Ohnefalsch-Richter, Max
Kypros, Die Bibel und Homer: Beiträge zur Cultur-, Kunst- u. Religionsgeschichte des Orients im Alterthume, m. bes. Beruecks. eigener zwoelfjaehrigen Forschungen u. Ausgrabungen auf d. Insel Cypern (Text) — Berlin, 1893

Seite: 148
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148 Max Ohnefalsch-Richter. Kypros, die Bibel und Homer.

bei der sich der bäum- und holzpfahlartige Character, das vegetative Grundprinzip länger und reiner
erhielt. Bei verschiedenen Astarten trat dagegen bald mehr das siderale, solare oder lunare, bald mehr
das tellurische oder metheorolithische Prinzip in den Vordergrund. Dass aber auch die Astoret-=Aphrodite
lange als Baum gedacht wurde, besonders bald als Cypresse, bald als Palme, lehren uns die Schriftquellen,
die Denkmälerfunde an Inschriften und Bildwerken.'") Es sieht nach den Fundumständen der Inschriften
ganz aus, als ob die semitische Aschera auf Kypros sich mehr an jene Göttin anschloss, aus der die
Inselgriechen ihre Artemis-Kybele-Hekate machten, während Astoret und Aphrodite**) eins wurden.
Ursprünglich stammen alle Göttinnen der Kanaanäer und Kyprier in der anthropomorphen Form von
einer weiblichen Gottheit, der babylonischen Urgöttin ab.***) Wenn die männliche Göttersäule durch
ein männliches, menschenähnliches Bild ersetzt wird, knüpfen Kanaanäer und Kyprier zuerst an den
Bel-Baal, den Gemahl der Belit-Baalat an. Es sind Herr und Herrin,f) Inhaber und Inhaberin irgend
eines heiligen Ortes, der dann auch meist näher durch Apellativa bezeichnet wird. Ich lasse hier am
besten den Text der cyprischen Aschera-Inschrift und den Beginn des Textes der Asrat-Inschrift von
Teil eil Amarna folgen.

Die Aschera-Inschrift vom Salzsee Kition's lautet nach P. Schröderft) in deutscher Ueber-
setzung: Am 20. Tage des Monats Sebaschemesch im Jahre der Regierung Pumijathons, Königs von
Kition und Idalion) setzte (des) Abdosir, Sohn des Bodo, Sohn des Ikunschellen (Sohnes des Esch-
munadon, Sohnes des N. N., Sohnes des) Bodo, seiner Herrin, der Mutter Aschera, weil sie
erhörte (sein Gebet ihn segnete) ttt)- Eb. Schrader§> liest den uns interessirenden Anfang der

*) Uebrigens brauchen wir nur an die Baalat-Berut, d. h. die Herrin der Cypresse erinnern, von der
die antike Stadt Berut, das heutige Beirut seinen Namen erhielt, ^Graf Baudissin, Semitische Religionsge-
schichte II, S. 196), um den Cultus der Astarte-Aphrodite auch als Cypressengöttin darzuthun. Vergl. oben
das bei Besprechung der Taf. LXXVI gesagte. Auf den Graffiti der in der Nähe von Tyrus befindlichen
Grotte (Corpus lnscriptionum Semiticarum, S. 27 u. 28, No. 6, Taf III = unten Fig. 142—145) sieht man
den Bildern der weiblichen Scham Palmenzweige und eine deutlich characterisirte Palme beigegeben. Die
Astarte-Aphrodite ist daselbst nicht nur als Göttin menschlicher, sondern auch vegetativer Fruchtbarkeit,
als Palmengöttin gedacht.

**) Vergl. oben S. 12, No. 7. Das schliesst nicht aus, dass auch Aphrodite und Kybele zu einer Gott-
heit combinirt wurden.

***) Hat doch bereits 1875 E. Curtius in seiner Abhandlung „Die griechische Götterlehre vom geschicht-
lichen Standpunkte" nachzuweisen gesucht, dass ursprünglich alle weiblichen griechischen Gottheiten von einer
einzigen und semitischen Gottheit abstammen. Für Kypros gilt der Satz ganz gewiss.

f) Vergl. in Roscher's Mythologischen Lexikon die zwei sehr lehrreichen Aufsätze Astarte (Sp. 645
bis 655) und Baal (Sp. 2867—2880) von Ed. Meyer. Daselbst ist ausführlich dargelegt, wie die Götter Melek,
Moloch, Melqart, Merodach, Jahwe, Tammuz, Adon, Adonis u. s. w., die Göttinnen Istar, Astoret, Atar, Atar-
gatis. Zarpanit, Mylitta u. s w. (fügen wir hinzu auch Aschrat und Aschera) nichts als die an verschiedene
Localitäten, Stämme und Völker gebundene spätere Differenzirungen des ursprünglich einen Götterpaares in
seiner Urform sind. Vergl. auch Schrader, Keilinschriften und das alte Testament, S. 173—176, wo nach den
babylonischen und assyrischen Denkmälern hauptsächlich zwei Bele und deren Gemahlinnen, ein älteres und
jüngeres Götterpaar unterschieden werden.

ff) Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft XXXV, S. 423—431. Phönizische Miscellen.
fff) Die Herausgeber des Corpus lnscriptionum Semiticorum übersetzen S. 43: Die XX0 mensis sacri-

ficiorum solis, anno II' [.....regis Melekjatonis, regis Citii et Idalii. Statua haec (est) quam dedit et] erexit

Abdosir, filius Bodonis, filii Jak [unsillemi prouxore sua,......., filia......., filii......., filii] Bo-

donis, dominae suae, Em-Haazurot (vel: Em-Haazoret); quia au [diit vocem; benedicat]. Ed. Meyer (Rocher's
Mythol. Lexikon, Sp. 2870) übersetzt den Namen der uns interessirenden Göttin mit: „der Herrin, der Mutter
der Ascherat.''

§) Zeitschrift für Assyriologie III. 1888. S. 353—364. Die Göttin Istar als malkatu und sarratu.
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