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Neuer General-Anzeiger: für Heidelberg und Umgegend ; (Bürger-Zeitung) (Probenummer) — 1892

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Verkündigungsblatt und Anzeiger

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ür

Die „Bürgerzettung"
erscheint täglich mit Ausnahme von
Sonn- und Feiertagen.
Der Sonntagsnummer liegt ein Unter-
haltungSblatt, „Der Erzähler", mit dem
Humor. Repräsentanten „Der deutsche
Michel" bei.

Probe-Nummer.

Heidelberg, Dienstag, 2b. December 1892.

Probe-Nummer.

Der Irieöe der Zeit.
Es sind die feierlichen Christglocken mit ihrem Ruf:
Friede auf Erden, die uns dem Gedanken des Frie-
dens wieder einmal näher treten lassen. Ftiede sei auf
Erden, wünschen und mahnen sie, doch es sind, seitdem
dieser Wunsch aller Wünsche durch die Menschheit er-
ging, Jahrhunderte in das Meer der Zeiten hinabge-
gangen, allein die Frage: Was und wo ist der Friede?
ist ungelöst und ohne die rechte Antwort geblieben bis zu
dieser Stunde. Friede — der Begriff ist Niemand Ge-
beimniß und doch hat noch Niemand eine endgültige
Deutung gefunden, Friede — er könnte und sollte all-
überall daheim sein und doch ward ibm auf Erden noch
nimmer eine bleibende Stätte. Mächtig schritt die Zeit
auf dem Wege der Cultur vorwärts, sie rübmt sich dazu
allerwegen dieser Cultur und man sollte daher erwarten,
daß sie auch in der Lösung jener gewiß hochwichtigen
Frage wenigstens einen kleinen Vorschritt thun werde.
Allein ein Blick auf die Welt eines Ehemals und die
eines Jetzt lcbrt nur, daß der ewige Friedenswunsch der-
selbe ist, der er in der Menschenwelt immer war und der
er — immer sein wird. Oder sollte man „Friedens-
congresse", wie sie die jüngste Zeit zu Tage gefördert,
für den Entdeckungsweg eines wahren Weltfriedens halten?
Doch wobl nicht. In einer Zeit, die Kriegsrüstungen
zum Tagesideal erhoben bat und in der eine Militär-
vorlage die andere jagt, müssen sich alle Versuche zur
Ermittlung eines Friedensweges ausnehmen wie Märchen
und Kinderspiel.
Seit Jabreu ruht die Hand eines bewaffneten und
fort und fort rüstenden Friedens mit Bleigewicht auf den
Völkern, überall bedrückend, überall hemmend. Auf keiner
Seile ist Nachgeben, Keiner fragt, wo es endlich hinaus
soll, wenn das Volk, wenn der Bürger nicht mehr fähig
ist, die Lasten zu tragen, die man alle auf seine Schul-
tern wälzt. Ein sonnig lächelnder Genius in Helm und
Schwert: das ist beute im Bild die Antwort auf die
Frage: Was ist der Friede? Aber es liegt darin auch
ein Widerspruch, der nicht greller sein kann, denn ein
Friede in Waffen ist immer ein Product der Gewalt-
mäßigkeit und Unnatur, ein Friede, der das Kleid des
Krieges tragen muß, um den Krieg abzuschrecken, ist ein
Ding unter falschem Namen, zum mindesten hat er
nichts gemein mit dem wahren Völker- und Weltfrieden,
den die Glocken einer Christzeit in die Menschheit herab-
rufen und dem nur die Phantasie des Idealisten einen
Altar baut. Es ist eben mit diesem idealen Frieden wie
etwa mit einem Wiedersehen jenseits der Zeitlichkeit: sie
liegen beide im Bereich ewigen Hoffens und Ersehnens,

In schwerem Weröcrcht.
Criminal-Novelle
von Reinhold Ortmann.
I.
In den prächtigen, taghell erleuchteten Empfangs-
räumen des palastäbnlichen Hauses, welches die junge
Gräfin Lauenfeld heute zum ersten Mal nach dem vor
fünfzehn Monaten erfolgten Ableben ihres Gatten einer
größeren Zahl von Gästen geöffnet batte, wogte eine
bunte, glänzende Menge auf und nieder. Die Elite der
hauptstädtischen Aristokratie, die hervorragendsten Geister
auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens hatten sich
hier rusammcngefunden, um der jungen Gastgeberin zu
beweisen, daß man ihren Salon, welcher zu Lebzeiten des
Grafen eines ausgezeichneten Rufes unter der guten
Gesellschaft genoß, auch ferner als einen der ersten der
Residenz betrachten und zu einem Brennpunkt geistigen
und gesellschaftlichen Lebens machen werde.
Niemand hatte wohl mehr Veranlassung, mit dieser
Tbatsache im höchsten Grade zufrieden zu sein, als die
Gräfin selbst, deren Herkunft und Vergangenheit keines-
wegs dazu angetban schienen, ibr eine ^tonangebende
Stellung in der Creme der Gesellschaft zu sichern. Kaum
drei Jahr waren verflossen, seit Eftella Fiorelli die Bretter
des königlichen Hoftheaters verlassen hatte, um dem nahe-
zu siebzigjährigen Grafen Laucnfcld, dem Sprtßling einer
der ältesten und angesehensten Familien des Landes,
vor dem Altäre die Hand zu reichen, und nur dem
Rcichtbnm und dem Einfluß ihres Gatten im Verein

