Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien — 5.1902

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von den sonst landesüblichen Thronen unterschied. Nun lässt die Sage Moses
von Ägypten ausziehen: es wäre doch denkbar, dass er für das erste nationale
Werk, das sein Volk unter seiner Anleitung schuf, wirklich einmal ägyptische
Form acceptierte. In der Folge arbeiteten aber die Juden nach chaldäischem und
phönikischem Stile; mehr und mehr wurde ihnen die „Lade“ auch ihrer isolierten
Form nach geheimnisvoll, und sie fanden schließlich die Auskunft, diese sei der
Gesetzestafeln wegen so gestaltet, die Moses in den Thron verschloss. Dass ihre
Phantasie um dieses Problem spielte, bezeug't ja auch die Legende, die der Hebräer-
brief 9, 4 bewahrt, wonach außer den Tafeln noch ein Körbchen mit Manna und
der blühende Stab des Aaron in dem Kasten gelegen hätte (Meinhold S. 35). Bei
einem Thron von gewöhnlicher Stuhlform wäre wohl niemand auf solche Gedanken
gekommen.

Jedesfalls, meine ich mit dem Verfasser (S. 36), „kann die Schwierigkeit, die
in dem Namen liegt, nicht für so schwerwiegend erachtet werden, dass sie die
Auffassung der Lade als eines Thrones unmöglich macht“. Doch zögere ich, mit
ihm fortzufahren: „Aber thatsächlich ist es gerade der Name gewesen, der den
Forschern die sonst doch nahe liegende Bedeutung verschlossen hat.“ Wenn eine
Lösung gefunden ist, wundert man sich meist, dass sie einem nicht schon früher
eingefallen war. Denn auch die schwierigen Probleme pflegen im Grunde einfach
zu sein, und das Einfache glaubt jeder finden zu können, weil es jeder beg'reift.
Das Ziel ist nicht dunkel, aber der Weg dahin. Nicht der verhüllende Name des
Jahvethrones hat sein Verständnis bisher verhindert, sondern die Unkenntnis des
„Throncultus“. Diesen Ausdruck tadelt mir der Verfasser (S. 31). Er findet ihn
„ungeschickt“; der Cultus gilt dem Gott, nicht „dem todten Sessel“. Wem sagt
er das, — mir doch nicht? Allerdings gilt der Cultus dem Gotte, dargebracht
aber wird er dem Stuhle. Der Sessel ist keineswegs ein totes Geräth, sondern
dadurch, dass der Gott mit ihm in die persönlichste Berührung tritt, geht gewisser-
maßen etwas von der Göttlichlceit in ihn über; er selbst wird heilig. Hat docli
g'erade der Verfasser S. 5, 6 die Stellen des Alten Testaments aufgereiht, wo
„Jahve und ’aron Jahve (die Lade Jahve) promiscue gebraucht“ werden. Das
sind nicht bloß sprachliche Wendungen. Dem dumpfen Aberglauben verwischen
sich die Grenzen des Psychischen und Materiellen wunderbar, wie sie schließlich
dem höchsten Idealismus auch ineinander fließen. Ich will also die Bezeichnung
„Throncultus“ auch ferner beibehalten.

f WOLFGANG REICHEL
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