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Ohnefalsch-Richter, Max
Kypros, Die Bibel und Homer: Beiträge zur Cultur-, Kunst- u. Religionsgeschichte des Orients im Alterthume, m. bes. Beruecks. eigener zwoelfjaehrigen Forschungen u. Ausgrabungen auf d. Insel Cypern (Text) — Berlin, 1893

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https://doi.org/10.11588/diglit.5181#0008
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VORWORT.

Im ganzen Verlaufe der Geschichte hat es vielleicht kein zweites Land gegeben, in welchem
viele [ahrhunderte hindurch verschiedene, in vollem Flusse befindliche Culturströmungen so aufeinander-
gestossen sind und gegenseitig so aufeinander eingewirkl haben, wie dies im Alterthumc mit der Insel
Cvckrn der Fall war. Dies vielbegehrte Eiland liegt heute abseits der grossen Völkerstrassen, damals aber
befand es sich so recht im Centrum der frischen Culturentwicklung in der Jugend der Menschheit und war
das Band, das den Orient mit dem Occident, die östliche mit der westlichen Mittelmeerhälfte verknüpfte.

Die Anfänge der cyprischen Cultur gehen auf Kypros in dieselbe vorgeschichtliche Zeit zurück,
wie an den Ufern von Nil, Euphrat und Tigris, wie in Syrien und Klein-Asien. Sie scheinen aul ECypros
der thrakisch-phrygisch genannten Völkergruppe anzugehören. Diese Cultur ist keine semitische,
auch keine Binnenland - Cultur, sondern eine indogermanische Insel- oder Küstenland-Cultur. Aber
auch die älteste griechische Colonisation auf Kypros ist um [ahrhunderte älter, als der Beginn der
homerischen Dichtung. Die phönizischen Ansiedelungen auf der Insel weisen ebenso auf eine sehr
alte, in ihren Anfängen erst dann bestimmbare Zeit, wenn in Phönizien selbst alte phönizische
Gräber in genügender Anzahl geöffnet sein weiden. Die Griechen der Insel bedienten sich schon früh
einer eigenartigen Silbenschrift und behielten sie bis ins vierte fahrhundert Ihm. Wir versuchen in
diesem Werke zu zeigen, wie die Inselgriechen zu dieser Schrift kamen. Die ältesten auf uns ge-
kommenen phönizischen Inschriften, zugleich die bisher ältesten Zeugen jeder Buchstabenschrift,
stammen von Cypern. Auch das ward hier /um ersten Male mit Hülfe gelehrter Freunde dargelegt.
Sie linden sich an Bronzegefässen, die in der Zeit der biblischen Könige Salomo und Hiram von einem
( yprier dem Baal des Libanon geweiht und an dessen auf Cypern befindlichem Altare auf einer heiligen
''"ho niedergelegt wurden. So stehen wir auf Kypros auch mitten in der vom allen Testament
geschilderten altkanaanäischen Cultur, Der Gull der Aphrodite, der König Kinyras, die Wallen
der achäischen Helden, dos Agamemnon Panzer, des Achilles Schild führen uns von einem ganz
anderen Culturkreise her zur Insel. So wies mich zwölfjährige eigene Ausgrabungs- und Forschungs-
thätigkeil auf Cypern einerseits nach der griechisch-homerischen, andererseits nach der semitisch-
biblischen Welt, und es entstand als Resultat vieler Arbeit das vorliegende Werk

Kypros, die Bibel und Homer.

Die alttrojanische Cultur hat bisher nur auf Cypern ein Gegenstück. Die m\ kenische Cultur hat
ebenso früh die cyprische beeinflusst wie umgekehrt. Von Kypros laufen allerlei Fäden hin und her, nach
und von Aegypten, besonders Naukratis, nach und von Phönizien, besonders Byblos. Wir linden weit-
gehende eult- und culturgeschichtliche Verbindungen mit Nordsyrien, dem neu entdeckten Lande Samal,
mit dem Reiche der Hethiter, mit kleinasiatischen Völkern, den Karern, Lykiern und Lydiern. Die grossen
und kleinen griechischen Inseln, Rhodos, Kreta, Thera, Melos und wie sie alle heissen, haben früh mit
ypros profane und sacrale Gebräuche, Geräthe, Gefässe, Wallen, Schmucksachen und Trachten aus-

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