwissenschaft"
„DieKunstdesl 9. u n d 2 0. Jahrhunderts" erscheinen, unerhört
reich illustriert, die ganze Abwandlung vom Barock bis zur Gegenwart
für Architektur, Plastik und vor allem Malerei vorüberziehen lassend.
Versuch zusammenfassender Analysen der jeweils hervortretenden
Kulturphasen. (Ob mit dem Klassizismus die letzte internationale Kunst-
anschauung verloren gehe, dürfte die Frage bleiben.) „Die neue Stadt"
interessiert sich vor allem für die Stellung des Buches zur G e g e n w a r t.
Man merkt, wie H. mit den Fragen der neuen Zeit wirklich lebte. Bis über
den Kubismus, Konstruktivismus, die neue Gegenstandssuche und dann
wieder den Surrealismus ist feinfühlig und lebendig analysiert. Ueberall
kultiviertes Verständnis auch für jüngste Regungen, wo sonst auch
„Kenner" doch alles als Verfall abzulehnen pflegen, was über das Grund-
erlebnis ihrer eignen Jugend hinausgeht. Roh.

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