Olympia-Zeitung: offizielles Organ der 11. Olympischen Spiele 1936 in Berlin — 1936

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Ueber der Ehrenloge im Olympia-Stadion befindet sich die
weit ausgreifende Pressetribüne, und wieder über der Presse-
tribüne ziehen sich, eine neben der anderen, die gläsernen
Kabinen der großen Zeitungen hin, die durch Telefonleitun-
gen unmittelbar mit ihren Häusern in Berlin, Hamburg,
Stockholm, Tokio verbunden sind.

So eine Kabine hat vorn zum Spielfeld hin eine große
Soiegelglasscheibe, die herauf- und heruntergedreht werden
kann, die Seitenwände sind aus Glas und die Rückwand mit
der Tür ebenfalls. Das Dach besteht aus Beton und der Fuß-
boden aus etwas anderem, was man aber nicht feststellen
kann, weil er dauernd kniehoch mit Papieren bedeckt ist, mit
Meldungen, die die Bervielfältigungsstelle alle Viertelstunde
verteilt, mit Konzeptpapier, Zigarettenschachteln, Pro-
grammen, Kekspackungen und dergleichen.

Fünf Minuten vor Beginn des Fußballspiels Norwegen
gegen Italien. Das Schreibmaschinenfräulein sitzt vor ihrer
Maschine, die beiden Motorradfahrer, die den Botendienst
zwischen dem Stadion und der Schriftleitung im Zentrum
der Stadt versehen, sitzen auf ihren erhöhten Plätzen im
Hintergrund der Kabine. Norwegische und italienische
Tprechchörc schallen aus dem Krater des Stadions herauf.
Die Range sind fast gefüllt. Musikfetzen wehen herüber. Es
herrscht eine ähnliche Atmosphäre des Fieberns, Höffens
und Bangens, wie sie während der leichtathletischen Wett-
kämpfe Tag für Tag hier aufbrodelte. Vielleicht ist sie sogar
noch um einige Grade heißer. Deutschlands Mannschaft darf
nicht mehr dabei sein. Schade! Aber Italien gegen Norwegen
ist auch nicht schlecht. Fußballuft bleibt Fußballuft.

Rums! schlägt die Glastür zu. Zwei Berichterstatter, der
eigentliche und der uneigentliche, hasten herein. „Dieser
Verkehr! Wir sind mal wieder stecken geblieben. Los,
Fräulein M, schreiben Siel „Als wir zum ersten Vorschluß-
rundenspiel zum Stadion hinausfuhren . . ."

Das Telefon sagt: „Rrrrring!"

„Hier Pressekabine Olympia-Zeitung. — Ja, ja, ich bin
schon am Diktieren. In zehn Minuten geht der erste Teil
des Berichts hier ab. — Schön!"

^ Der Lautsprecher dröhnt Uber die Zuschauermassen des
Otadions. h.,n: ,,. . . geben jetzt die Mannschaftsaufstellung
bekannt. Norwegen. Torwart Johansen. Rechter Verteidiger:
Lriksen..."

Der Eigentliche zum Uneigentlichen: „Können Sie eben
mal mitschreiben? Die Mannschaftsaufstellung! Vielen
Dank! — Weiter, Fräulein! Der italienische Fußball-
gewaltige Pozzo, Pe—O—Zet—Zet—O. haben Sie? Pozzo
hat uns versichert, Komma, daß seine Leute. . ."

„Rrrrrring!"

„Pressekabine Olympia-Zeitung." — „Nein, wir können
Ihnen jetzt keine Auskunft geben . . ."

Nebenan diktiert ein Mann aus Hamburg: „Die dritte
Stelle belegte Gisela Arendt in 1:06,5, also nur äußerst
knapp geschlagen . . ."

Noch ein Glashaus weiter sitzen in aller Gemütsruhe die
Japaner. Sie haben es heute gut. Gestern beim Marathon-
lauf sah es bei ihnen ein bißchen anders aus.

Die Schreibmaschine rasselt. Der Berichterstatter greift
mit den Fingern in der Luft herum, als gälte es, dort die
Sätze, die er spricht, zu formen. Von Zeit zu Zeit werden
von hinten Bogen mit den neuesten Meldungen von den
anderen Kampfstätten hereingereicht. Immer wieder klingelt
das Telefon. Das Schreibmaschinenfräulein tippt mit der
einen Hand, bedient mit der anderen das Telefon, denkt mit
einem Teil ihres reizenden Köpfchens an das, was sie tippt,
und mit dem anderen an das, was sie ins Telefon hinein-
spricht.

Da schreit das Stadion auf. Die rot-weiße norwegische
Mannschaft läuft herein. Und gleich darauf die blau-weißen
Azurri.

„Wo ist der Fahrer? Raus mit dem Blatt aus der Maschine!
Hier! Und nun abgebraustl Sagen Sie auf der Schriftleitung,
in einer Viertelstunde käme der zweite Teil! Tut mir leid,
daß Eie gerade jetzt weg müssen, wo es losgeht. Aber wenn
Sie schnell machen, sind Sie ja zur Entscheidung wieder hier."

Der Fahrer verzieht keine Miene, nimmt das Manuskript
und saust los. Fußball ist das Schönste für ihn, was es gibt.
Aber Dienst ist Dienst!

