Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Chronik der Länder

U. S. S. R.

Der Wolga-Moskwa-Kanal

Die Rekonstruktion der Städte im Rahmen des wirtschaftlichen Aufbaus
der Sowjet-Union nimmt an Bedeutung immer mehr zu. Es entstehen
kommunalwirtschaftliche Aufgaben größten Ausmaßes. Entscheidende
Bedeutung haben in diesem Sinne für Moskau die Untergrundbahn und
der Kanal Wolga-Moskwa.

Dem Kanal, der eine Verbindung des Oberlaufes der Wolga mit dem
Moskwa-Fluß herstellt, liegen zwei Gesichtspunkte zugrunde: die Wasser-
versorgung der Stadt und die Entwicklung der Schiffahrt.
Auf der Grundlage des Wachstums der Industrie vollzog sich eine rasche
Zunahme der Moskauer Bevölkerung, und zwar auf 2 800 000 im Jahre 1931
gegen 1 618 000 im Jahre 1912, was eine Vermehrung um 73 % bedeutet.
Das Moskauer Wasserleitungsnetz wurde ausgebaut und erreicht jetzt
eine Länge von mehr als 800 km. Das bedeutet eine Zunahme über 50 %
gegenüber dem Vorkriegsstande. Trotzdem sind nur 37 % aller Straßen-
züge und 42 % aller Hausverwaltungen an das städtische Netz ange-
schlossen, so daß heute noch etwa 1 000 000 Bewohner auf Entnahme des
Wassers aus Handpumpen angewiesen sind. Der Wasserverbrauch pro
Kopf und Tag der Bevölkerung ist von 61 Ltr. im Jahre 1913 auf 128 Ltr. im
Jahre 1931 gestiegen.

Vergleicht man die letzte Zahl mit der Verbrauchsziffer von London und
Berlin, die 200 Ltr. beträgt, so ergibt sich die Notwendigkeit eines grund-
legenden Ausbaues der Moskauer Wasserversorgung, zumal die Industria-
lisierung der Stadt ein weiteres Ansteigen des Verbrauchs zur Folge
haben wird. — Nach dem Plan der Moskauer Kommunalbehörde soll zum
Jahre 1935 der Wasserbedarf pro Kopf und Tag der Bevölkerung mit
250 Ltr. sichergestellt werden.

Diese Zielsetzung führte zu einer radikalen Lösung des Problems, einem
großzügigen Kanalprojekt, welches vom Juni-Plenum des Zentralkomitees
der kommunistischen Partei im vorigen Jahre angenommen wurde: dem
Wolga-Moskwa-Kanal.

Der Moskwa-Fluß bildet von jeher den Hauptspender für die Wasser-
versorgung der Stadt Moskau. Doch ist er sehr wasserarm und sein
Gehalt sinkt zeitweise bis zu 8 cbm'Sek., von denen mehr als die
Hälfte die städtischen Wasserwerke verbrauchen. Die Folge davon ist
eine derartige Senkung des Wasserspiegels, daß die Tiefe des Fahr-
wassers nur ca. 1 Meter beträgt. Die hemmenden Auswirkungen dieser
Tatsache auf die Binnenschiffahrt sind offensichtlich. Selbst die z. Zt. in
Ausführung befindlichen Regulierungsarbeiten des Stromes in der Nähe
der Rublewsker Wasserwerke können seine Kapazität bestenfalls auf
10 cbm'Sek. steigern. Somit ergeben sie nicht mehr als eine Teillösung
des Problems.

Das erste Projekt, ausgearbeitet von Ingenieur Awdejew, sieht folgenden
Weg vor: Der Kanal beginnt oberhalb der Stadt Stariza an der Wolga;
hier wird die Wolga durch einen 23 m hohen Damm zu einem gewaltigen
See angestaut, welcher in der Hauptsache zur Regulierung des Wasser-
standes im Kanal dient. Er führt in östlicher Richtung bis zur Stadt Klin und
biegt hier nach Süden ab. Schließlich bildet sich vor der Vereinigung des
Kanals mit der Moskwa beim Ort Tuschino noch ein großes Klärbecken
zur Versorgung der Moskauer Wasserwerke.

Der Vorteil dieses Projekts wäre im natürlichen Flußlauf des Kanalwassers
zu erblicken. Die angestauten Gewässer bei Stariza, durch natürliches
Gefälle bis Tuschino fließend, würden hier durch eine Schleusentreppe
30 m tief in die Moskwa fallen. Die technischen Anlagen würden sich

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Der Wolga-Moskwa-Kanal, Schematische Darstellung

The Wolga-Moskwa-Canal, Schematic plan

Le Canal entre la Wolga et la Moskwa, Plan schematique

daher ausschließlich auf die Schleusen am Anfang und Ende des Kanals
beschränken. Diese Tatsache gestattet eine beträchtliche Senkung der
Unterhaltungskosten, da der Betrieb des Kanals hydrotechnisch und
navigatorisch ohne besondere Hilfsmittel unterhalten werden könnte.
Mit einer Länge von 230 km würde die Verwirklichung dieses Projekts
den längsten Kanal der Erdkugel darstellen. Die Erdarbeiten — auf
155 000 000 cbm veranschlagt — würden hinter denen des Panamakanals,
welche 165 000 000 cbm betrugen, nur wenig zurückstehen.
Die Nachteile des Awdejew-Planes sind vor allem im kolossalen Aufwand
an Erdarbeiten und in der Länge des Schiffahrtsweges zu erblicken. Um
Moskau zu erreichen, müßten nämlich die Schiffe — von Norden über das
mariinische Kanalsystem bzw. von Süden die Wolga entlang kommend —
einen riesigen Umweg zurücklegen. Hinzu kommt, daß geologische Unter-
suchungen eine ungünstige, wasserdurchlässige Bodenbeschaffung in der
Gegend des zu errichtenden Wolgadammes ergaben. Die Kanalverwal-
lung sah sich daher veranlaßt, andere Möglichkeiten zu untersuchen.
Als Ergebnis eingehender topographisch-geologischer Forschungen
stellte sich als zweckmäßigste Kanalführung die Richtung über die Stadt
Dmitrow heraus. Nach dieser soll der Kanal seinen Anfang unterhalb des
Ortes Kortschewa an der Wolga nehmen, dem Meridian über Dmitrow
folgen, den Fluß Kljasma durchqueren und unter Ausnutzung des Flußtales
der Chimka in die Moskwa, nahe dem Orte Schtschukino bei Moskau
fallen.

In der Nähe der Mündung des Flusses Dubna, beim Dorf Iwankowo, wird
der Wasserspiegel der Wolga auf 13 m durch einen Damm angestaut.
Die Dubna wird hierdurch dem Schiffsverkehr in einer Ausdehnung von
25 km dienstbar gemacht und bildet somit den ersten Abschnitt des
Kanals. Beim Ort Ust-Strelka entsteht sodann eine Schleuse mit einem
Pumpwerk zur Hebung des Wasserspiegels um weitere 10 m. Von hier
läuft der Kanal eine etwa 50 km lange Strecke, die Stadt Dmitrow
streifend, folgt dann den Flußtälern der Jachroma und lkscha weitere
30 km und erreicht auf dieser Strecke seine höchste Lage.

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