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Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien — 14.1911

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George Niemann
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https://doi.org/10.11588/diglit.45359#0378

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George Niemann.

Am 19. Februar 1912 ist George Niemann, seit
Jahrzehnten von schwerem Herzleiden gequält, einem
heftigen Krankheitsanfall erlegen.
In Hannover am 12. Juli 1841 geboren, war
Niemann, nachdem er in seiner Vaterstadt das Poly-
technikum absolviert hatte, 1864 nach Wien ge-
kommen, wo er in Theophil Hansens Atelier als
Mensch und Künstler so freundliche Aufnahme fand,
daß er bald in Wien sich heimisch fühlte und oerne
dauernd hier sich fesseln ließ. Seit 1872 an der
Akademie der bildenden Künste Professor für Per-
spektive und architektonische Stillehre, hat er als
Lehrer, als praktischer Architekt, als Geschicht-
schreiber der Wiener Baukunst eine reiche Wirk-
samkeit entfaltet; die glänzendsten Früchte seines
künstlerischen Genies reiften ihm aber auf einem
Arbeitsfelde, auf dem er sich mit den Archäologen
begegnete, in der zeichnerischen Aufnahme und
Wiederherstellung antiker Bauwerke.
Nachdem Niemann schon 1873 an Conzes erster
österreichischen samothrakischen Expedition teilge-
nommen und am ersten Band der „Untersuchungen auf
Samothrake“ mitgearbeitet hatte, ließen ihn Studien-
reisen, die er mit Benndorf nach Olympia und London
unternahm, bald ein immer engeres Verhältnis zur
Antike gewinnen. 1881 und 1882 nahm er an Benndorfs
Expeditionen nach Lykien und Karien, 1884 und
1885 an der vom Grafen Lanckoroüski organisierten
Durchforschung Pamphyliens und Pisidiens teil. Fast
alle architektonischen Aufnahmen und Rekonstruk-
tionen in den großen über jene Reisen erschienenen
Publikationen rühren von ihm her, darunter mehr
als ein Blatt, das als selbständige künstlerische Leistung
gewertet zu werden verdient. Die 1889 und 1890
wiederum mit Benndorf gemeinsam unternommene Be-
arbeitung des Monuments von Adamklissi in Rumänien,
sowie die von Lanckoronski (seit 1892) veranlaßten
Aufnahmen und Untersuchungen des Doms von
Aquileia bezeichnen weitere Marksteine seines un-
ermüdlichen Fleißes und seiner schöpferischen Kraft.
Seit 1893 war Niemann ständiger Mitarbeiter bei den

Grabungen in Ephesos; um manchen glanzvollen
Bau, von dem der Spaten nur noch spärliche Reste
aufdecken konnte, hat sein Stift das Bild der helle-
nistisch-römischen Stadt bereichert. Neben der Aus-
führung der ephesischen Studienblätter, von denen
erst ein Teil veröffentlicht worden ist, beschäftigte
ihn seit 1904 eine neue große Unternehmung — er
hatte vom k. k. Unterrichtsministerium den Auftrag
erhalten, eine genaue Aufnahme des Diokletians-
palastes in Spalato in seinem gegenwärtigen Bestände
durchzuführen, um darauf eine Rekonstruktion des
ursprünglichen Baues zu gründen. Der monumentalen
Publikation über den Palast, die seiner Absicht nach
auch in der Form ein Kunstwerk sein sollte, hat er
unermüdliche Sorgfalt zugewendet. Ein sehnlich ban-
ger Wunsch ging ihm damit in Erfüllung, daß er es
noch erlebte, das Buch, das zugleich zu einem Denk-
mal seines eigenen Könnens geworden ist, 1910 voll-
endet zu sehen. Aber es war nicht seine Art, nach
getaner Arbeit sich Rast zu gönnen. Ohne Zögern
folgte der fast Siebzigjährige einer Einladung Wie-
gands, die Bearbeitung des Tempels von Didyma zu
übernehmen; trotz schwerer Hemmungen, die ihm
sein Herzleiden verursachte, ging er 1910 nochmals
nach Kleinasien. Heimgekehrt machte er sich mit
jugendlicher Begeisterung ans Werk; eine große Per-
spektive des Tempels und eine Reihe von Detail-
blättern hat er noch vollenden können; daneben hat
er in seinem letzten Lebensjahr eine seit Jahrzehnten
vorbereitete Arbeit über das Nereidenmonument von
Xanthos noch zum Abschluß zu bringen vermocht.
Noch vier Tage vor seinem Tode stand er an seinem
Arbeitstisch, heroisch die zunehmende Schwäche
bekämpfend. Mit seinem Heimgang haben wir nicht
nur einen treuen und unermüdlichen Helfer bei der
wissenschaftlichen Arbeit, einen Mann von lauterer
und vornehmer Gesinnung verloren, es ist mit ihm
zugleich ein Künstler von uns gegangen, der in der
Art, wie er peinlichste Korrektheit und Sauberkeit
mit feinstem Sinne für malerische Gesamtwirkung zu
verbinden wußte, kaum seines Gleichen finden wird.
 
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