„Achtung! Achtung!" meldet sich der Lautsprecher wieder.
„Die Aufstellung der italienischen Mannschaft! Torwart: Ven-
turini. Rechter Verteidiger: Font . . ."

„Diktieren Sie nur weiter. Ich schreibe schon mit. Hier
haben Sie die norweghche Mannschaft."

„Rrrrrring. . .!"

„Die Schriftleitung möchte Sie selbst sprechen."

„Ja. hier . . . Was? Kann kein Wort verstehen? Was?
Nichts zu hören! — Fenster zu!"

Das Fenster wird zugedreht. Der Lärm dringt nur noch ge-
dämpft in die Kabine hinein. Während der Eigentliche sein
Leletvngrwräch üchrt. beobachtet der Uneigentliche die Aus-
losung und den Kampfbeginn.

„So. Bloß wieder runter mit der Scheibe! Das ist eine
Hitze hier! Schreiben Sie bitte . . . Runter mit der Scheibe!
Da . . . was ist da eben in den Scheibenschlitz gefallen?"

„O Gottt, ich glaube, es war der Leim!"

„Ist ja alles gleich. Quetschen Sie ihn kaputt. Los, weiter!
Angegriffen. Punkt. Mit dem ersten schnellen Angriff der
Italiener bricht auch schon das iaktmäßige Echo . . .1 Sehen
Sie sich diese Leute mal an! Sehen Sie aber mal! Sie
treiben alles, was Gott verboten hat! . . . Gefahr ab. Punkt.
Als dann die erste Welle .. .1 Das war aber ein tolles Ding!
Na. wer dies Spiel erfunden hat!"

„Rrrrrring. . .!"

„Was? Wenn Sie wüßten, wie die Leute hier brüllen!
Hören Sie mal! Können Sies hören? Was? Kinder,
macht die Scheibe noch mal zu! — Das war Iuve! — Gut,
ich schicke jetzt den zweiten Fahrer los. Den Rest gebe ich
dann telefonisch durch. In fünf.... sagen wir mal, in zehn
Minuten! Was? Nun sehen Sie sich diesen von Fußball-
regeln ungeküßten Wildschützen mal an! — Nein, das galt
nicht für Sie! In zehn Minuten also!"

Die Tür wird aufgerissen. Jemand ruft in die Kabine:
„Wasserball Frankreich—Tschechoslowakei 3:2."

„Wasserball I Was geht uns Wasserball an! Die Nor-
weger verlieren das Spiel! Auch das noch! Erst schlagen
sie uns und dann verlieren sie gegen die italienischen Stu-
denten!"

„Rrrrrring..!"

„Wer? Conti? Gibt es hier nicht. Kann ich Ihnen nicht
sagen. Nein ... Nein ... Kann ich Ihnen nicht sagen."

„Schluß Fräulein! Er soll das O.K. anrufen! Ich muß
die Leitung jetzt haben! — Da! Wer war bas! Habe ich es
nicht gesagt! Wer hat das Tor geschossen? Das war ein
Tor! So etwas sieht man nicht oft! Direkt aus der Luft!

Haben Sie gesehen, wer es war? Wo ist die Mannschafts-
aufstellung?"

„Es war der Linksaußen. Wie heißt er... Negro!"

„Na, ein tolles Spiell Wer das erfunden hat! —
Fräulein, geben Sie mir bitte die SchriftleitungI — Danke!
— Den Telefonstenographen bitte! Also nehmen Sie bitte
auf! Ist das Manuskript schon da? Nein? Merkwürdig!
Dem Jungen wird doch nichts passiert sein? Also nehmen
Sie auf: ,Ein Abschlag des linken norwegischen Verteidigers
mißlingt, Komma, der Ball kommt zu dem italienischen
Linksaußen...' Haben Sie? Was? Kann nichts verstehen!
Wie weit haben Sie denn? — Verteidigers? — Das geht aber
langsam! — Ach so. Sie schreiben direkt in die Maschine!
Weiter..., der von Iuve immer wieder vorgepeitscht wird ...
Nicht Jubel sondern Iuve! Iuve mit Vau und ohne Ell!
Haben Sie?... Der erste Bote ist da! Na, das hat ja
geklappt! — Was war das? Habe ich nicht gesehen!
Himmel, wie die Leute brüllen! Wenn ich nur könnte, wie
ich wollte! Wenn ich nur nicht im Glashaus säße! Der
Ausgleich! Hoffentlich gibt es keine Verlängerung! Das
wäre das Schlimmste, was der Olympia-Zeitung passieren
könnte! — Hallo! Haben Sie? Der Rest kommt in die
zweite Ausgabe. Der zweite Bote ist noch nicht da? Ach,
du liebe Zeit!"

„Sehr geehrte Redaktion! (schreibt uns ein lieber Zeit-
genosse). Die Berichterstattung halte ich hinsichtlich vieler
Einzelheiten noch für mangelhaft. Ich habe mir von einer
eigens für diesen Zweck herausgegebenen Zeitung doch etwas
mehr Sorgfalt versprochen..." Wir laden ihn hiermit ein,
sich einmal ins Glashaus zu setzen, und wenn er dann noch
mit Steinen wirft...!

Lukn. Svkerl
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