zur Wahrheit und Wirklichkeit des Erkennens oder gar
Erreichens kommt es unter dieser Sonne nimmer. Unser
großer Dichter legt in Anbetracht des Krieges einer seiner
dramatischen Persönlichkeiten die Worte in den Mund:
„Die großen schnellen Tbatcn der Gewalt,
Des Augenblickes staunenswerthe Wunder,
Die sind es nicht, die das Beglückende,
Das ruhig, mächtig Dauernde erzeugen.
Es giebt noch hober'n Werth als kriegerischen...
Des Dienstes immer gleichgestellte Uhr,
Die Waffenübung, das Commandowort:
Dem Herzen gibt das nichts, dem lechzenden,
Die Seele fehlt dem nichtigen Geschäft."
Der Idealist, der Friedensbegeisterte findet hierin seine
eigenen Gedanken ausgesprochen, aber der nämliche Dichter
läßt auch andern Ortes sagen:
„EL kann der Beste nicht im Frieden leben,
Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt",
und dies ist das Wort, das unserem Frieden Waffen
aufdrängt, das Motto, unter dem die Culturnationen der
Gegenwart wetteifernd widereinander rüsten, es ist aber
auch das Wort — in allererster Linie für uns Deutsche —,
das eine kleine Rechtfertigung enthält für unseren theueren
Frieden in Waffen, der bedauerlich ist, weil er seinem
eigenen hebren Namen so wenig entspricht und ent-
sprechen kann.
Ist also unter den Culturvölkeru insgesammt in
unseren Tag^n von einem Streben zum wahren Frieden,
der theuerer Rüstungen nicht bedarf, keine Rede, so fragt
es sich freilich auch: Wohnt der Friede ini Innern der
Nationen, wohnt er unter uns selbst? Die Antwort lautet:
Mit nichten. Zur Hetzjagd macht man das Leben, zum
häßlichen Concurrenzkrieg bat sich der stete Kampf um's
Dasein entfaltet, der Egoismus führt, schlimmer denn je,
das Scepter, Parteien "streiten im Schoße des Volkes selbst
widereinander mit verderblichem Eifer, der Geist der Zer-
splitterung hat sich breit gemacht, nichtige Dinge selbst
bauscht man zu Fragen auf, die man Hals über Kopf
lösen will und eilt über die Grundfragen hinweg, unter
deren Lösung doch alles andere erst beschlossen wäre. Das
sind Verhältnisse, auf die das Wort geschrieben ist:
Hört der Krieg im Frieden schon nicht auf,
Woher soll Friede kommen?
„Friede auf Erden" rufen die Glocken der Cbrist-
zeit — für wen haben sie noch Bedeutung, wer fragt
noch ernstlich nach einem Wort, das längst zum Märchen
geworden? . . .

mit der Macht ihrer eigenen anmuthstrahlenden Persönlich-
keit hatte sie es zu danken gehabt, daß die Aristokratie
der Residenz, bei welcher die Kunde von der unglaublichen
Mesalliance nicht geringes Aufsehen hervorgerufen, sie als
ebenbürtig in ihren Kreis ausgenommen wurde.
War doch die Vergangenheit der Signora Fiorelli in
dichten, mystischen Schleier gehüllt, den einzelne gerücht-
weise bekannt gewordene Thatsachen nicht gerade zum
Vortbeil der schönen Schauspielerin gelüftet hatten!
Alle diese Gerüchte aber waren bei der Publikation
der Verlobung mit dem Grafen Lauenfeld wie mit einem
Zauberschlage zum Schweigen gekommen. Hier und da
gab cs wohl noch ein bedenkliches Flüstern und Wispern,
aber man war taktvoll genug, einem derartigen tuit
uoooinpU gegenüber auf alle weiteren Kombinationen
zu verzichten. —
Die Ehe des alten Grafen mit der fünfundzwanzig-
jährigen schönen Schauspielerin war allem Anschein nach
eine nicht unglückliche gewesen. Auch nicht der leiseste
Schatten des Verdachts einer Untreue fiel auf die Gräfin,
die während der fünfzehn Monate, welche sie an der
Seite des siechen, mürrischen Greises zugebracht, ihre
Gattcnpflichten mit einer fast rührenden Hingebung und
Treue erfüllt batte. Mit feinem weiblichen Takt hatte
sie es verstanden, in ihren Salons eine Schaar der
bedeutendsten Männer zu vereinigen, von denen fast die
Hälfte sie begeistert anbetete, ohne daß sich doch ein
Einziger der leisesten, Hoffnung erweckenden Gunstbezeugung
hätte erfreuen dürfen.
Nach Lauenfelds Tode batten diese hochbeliebten
Soirüen für die erste Zeit natürlich ein Ende gehabt

