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Andermann, Kurt [Editor]
Historiographie am Oberrhein im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit — Oberrheinische Studien, Band 7: Sigmaringen: Thorbecke, 1988

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Klein, Michael: Formen epigonaler Verwertung humanistischer Schriften und ihr Publikum: die "Lügenchroniken" von Jakob Beyrlin (1576 bis nach 1618)
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https://doi.org/10.11588/diglit.52725#0253

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Formen epigonaler Verwertung humanistischer Schriften
und ihr Publikum:
Die ’Lügenchroniken’ von Jakob Beyrlin (1576 bis nach 1618)

VON MICHAEL KLEIN

Das Ende des 16. und der Beginn des 17. Jahrhunderts sind eine uns in mancher Beziehung
fern gerückte Periode. Vor den Wirren des Dreißigjährigen Krieges hatte sich eine gewisse
Wohlhabenheit entwickelt. Sie ermöglichte die Unterstützung des kulturellen Bereichs in ei-
ner Breite, wie sie später, nach den Nöten der Religionskriege, nur selten geschah. Doch fehl-
ten neue Impulse. Man zehrte von Aufbrüchen und Auseinandersetzungen, die während des
späten 15. und besonders in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Deutschland erschüttert
hatten. Sie wurden in einer teils orthodoxen Erstarrung gepflegt. Diese eher traditionalistische
Haltung begünstigte aber die Zuwendung zur Vergangenheit. Aus dieser Zeit sind deshalb
viele Geschichtskollektaneen, Chroniken und Sammlungen überliefert oder bezeugt. Bei den
meisten überwiegt allerdings die Materialanhäufung. Ein darstellerischer Wurf blieb Ausnah-
me. Auch die Geschichtsschreibung orientierte sich an dem Erbe, das Humanismus und Re-
formation hinterlassen hatten und wandte es in verbreiterten, aber verflachenden Wellen auf
immer neue Gebiete an.
Das auf vielen Ebenen vorhandene Interesse an der (meist eigenen) Vergangenheit setzte
auch viele Schreiberlinge ins Brot, deren „Werke” oft wenig eigenständig waren und histori-
scher Kritik nicht standhalten. Die allgemeine Rückwendung ermöglichte zum Teil eigenarti-
ge Erscheinungsformen, die aber Hintergründe des Umgangs mit Geschichte beleuchten. Als
schillerndes Beispiel erlebte ich Kompilationen des Schreibers, von dem hier die Rede sein
soll. Zunächst wird versucht, sich seiner Person zu nähern.

I
Auf Jakob Beyrlin stieß ich bei der Beschreibung von handschriftlichen Chroniken im
Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Ein jüngerer Auszug aus dem Thesaurus, angeblich von Moritz
Fessler, einer Beschreibung württembergischer Orte, sollte von ihm angelegt sein1. Als Her-

1 Hauptstaatsarchiv Stuttgart (HStASt) J 1 Nr. 21, fol. 182 r-189 v (dazu 192 r-195 r), s. Anm. 47.
Eine Überlieferung des angeblichen Thesaurus in der gleichen Handschrift, fol. 90r-160v; M. Klein,
Die Handschriften der Sammlung J 1 im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Die Handschriften der Staatsarchi-
ve in Baden-Württemberg 1), Wiesbaden 1980, S. 88. Weitere Überlieferungen vgl. Anm. 5, 45-47.
 
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