Die historische Forschung am Oberrhein
im 18. Jahrhundert
VON PETER FUCHS
Wenn wir uns der historischen Forschung am Oberrhein im 18. Jahrhundert vergewissern
wollen, dann, glaube ich, ist es gut, wenn wir zuerst einen kurzen Blick auf die Oberrheinlan-
de werfen, wie sie sich damals darstellen. Es gibt zwar, wie heute, die Grenze am Rhein, zwi-
schen Basel und Karlsruhe, ja damals eher noch etwas weiter im Norden. Aber sie sieht doch
recht anders aus als heute. Rechts des Rheins liegt zwar auch damals Baden. Aber neben den
beiden Markgrafschaften Baden-Durlach und Baden-Baden, die erst 1771 wieder vereinigt wer-
den, gibt es den vorderösterreichischen Breisgau und die Ortenau und, zumal im Mittelbadi-
schen, eine Reihe kleinerer Herrschaften, auch kleine Reichsstädte. Nördlich schließt sich der
Hauptteil des Fürstbistums Speyer an, mit der fürstbischöflichen Residenz Bruchsal, und
dann das Zentrum der Kurpfalz, mit Mannheim, Schwetzingen und Heidelberg. Hessen-
Darmstadt bleibt rechts des Rheins, während das Kurerzstift Mainz nach Rheinhessen hin-
übergreift. Links des Rheins folgen wieder kurpfälzische Gebiete, hier besonders stark durch-
setzt von kleineren Herrschaften, der Leiningen, der Wild- und Rheingrafen, der Isenburg
und verschiedener Mitglieder der Rheinischen Ritterschaft, die auch im Mittelbadischen ver-
treten ist, dazu nassauische Gebiete, über die man schließlich in die Grafschaft Nassau-Saar-
brücken gelangt. Dazwischen liegt freilich noch das wittelsbachische, aber nicht kurpfälzische
Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, mit Streubesitz bis an den Rhein. Speyer und Worms sind
Reichsstädte. Das Wormser Fürstbistum ist ganz klein und meist Annex von Mainz. Und in
der Festung Landau betritt man, wie schon angedeutet, früher als heute, das französische Kö-
nigreich. Aber ist es wirklich Frankreich? Das Herzogtum Lothringen ist zwar seit langem
von Frankreich abhängig, über Jahrzehnte hinweg militärisch besetzt. Aber französisch wird
es erst 1766, nachdem es eine Generation lang von dem polnischen Exkönig Stanislaus Lesz-
czyhski, dem Schwiegervater Ludwigs XV. und Gründer der Academie royale de Nancy, re-
giert worden ist, und auch jetzt bleibt es im Oberrheinischen Kreis Teil des Heiligen Römi-
schen Reichs deutscher Nation, und das französische Elsaß ist von deutschen Herrschaften
durchwirkt, dem nassauischen Saarwerden, der gefürsteten Grafschaft Salm um Senones, den
zweibrückischen Herrschaften Kleeburg, Selz und Bischweiler, Lützelstein/La Petite Pierre
und Rappoltstein/Ribeaupierre, den württembergischen Horburg und Reichenweier/Rique-
wihr — auch die Grafschaft Montbeliard/Mömpelgard südwestlich von Belfort gehört zu
Württemberg! — und Mülhausen ist zugewandter Ort der Eidgenossenschaft. Das ganze El-
saß ist für Frankreich province effectivement etrangere, gehört wirtschaftlich nicht zum König-
reich, sondern zum Reich. Am Rhein gibt es also keine Zollgrenze, was nicht heißen soll:
keine Rheinzölle und sonstigen Abgaben, aber die werden nicht von Frankreich oder vom
Reich erhoben!
im 18. Jahrhundert
VON PETER FUCHS
Wenn wir uns der historischen Forschung am Oberrhein im 18. Jahrhundert vergewissern
wollen, dann, glaube ich, ist es gut, wenn wir zuerst einen kurzen Blick auf die Oberrheinlan-
de werfen, wie sie sich damals darstellen. Es gibt zwar, wie heute, die Grenze am Rhein, zwi-
schen Basel und Karlsruhe, ja damals eher noch etwas weiter im Norden. Aber sie sieht doch
recht anders aus als heute. Rechts des Rheins liegt zwar auch damals Baden. Aber neben den
beiden Markgrafschaften Baden-Durlach und Baden-Baden, die erst 1771 wieder vereinigt wer-
den, gibt es den vorderösterreichischen Breisgau und die Ortenau und, zumal im Mittelbadi-
schen, eine Reihe kleinerer Herrschaften, auch kleine Reichsstädte. Nördlich schließt sich der
Hauptteil des Fürstbistums Speyer an, mit der fürstbischöflichen Residenz Bruchsal, und
dann das Zentrum der Kurpfalz, mit Mannheim, Schwetzingen und Heidelberg. Hessen-
Darmstadt bleibt rechts des Rheins, während das Kurerzstift Mainz nach Rheinhessen hin-
übergreift. Links des Rheins folgen wieder kurpfälzische Gebiete, hier besonders stark durch-
setzt von kleineren Herrschaften, der Leiningen, der Wild- und Rheingrafen, der Isenburg
und verschiedener Mitglieder der Rheinischen Ritterschaft, die auch im Mittelbadischen ver-
treten ist, dazu nassauische Gebiete, über die man schließlich in die Grafschaft Nassau-Saar-
brücken gelangt. Dazwischen liegt freilich noch das wittelsbachische, aber nicht kurpfälzische
Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, mit Streubesitz bis an den Rhein. Speyer und Worms sind
Reichsstädte. Das Wormser Fürstbistum ist ganz klein und meist Annex von Mainz. Und in
der Festung Landau betritt man, wie schon angedeutet, früher als heute, das französische Kö-
nigreich. Aber ist es wirklich Frankreich? Das Herzogtum Lothringen ist zwar seit langem
von Frankreich abhängig, über Jahrzehnte hinweg militärisch besetzt. Aber französisch wird
es erst 1766, nachdem es eine Generation lang von dem polnischen Exkönig Stanislaus Lesz-
czyhski, dem Schwiegervater Ludwigs XV. und Gründer der Academie royale de Nancy, re-
giert worden ist, und auch jetzt bleibt es im Oberrheinischen Kreis Teil des Heiligen Römi-
schen Reichs deutscher Nation, und das französische Elsaß ist von deutschen Herrschaften
durchwirkt, dem nassauischen Saarwerden, der gefürsteten Grafschaft Salm um Senones, den
zweibrückischen Herrschaften Kleeburg, Selz und Bischweiler, Lützelstein/La Petite Pierre
und Rappoltstein/Ribeaupierre, den württembergischen Horburg und Reichenweier/Rique-
wihr — auch die Grafschaft Montbeliard/Mömpelgard südwestlich von Belfort gehört zu
Württemberg! — und Mülhausen ist zugewandter Ort der Eidgenossenschaft. Das ganze El-
saß ist für Frankreich province effectivement etrangere, gehört wirtschaftlich nicht zum König-
reich, sondern zum Reich. Am Rhein gibt es also keine Zollgrenze, was nicht heißen soll:
keine Rheinzölle und sonstigen Abgaben, aber die werden nicht von Frankreich oder vom
Reich erhoben!


