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Andermann, Kurt [Editor]
Historiographie am Oberrhein im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit — Oberrheinische Studien, Band 7: Sigmaringen: Thorbecke, 1988

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Staab, Franz: Quellenkritik im deutschen Humanismus am Beispiel des Beatus Rhenanus und des Wilhelm Eisengrein
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https://doi.org/10.11588/diglit.52725#0161

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Quellenkritik im deutschen Humanismus am Beispiel des
Beatus Rhenanus und des Wilhelm Eisengrein

VON FRANZ STAAB

Hinsichtlich der Geschichtsschreibung wirkte das Vorbild der italienischen Humanisten
auf Deutschland vornehmlich in dreierlei Weise: erstens als Anspruch, zweitens als Heraus-
forderung und drittens als Versuchung. Den Anspruch stellte Flavius Blondus (1388-1463),
der in seinen Werken zunächst ein Beispiel für kritische Gelehrsamkeit gab, ein Beispiel für
die Rückbeziehung auf die ältesten Quellen, für die Ausscheidung von politischer oder hagio-
graphischer Tendenz, für die Aufdeckung von Anachronismen. Außerdem wählte er seine
Themen so überzeugend, daß ganz Europa sie nacheifernd aufgriff. Das gilt vor allem von
der ’ltalia illustrata’ (1458, erstmals gedruckt 1474), von dem historisch-geographischen Lexi-
kon Italiens, dem jedes andere Land etwas Gleichartiges an die Seite stellen wollte. Aeneas Sil-
vius Piccolomini (1405-1464) entsandte die Herausforderung nach Norden. In seiner Germa-
nia (1457/58, wichtige Basler Ausgabe 1474) setzte er den Deutschen auseinander, daß sie ar-
me Barbaren gewesen seien, bis das heidnische Rom ihnen allererst die Zivilisation gebracht
habe, das christliche Rom dann eine höhere Kultur und sogar das Kaisertum. Daher müßten
die Deutschen auch alle Steuern und Abgaben, welche die Römische Kirche von ihnen ver-
langt, dankbaren Sinnes zahlen. Die Versuchung stellten Texte der ältesten Geschichtsschrei-
ber dar, die ein gewisser Annius von Viterbo (um 1432-1502) erstmals 1498 drucken ließ. In
diesen wurde nicht nur schon sehr klug über die Wahrheit historischer Quellen räsonniert,
insbesondere über den Vorrang offizieller vor privaten Aufzeichnungen und über das Erfor-
dernis örtlicher und zeitlicher Nähe zu den Ereignissen. Sie erlaubten auch, schmerzlich emp-
fundene Lücken des historischen Lehrgebäudes zu schließen. So las man dort die
babylonische Geschichte des Berosus, in der die Vorzeit-Heroen, die in der „Germania” des
Tacitus erwähnt waren, sowie auch die Galliens und Hispaniens mit den Nachkommen des
biblischen Noah in einen historisch verbürgten Zusammenhang gebracht waren. Damit wur-
den dem Nichtgriechen und Nichtrömer in Europa endlich Fürsten und Helden geschenkt,
die bis in die Antike hinaufreichten. Dieser Berosus fand insbesondere in Spanien und Deut-
schland großen Anklang1. Daß jene ehrwürdigen Quellen freche Fälschungen des Annius

Diese Abhandlung habe ich zuerst am 20. Dezember 1984 im Rahmen meines Habilitationsverfahrens
im Fachbereich Geschichtswissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz vorgetragen.
1 Überblick immer noch am bequemsten bei E. Fueter, Geschichte der neueren Historiographie,
München u. Berlin 31936 (erste Aufl. 1910), S. 106-110 (Blondus), S. 135 (Annius). Zu Annius tiefer ein-
dringend W. Goez, Die Anfänge der historischen Methoden-Reflexion im italienischen Humanismus,
in: Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Kurt Kluxen zu seinem 60. Geburtstag, hg. v. E. Heinen
 
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