Deutsches Reich.
Berlin, 17. Dec. Die Aussichten derMilitärvorlage
werden innerhalb der leitenden Kreise der Reichsregierung
als günstig betrachtet. Wie weit es gelingen wird, die
Nothwendigkeit der wichtigsten Bestimmungen der Vorlage
zur Anerkennung zu bringen,- dürfte wesentlich von der
Geschicklichkeit der militärischen Bevollmächtigten in der
Kommission abhängen. Es wird nicht als unmöglich be-
trachtet, daß auf die Ersatzkadrons schließlich Verzicht ge-
leistet, auch an den vierten Bataillonen etwas nachgelassen
werde. In einzelnen freisinnigen Kreisen soll Bereitwillig-
keit vorhanden sein, in der Bewilligung bis zur Höhe von
40 Millionen zu gehen." — Zum Bürgermeister
von Berlin ist von der Stadtverordnetenversammlung
Rechtsanwalt Kirschner Breslau mit 90 von
119 abgegebenen Stimmen gewählt worden.
Berlin, 17. Dec. Der „Rcichsanzciger" veröffentlicht
eine kaiserliche Verordnung über die Führung der
Reichsflagge. Hinzugefügt wird, daß es nicht gestattet ist,
Standarten des Kaisers, der Kaiserin und des Kronprinzen
zu führen, ebenso ist es unstatthaft, ohne Ermächtigung ist
deutsche Kriegsflagge, die in der kaiserlichen Marine einge-
führten Kommandos und Unterscheidungszeichen, Göschen,
Wimpel, sowie die Reichsdienstflagge zu führen.
Straßburg i. E., 17. Dec. Dem Freien elsaß-
lothringischen Bürgervereiu" ist soeben die behördliche Ge-
nehmigung seitens des Bezirkspräsidiums des Unter-Elsaß
crtbeilt worden.
Frankreich.
Paris, 17. Dec. Die gestrige Verhaftung der
Panama-Administratoren wird seitens der
republikanischen Blätter einstimmig gebilligt. Auch die
heutigen monarchischen Organe werfen der Regierung
vor, die Verhaftungen bezwecken nur die Panama-
Enquete zu ersticken, um die compromitirten Parlamen-
tarier zu retten. Der „Gaulois" will wissen, der Unter-
suchungsrichter Franqueville schätze die von den Panama-
Administratoren vertheilte Summe auf 20 Millionen. Die
Zahl der betheiligten Personen beträgt 3000.
Paris, 17. Dec. Der Marineminister bestätigt,
daß die Dahome'schen Häuptlinge, welche Alladeb besetzt
hielten, sich unterwarfen. Die Blokade an der Dahome-
Küste wurde unverzüglich aufgehoben. Der Zollämterdienst
wird wieder aufgenommen werden.
Paris, 17. Dec. Der „Jour" meldet, nicht nur
Senatoren und Deputirte, die bereits erklärten, Panama-
gelder erhalten zu haben, sondern noch viele andere
würden demnächst verhaftet, da der Staatsanwalt in den
gestern konfiszirten Papieren viel Gravierendes gefunden
und die junge Wittwe hatte sich so vollständig von jedem
gesellschaftlichen Verkehr abgeschlossen, daß sie fast ist die
Gefahr gerathen wäre, ganz der Vergessenheit zu verfallen,
wenn sie nicht durch ihre heute arrangirte Abendgesellschaft
wieder in den Mittelpunkt des Tagesgesprächs gedrängt
worden wäre.
Diese Gesellschaft nun war, wie schon oben erwähnt,
über Erwarten glänzend ausgefallen. Neben dem ein-
fachen Rock, auf dessen schwarzen Grunde sich indessen
manche Hobe Ordensauszeichnung breit machte, vereinigten
sich die blitzenden Uniformen der Offiziere mit den
schimmernden Juwelen auf den elftnbeinweißen Schultern
der Damen in einer glitzernden und funkelnden Pracht,
deren erster Eindruck das Auge des Beschauers fast blenden
mußte.
Die Gräfin selbst, welche natürlich beständig den
Mittelpunkt einer Gruppe ihrer erlesensten Gäste bildete,
war eine außerordentlich sympathische Erscheinung, die
für mindestens sechs Jahre jünger gelten konnte, als sie
in Wirklichkeit war. Durch die vortbcilhaftc, geschmack-
volle Toilette wurde das Ebenmaß ibres eher schlank und
zierlich, als üppig gebauten Körpers in anziehender Weise
hervorgchoben, während die schweren, dunklen Flechten,
welche das schöne Köpfchen umrahmten, einen herrlichen
Kontrast bildeten zu der schneeigen Weiße der klassisch
geformten Büste die mit einer doppelten Reibe kostbarer
Perlen geschmückt war.
Dabei wußte die Gräfin eine bezaubernde Liebens-
würdigkeit in der Unterhaltung zu entwickeln, ein Vor-
zug, der ihr wohl noch von ihrer Bühnenlaufbahn her
eigen wax und der thatsächlich den einzigen Umstand
 
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