Olympia-Zeitung: offizielles Organ der 11. Olympischen Spiele 1936 in Berlin — 1936

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enn man auf dem Wege zur
Deutschland-Ausstellung an den
improvisierten Erfrischungszelten
und Verkaufsständen vorbeigeht und das
Durcheinander der dies und das an-
preisenden Stimmen hört — „Hier mal ein
Olympia-Andenken, der Herr, echt Bernstein,
das deutsche Gold!" — befürchtet man ein
wenig, das möchte nun so weiterlaufen bis
in die eigentliche Ausstellung hinein und ein
Anpreisen deutscher Dinge werden. Aber
sowie man das Drehgitter hinter sich ge-
bracht und die erste Halle betreten hat, merkt
man, daß hier etwas ganz anderes, etwas
ganz Großes, etwas ganz Einzigartiges,
etwas Ewiges und Gültiges sein Wesen hat.
Und wenn man nach einer Stunde wenigstens
einen Ueberblick, wenn auch nur einen unge-
fähren, über das Eigentliche, was diese Schau
sein will, gewonnen hat, dann weiß man, daß
alles Geschriebene und Gedruckte, was man
bislang über die Ausstellung gelesen hat, so
ausgezeichnet es auch gewesen sein mochte,
im Grunde nichts bedeutete. - Denn was^stan

zulängliches Wort, was da Wirklichkeit ist
und einen mit seiner vielfältigen Wirklichkeit
zutiefst anrührt, bewegt und bedrängt, kann
matt nicht beschreiben. Es ist — in des
Wortes eigentlichem Verstände — unsagbar.
Es sind die Zeichen, die, recht ausgenommen
und gedeutet, den geheimnisvollen Genius
des deutschen Volkes und ganz zuletzt den
Genius, die Sehnsucht und den Traum der
Menschheit überhaupt offenbaren.

Es wäre ein sinnloses Unterfangen, wollte
man der Reihe nach aufzählen, welche Gegen-
stände, Denkmale und Kunstwerke dargeboten
werden. Dazu ist hier nicht der Ort. Hier
soll es nur darum gehen, den Sinn der Aus-
stellung und ihre unmittelbare Beziehung zu
den Olympischen Spielen deutlich werden zu
lassen.

Das Herz der Ausstellung ist der Weihe-
raum, in dessen Mitte auf einem Granitsockel
die Gutenberg-Bibel liegt. Bor der Rückwand
stehen die überlebensgroßen Büsten von
Goethe, Beethoven und Kant, jeder in das
unerforschte Dunkel eines bestimmten Welt-
bereichs blickend. Und an den Seitenwänden
in Nischen liegen unter Glas die ergreifend-
sten Dokumente, die man sich denken kann. Da
liegt ganz wirklich der Abschiedsbrief, den
Heinrich von Kleist an seine Schwester schrieb.
Zerfetzt, das Siegel hastig erbrochen, ganz
unten, wo schon kein Platz Mehr war, noch
hingekritzelt, eng und bebend „Am Morgen
meines Todes". Man spürt förmlich den Atem
dieses trotzigen, verzweifelten Mannes, der
bedingungslos den Weg ging, den er gehen
mußte, in welche Nacht und Vernichtung er
auch führen mochte.

Da liegt ein Rotenskizzenbuch von Ludwig
van Beethoven mit dicken Notenstrichen und
wie Wellen hinwogenden Wortbildern: eine
Stelle aus der Neunten. Da liegen zwei
Briefe, die Schiller und Goethe miteinander

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gewechselt haben. Da gibt es Skizzen von
Menzel voll von Unmittelbarkeit und persön-
licher Empfindung des Augenblicks. Da hän-
gen architektonische Entwürfe von Schinkel,
nichts Fertiges, nur Werdendes. Da liegt
Nietzsches Entwurf zum „Willen zur Macht",
Blätter, aus einem Schreibheft gelöst. Da liegt
und hängt und schweigt noch so manches sein
vielsagendes Schweigen, ein DUrersches Aqua-
rell, eine Zeichnung von Grünewald, Noten

nicht die größte gar, so hoch empor, daß man
den Kopf in den Nacken legen muß, um sie
ganz mit dem Blick zu umfassen. Daneben
stehen Rennautos, Personenwagen, Lastwagen,
ein Modell der Autobahn, gigantische Flug-
zeugmotore und andere moderne Maschinen,
geballte Kräfte von ungeheurem Ausmaß in
sich tragend. Ein zweimotoriges Verkehrs-
flugzeug mit hochklappbarem Fahrgestell
scheint loszubrausen, das Segelflugzeug Lilien-

