Aspekte zum Regionalismus in Schwaben und am Oberrhein
im Spätmittelalter
VON KLAUS GRAF
Im Werbetext für eine „alemannische Zeitschrift” heißt es: „ALLMENDE ist eine Heimat-
zeitschrift des alemannischen Gebiets (...) und soll mit Kultur und Geschichte einer Region
neu konfrontieren (. . .). Eine Region, die sich auf die Hoheitsgebiete von fünf Nationen
(Frankreich, Bundesrepublik Deutschland, Schweiz, Liechtenstein, Österreich) erstreckt, kann
nicht ein Heimatverständnis kultivieren, das die jeweiligen Grenzen als verbindlich erklärt”.
Der Sprachraum des „Alemannischen” ist die Bezugsgröße einer grenzüberschreitenden, teils
„alternativ”, teils konservativ akzentuierten Sammelbewegung im Zeichen der gegenwärtigen
Renaissance des „Heimat”-Begriffs. Dieser neue alemannische Regionalismus beschränkt sich
nicht auf Mundart- oder Trachtenpflege, er sucht nach einem Modell politischer Ordnung,
gelebter Demokratie, jenseits nationalstaatlicher Abschrankungen und zentralistischer Fremd-
bestimmung.
Was hier als Region und Heimat „Alemannien” ausgemacht wird, ist eine Größe in der
Nachfolge des romantischen Stammesbegriffs, der die „naturwüchsige” Volks- bzw. Stammes-
einheit dem durch einen politischen Willen gesetzten Staat gegenüberstellt. Doch Johann Pe-
ter Hebel, der mit seinen ’Alemannischen Gedichten’ maßgeblich zur Wiederbelebung des
Alemannen-Begriffs beigetragen hat, schrieb um 1800 als badischer Patriot; sein Rückgriff auf
das „Alemannentum” stand im Dienst einer territorial-dynastisch bestimmten Loyalität. Die
Begriffswahl Hebels wird verständlich, wenn man bedenkt, daß der rivalisierende Begriff
„Schwaben” weitgehend von Württemberg in Beschlag genommen worden war.
Gleichwohl wird man den Gesichtspunkt der territorialen Interessen nicht überbetonen
dürfen: Franz Josef Mones 'Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins’ war einerseits eine
Unternehmung des badischen Generallandesarchivs, andererseits meinte sie mit dem Be-
griff des Oberrheins einen „Kompromiß von geographischen, politischen, geschichtlichen
Landschaften in mehr oder weniger willkürlicher Abgrenzung”1. Die ’Arbeitsgemeinschaft für
geschichtliche Landeskunde am Oberrhein e. V.’, der Herausgeber der 'Oberrheinischen Stu-
dien’, knüpfte bei ihrer Namensgebung 1960 bewußt an Mones Schlagwort vom Oberrhein
1 H. Heimpel, Über Organisationsformen historischer Forschung in Deutschland, wieder in: Beiträge
zur Organisation der historischen Forschung in Deutschland, Berlin — New York 1984, S. 110.
im Spätmittelalter
VON KLAUS GRAF
Im Werbetext für eine „alemannische Zeitschrift” heißt es: „ALLMENDE ist eine Heimat-
zeitschrift des alemannischen Gebiets (...) und soll mit Kultur und Geschichte einer Region
neu konfrontieren (. . .). Eine Region, die sich auf die Hoheitsgebiete von fünf Nationen
(Frankreich, Bundesrepublik Deutschland, Schweiz, Liechtenstein, Österreich) erstreckt, kann
nicht ein Heimatverständnis kultivieren, das die jeweiligen Grenzen als verbindlich erklärt”.
Der Sprachraum des „Alemannischen” ist die Bezugsgröße einer grenzüberschreitenden, teils
„alternativ”, teils konservativ akzentuierten Sammelbewegung im Zeichen der gegenwärtigen
Renaissance des „Heimat”-Begriffs. Dieser neue alemannische Regionalismus beschränkt sich
nicht auf Mundart- oder Trachtenpflege, er sucht nach einem Modell politischer Ordnung,
gelebter Demokratie, jenseits nationalstaatlicher Abschrankungen und zentralistischer Fremd-
bestimmung.
Was hier als Region und Heimat „Alemannien” ausgemacht wird, ist eine Größe in der
Nachfolge des romantischen Stammesbegriffs, der die „naturwüchsige” Volks- bzw. Stammes-
einheit dem durch einen politischen Willen gesetzten Staat gegenüberstellt. Doch Johann Pe-
ter Hebel, der mit seinen ’Alemannischen Gedichten’ maßgeblich zur Wiederbelebung des
Alemannen-Begriffs beigetragen hat, schrieb um 1800 als badischer Patriot; sein Rückgriff auf
das „Alemannentum” stand im Dienst einer territorial-dynastisch bestimmten Loyalität. Die
Begriffswahl Hebels wird verständlich, wenn man bedenkt, daß der rivalisierende Begriff
„Schwaben” weitgehend von Württemberg in Beschlag genommen worden war.
Gleichwohl wird man den Gesichtspunkt der territorialen Interessen nicht überbetonen
dürfen: Franz Josef Mones 'Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins’ war einerseits eine
Unternehmung des badischen Generallandesarchivs, andererseits meinte sie mit dem Be-
griff des Oberrheins einen „Kompromiß von geographischen, politischen, geschichtlichen
Landschaften in mehr oder weniger willkürlicher Abgrenzung”1. Die ’Arbeitsgemeinschaft für
geschichtliche Landeskunde am Oberrhein e. V.’, der Herausgeber der 'Oberrheinischen Stu-
dien’, knüpfte bei ihrer Namensgebung 1960 bewußt an Mones Schlagwort vom Oberrhein
1 H. Heimpel, Über Organisationsformen historischer Forschung in Deutschland, wieder in: Beiträge
zur Organisation der historischen Forschung in Deutschland, Berlin — New York 1984, S. 110.


