Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

Page: 178
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Die alte Stadt war die Stadt der Obrigkeit, der Bürokratie und der
Polizei, die (bei mangelnder organischer Selbstwaltung) im „freien
Spiel der Kräfte" für Sicherheit und Ordnung zu sorgen hatte. Die junge
Stadt der vollendeten Maschine kennt keinen Gegensatz mehr zwi-
schen „privater" Wirtschaft und bevormundender, Steuer erpressender wr
Verwaltung! In unserem Fünfziger herrscht die Selbstwaltung einer ^fl W
Zweckstadt, die alle Bürger zu einem einzigen wirtschaftlichen Schick- JM F^TN
sal verbindet! Unser Bürgermeister verwaltet nicht mehr, er waltet und 1
wirtschaftet! Er zieht nicht mehr „Steuern" ein, sondern er verdient
„Ueberschüsse"! Er hat sich nicht mehr um quantitative „Vergrößerun- wj
gen" seiner Stadt zu bemühen, sondern nur noch um Verbesserungen

und Erneuerungen! Es ist nicht mehr der „kleine" Bürgermeister einer H Efl
50 000 Einwohnerstadt, sondern der „große" Generaldirektor eines mßU
5000 Mann-Werkes. In dieser Stadt gibt es nicht mehr Anträge und Ge-
suche, die darauf warten, genehmigt oder verboten zu werden, son-
dern nur noch Planungen, die ausgeführt werden! Das Doppelleben von

Bürger und Bürokrat mit seiner vielfältigen Doppelarbeit sinkt wieder ■ • - ' l^M

auf das Maß der reinen Vernunft herab.

Unser „Fünfziger" ist keine Stadt und er ist kein Land. Er ist „Stadt-
Land"! Er ist die landbetonte Stadt und das stadtbetonte Land! Dieses
Stadtland zieht sich wie ein langes großes Dorf als „Bandstadt" durch das H
Land. Nur hat es mit dem „Dörflichen" nichts mehr gemein, nichts Aeußerliches Edmund Kesting, Dresden

und nichts Innerliches! Die Dorfstraße ist ein Verkehrsraum, der dem Auto (und . er_,.1 . . , e

' v Le Chinois, peinture

nur dem Auto) in jeder Richtung drei Fahrbahnen für drei verschiedene Ge- Tne chinaman, Painting.
schwindigkeiten bietet.

Eine Schwebebahn mit kleinen Leichtmetallwagen fährt im laufenden Band
die „Dorfstraße", diese einzige Verkehrsstraße der Stadt, herauf und herunter
und nimmt jede Minute an jeder Station einen Fahrgast auf. Raum- und Zeit-
spitzen des Verkehrs sind dem Fünfziger unbekannt. Eine Fernbahn mit klein-
sten Triebwagen verbindet mit höchster Geschwindigkeit unser Stadtland mit
der größeren Mutterstadt der nächsten höheren Kreis- oder Provinzial- oder
Landes- oder Reichsstadt.

Die in Eigengärten gebetteten Wohnquartiere unseres Fünfzigers liegen,
wie der Mittelstreifen einer Fahne, zwischen dem langgestreckten Arbeits-
raum und dem ebenso lang- wie weitgeformten Nahrungsraum, in
dem die Maschine ebenso waltet, wie im Fabrikraum und der mit dem Ganzen
zu einer wirtschafts- und verwaltungspolitischen Einheit verbunden ist. Land-
arbeit wird wie Stadtarbeit bezahlt und kann so bezahlt werden, weil die Nah-
räumlichkeit alle überflüssigen Transporte und jeden überflüssigen Zwischen-
handel beseitigt, weil das Land alle Abfälle der Stadt verarbeitet und weil die
Maschine und die Oekonomie der neuen Stadt die höhere Wertung der Land-
arbeit im engwirtschaftlichen Stadtverbande zuläßt. So findet die Stadt das
Land und das Land die Stadt!

Eine solche Stadt zu bauen, das wäre eine Lust! Unser „Fünfziger" ist nicht mehr
Fassade, nicht mehr Theater, nicht Freiluftmuseum für Altertümlichkeiten und
nicht Müllabladeplatz für das Banausentum! Unsere junge Stadt ist Lebensbau
und Wirtschaftsbau und Formbau für höchste Zivilisation und werdende Kultur!

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