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von Richard Wagner, ein Vortragsentwurf
von Robert Koch, Aufzeichnungen von Dir-
chow, technische Zeichnungen des Grafen Zep-
pelin, die hüpfenden und hin und wider sich
schwingenden Notenzeilen von Wolfgang
Amadeus Mozart, hinter denen man die
ganze Traurigkeit seines Lächelns ahnt, die
Akkuratesse einer Bachschen Komposition und
vieles andere noch. Dokumente so klein, daß
man sie mit den Flächen der beiden Hände zu-
decken könnte, und doch die Träger von unfaß-
baren,gewaltigen,grenzenlosen geistigenWelten.
Und wenige Schritte weiter wuchtet eine der
größten Dampflokomotiven der Welt, wenn

thals, das die Gestalt der Vogelschwingen
nachahmt, schwebt im Raum, das Hochlei-
stungssegelflugzeug vom Fafnir-Typ - „Sao
Paolo", dessen weiche Profile mit den neuesten
aerodynamischen Forschungsmethoden errech-
net sind, steht darunter, nebenan eine zerschlis-
sene Veteranenmaschine, der man den mehr
als achtstündigen Nekordslug, dessen sie vor
Zeiten fähig war, kaum zutraut.

Das alles, die Dokumente geistigen und
künstlerischen Sinnens und die Zeugen der
Bezwingung der realen Welt, wird umrahmt
von dem ganzen sonstigen Reichtum, den der
deutsche Mensch, die deutsche Landschaft, die

deutschen Stämme und die deutsche Geschichte
bis auf den heutigen Tag, an dem das Reich
neu errichtet wurde, aufzuweisen haben.

Es ist ein unerhörter Reichtum. Und es
könnte ein verwirrender Reichtum sein, wenn
einem nicht aus allem immer wieder derselbe
Geist, dasselbe Streben, derselbe Wille ent-
gegenwehte, der die Mannigfaltigkeit ordnet
und den Reichtum zusammenfaßt: der ur-
ewige Wille und Traum des
deutschen Menschen, über sich
selbst hinauszuwachsen in die
Unendlichkeit hinein. Dis Noten
Beethovens und das moderne Segelflugzeug,
die Silberstiftzeichnung Grünewalds und die
größte Lokomotive der Welt, die Kritik der
reinen Vernunft und der aufheulende Renn-
wagen, sie entstammen demselben faustischen
Willen, der die Wirklichkeit der Welt nicht an-
erkennt, der Raum und Zeit zu überwinden
trachtet, dem keine Höhe , zu hoch und keine
Tiefe zu tief, dem keine Tat zu kühn und kein
Gedanke zu gefährlich ist, der alles wagt, um
alles zu gewinnen, und der doch irgendwo in
seinem Innersten ahnt, daß alles. Daß das
All niemals zu gewinnen ist, daß er ins Un-
endliche, ins Unerreichbare, ins Unmenschliche,
ins Uebermenschliche strebt, und daß er streben
wird bis ans Ende der Zeiten.

Dieser menschliche Wille, über sich hinaus-
zuwachsen, der der letzte Sinn der Deutsch-
land-Ausstellung ist, verbindet sie nun mit
dem Reichssportfeld und mit den Olympischen
Spielen.

Wie hieß doch die Wahrheit, die von den
Hellenen den Barbaren alter und neuer Zeit
gegenüber ans Licht gebracht wurde und die
in Olympia Gestalt gewann? „Nicht das Be-
sitzen und Genießen, sondern das Ringen
und Strebe nbis ansEnde ist des
Menschen Berus." Wenn die Kämpfe
auf dem Rasen und auf der Aschenbahn einen
Sinn haben, dann gleichfalls den, über sich
und über das Gestern hinauszuwachsen. Der
Athlet will höher springen, weiter werfen,
schneller laufen, weil er spürt, daß nur ein
Leben, das diesem brennenden Verlangen nach
mehr geweiht ist, verdient, gelebt zu werden.

Die Gutenberg-Bibel gehört dem deutschen
Volke, der zerfetzte Brief Kleists, das Aquarell
Dürers, die Noten Mozarts gehören uns, sie
gehören uns so ganz und gar, so innig, wie
nur jemandem etwas gehören kann. Aber
der Geist, der aus ihnen redet, das Werk, die
Musik, das Bild, der Aufschwung, die Be-
zauberung, sie wirken ins Uebernationale
hinaus, sie wirken auf den Menschen schlecht-
hin, sie wirken auf die Menschheit. In diesem
Sinne gehört die Ausstellung Deutschland«
gehört Deutschland der Welt.

Kann es einen schöneren Wtllkommgruß
an die Gäste geben, die während der Spiele
bei uns sind?
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