Olympia-Zeitung: offizielles Organ der 11. Olympischen Spiele 1936 in Berlin — 1936

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/» n Nomanen, deren künstlerischer Wert
^8 hier nicht zur Diskussion steht, liest
man zuweilen Wendungen wie diese:
„Mit straffen, 'sportlichen Schritten ging der
junge Ingenieur über die Straße . . " So
etwas kann nur jemand schreiben, der vom
Wesen des Sportlichen nicht eben viel Ahnung
hat. Will man ein Eigenschaftswort anführen,
das die körperliche Haltung eines Sports-
manns treffend kennzeichnet, dann muß man
genau das Gegenteil von „straff" wählen,
nämlich „locker". Einen sportlichen Körper
haben, heißt einen lockeren Körper haben.

Die Fußballspieler, die in die Kampfbahn
einlaufen, sind nicht straff, sondern locker. Die
Boxer, die Leichtathleten, die Eishockeyspieler,
die Fechter ebenso. Es gibt keine Sportart,
die nicht eine möglichst große Gelockertheit ver-
langte. Und wenn ir-
gend etwas dem Gang
und dem Gehabe des
Sportmannes eine cha-
rakteristische Note gibt,
dann ist es die Weich-
heit, die Tierhaftigkeit,
die Gelockertheit seiner
Bewegungen.

Straffheit oder gar
Verkrampftheit... es
gibt nichts Gefährliche-
res für den Athleten.

Alles, was er tut, muß
selbstverständlich und
mühelos aussehen . .
wie . . man erschrecke
bitte nicht! . . wie et-
wa eine Mozartmelo-
die, wie ein liedhaftes
Gedicht, wie gute Pro-
sa, wie alles Schöne,
das sich Wer den Zu-
fall und den Alltag
hinaushebt in den Be-
reich des Ewigen und
Gültigen. Die Tätig-
keit des Sportmannes,
der Lauf, der Sprung,
der Stoß, der Wurf,
ist, mit einem Wort,
ein Kunstwerk. Je voll-
endeter die Leistung,
um sv schöner ist sie
auch. Oder anders aus-
gedrückt: das Zweckmä-
stigste, das in sich Nich-
tigste ist gleichzeitig
das Schönste.

Man kennt derglei-
chen ja von der Technik
her: eine Flugmaschine
aus der Anfangszeit
des Fltegens, als man
die technischen Gesetze
noch nicht beherrschte,
sieht häßlich aus. Ein
moderner Apparat da-
gegen — man denke
nur an moderne Segel-
flugzeuge — der ein
Aeußerstes an Zweck-
mäßigkeit darstellt, ent-
zückt das Auge förm-
lich durch die Anmut
seiner Linien.

Umgekehrt kann man
immer von der Häß-
lichkeit einer Konstruk-
tion auf einen Mangel
an Zweckmäßigkeit
schließen.

Wenn man den
Sportsleuten aus aller
Welt, die jetzt in Ber-

lin zusammengekommen sind, beim Trai-
ning zusieht, dann merkt man so recht,
da sie ja eine Elite darstellen, wie eng
auch beim Sport oder gerade beim Sport
höchste Leistung und höchste Schönheit bei-
einander wohnen, noch mehr: wie sich die
beiden Begriffe einfach decken. Es steht zu
vermuten, daß ein Künstler und ein Trainer
bei der Beurteilung eines Sprungs zu dem-
selben Ergebnis kommen würden.

Aber so wie ein Kunstwerk, mag es sich auch
noch so mühelos und schwebend ausnehmen,
nicht im Handumdrehen geschaffen wird, son-
dern auf eine geheimnisvolle Weise die Mühe
und den Inhalt eines ganzen Lebens ver-
langt (das eben, das Opfer des Lebens,
unterscheidet den Künstler vom Dilettanten),
genau so schenkt sich auch die sportliche, die

körperliche Vollendung nur dem, der sein
„Leben" zum Preis gibt.

Eine chinesische Anekdote berichtet, daß ein
Kaiser einen berühmten Maler, dem er in der
Jugend ein Stipendium verschafft hatte, be-
suchte, um sich persönlich von der Einzigartig-
keit seiner Kunst zu überzeugen. Der Maler
warf vor den Augen des Kaisers mit dem
Tuschpinsel die Zeichnung eines Hahns auf
ein Stück Seide. Und der Kaiser war von
der Lebendigkeit und Schönheit des Bildchens
hoch entzückt. Als er aber weiteres sehen
wollte, sagte der Maler, das wäre alles, was
er könnte. „Was hast du denn", rief der.
Kaiser, „dein ganzes Leben über getrieben,
daß du es nicht zu mehr als zu diesem Hahn
gebracht hast?" Da öffnete der Maler schwei-
gend die Tür zu einem Seitenzimmer. Das

Training

Zimmer war von unten bis oben angefüllt
mit Tausenden von Versuchen, das Wesent-
liche und Letzte eines Hahnes darzustellen. Der
Kaiser sah es und verstand.

Ein ganzes Leben, die Arbeit eines ganzen
Lebens reicht gerade aus, um etwas Vollende-
tes zu vollbringen.

Wohl bestehen zwischen Sport und Kunst
Unterschiede. Aber etwas von dieser asketi-
schen Haltung muß auch der Sportsmann auf-
bringen, um das Letzte und Schönste aus
seinem Körper herauszuholen. Nicht nur, um
vollendeten Geistes zu werden, sondern auch
um vollendeten Körpers zu werden, ist das
Opför, die „Schinderei", wie es schon die grie-
chischen Olympia-Kämpfer nannten, die Aske
Nötig. Die Askese des Sportmannes ist sein
Daß es so ist, das sehen wir in
diesen Tagen so deut-
lich wie wohl kaum zu-
vor. Diese Iungens, die
im Olympischen Dorf
leben, leben nicht für
sich, sie leben für eine
Idee, die sie vor sich
aufgerichtet haben. Die
Idee heißt nicht Sieg
— Sieg ist der Wunsch
und die Sehnsucht —
sondern Vollendung
dessen, was an Mög-
lichkeiten in jedem
Körper liegt. Und um
diese Vollendung, wenn
je im Leben dann jetzt,
zu erreichen, wird
trainiert.

Bei aller amerikani-
schen Iungenshaftig-
keit, bei allem japani-
schem Lächeln, bei aller
gentlemanliken Art der
Engländer, bei allem
südamerikanischem
Temperament, bei aller
Verschiedenheit der
Methoden und bei aller
Abgestuftheit der Härte
liegt doch etwas Uner-
bittliches, etwas Bitter-
ernstes, etwas Asketi-
sches über dem ganzen
olympischen Training.

Möchten doch die
Tausende, die in diesen
Tagen, aus allen Tei-
len Deutschlands kom-
mend, über das Reichs-
sportfeld wandern und
da und dort einen
Blick auf den Trai-
ningsbetrieb werfen
können, auf die Ein-
förmigkeit einer immer
und immer wiederhol-
ten Bewegung, auf die
Härte, mit der die Kör-
per angepaßt werden,
auf den Gehorsam, der
wider scheinbar besseres
Wissen der höheren
Einsicht entgegenge-
bracht wird, möchten
sie doch so recht emp-
finden und verstehen,
was sie da vor Augen
haben! Sie sehen nicht
mehr und nicht weni-
ger als die Jugend der
Welt, die ihre Jugend,
die goldenen Tage
ihrer Jugend, freiwillig
und freudig einer Idee
opfert, der Idee von
Olympia.
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