Olympia-Zeitung: offizielles Organ der 11. Olympischen Spiele 1936 in Berlin — 1936

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Im olympischen Stadion steht -- seine
Stirnseite der Führexloge zugewandt — ein
kleiner, kaum meterhoher Ausbau.

Unscheinbar und wie verloren steht er da
inmitten einer monumentalen Architektur.
Menschengebirge schließen ihn ein und die
Wälder der Fahnen rauschen zu seinen
Häupten.

Zwischen dem olympischen Feuer, das aus
mächtigen Becken lodert, und dem Siegermast,
der sich jenseits des Eiten Platzes zum Him-
mel reckt, ist dieser kleine Aufbau nichts als
ein Punkt. Eine Welle nur, die im Ozean
verschwindet.

Und wenn man ganz oben steht und nie-
derblickt ins tiefe Tal dieser gigantischen
Kampfbahn, dann hat man Mühe, das kleine
Podium zu erkennen.

Es wirkt winzig — wie ein Vogel — der
zwischen riesigen Berggipfeln im Raum
schwebt.

Eichenblätter winden sich um diesen kleinen,
graulackierten Aufbau.

Wenn die Glut des Kampfes durch das
olympische Stadion weht und sich hunderttau-
send Augenpaare niedersenken auf die Arena,
wenn alle Herzen in einem Furioso der Be-
geisterung zusammenschlagen, dann versinkt
dieses Podium wie etwas Ueberflüsstges in
den Iubelsinfonien der Welt.

Dann stebt.^ mü^nergeffM da, und nicht
einer der aber Millionen Blicke streift es auch
nur für die Dauer eines Augenblicks. Was
soll diese Zwergtribüne inmitten der berg-
hohen Ränge, was diese winzigen drei
Quadratmeter in dem grandiosen Rund die-
ser Kampfbahn, was will dieses kleine Po-
dium, niedergeduckt wie ein Spielzeug unter
den steinernen Brüsten der Führerloge? ^

Die Augen fliegen darüber hinweg, —
wem gelüstet es, einen Tropfen zu bewun-
dern, wenn Wolkenbrüche niederdonnern?

Und doch hat es an jedem Tag- der Olym-
pischen Spiele stolze und unvergeßliche
Augenblicke gegeben, in denen das klskne Po-
dium wie eine Tribüne des höchsten Gerichts
emporwuchs und mit einem Male der Mittel-
punkt des ganzen Stadions war.

Das waren jene schicksalhaften Sekunden,
in denen die olympischen Götter über diesen
winzigen Aufbau schwebten, jene Sekunden,
wo aus ewigen Himmeln der Lorbeer des
Sieges niederfiell

In diesen Augenblicken höchsten Triumphes
wuchs das kleine Eisengestell wie ein Riese
empor, und selbst die Rhrenloge zu seinen
Häupten neigte sich bewundernd zu ihm
nieder.

Und die Münder schienen verzehnfacht zu
jubeln, denn ein Sturm brauste über das
Stadion hin, der geladen war mit den Blitzen
des olympischen Siegs!

Und wenn die Kampfbahn leer war und die
granitenen Buchten der Ränge und Riesen-
tribünen vereinsamt, dann traten die Kämpfer
vor dieses kleine Podium hin und bestaunten
es mit ehrfürchtigen Blicken.

Da standen sie, die herrlichsten Athleten der
ganzen Erde, vor diesem grauen Eisengestell,
zu dem nur zwei kleine Stufen hinaufführten,
Stufen, die ein Kind überspringen konnte und

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die doch für die Tapfersten der Welt ebenso
unerreichbar blieben wie die Schneegipfel des
Himalaya.

Wieviele Kämpferhände mögen voll Sehn-
sucht die Eisenplatten dieses Podiums gestrei-
chelt, wieviele Füße sich voll Hoffnung hinge-
stellt haben auf die erste Stufe, die zur olym-
pischen Verklärung führt?

Keiner aber hätte es gewagt, sich auf die
oberste, auf die zweite Stufe zu stellen, die
nur dem bereitet war, der die Auserwählten
der Erde bezwungen hatte.

Nur der olympische Sieg — das wußten
die Herzen aller Kampfer — wird uns hinauf-
tragen auf die oberste Stufe dieses kleinen

EisengestellsI Und wenn wir glücklich lächelnd
auf ihm stehen werden, dann stehen wir zu-
gleich auf dem Gipfel unseres jungen Lebens
und haben unserem Vaterland eine Gold-
medaille erkämpft! Man müßte diesem un-
scheinbaren Eisengestell im Deutschen Museum
einen Ehrenplatz geben.

Dieses eichenbekränzte Podium hat den höch-
sten Triumph des Sports gesehen und alle
Olympiasieger getragen, wenn im Brausen der
Nationalhymnen die Siegesfahnen hochgingen.

Es hat den Sieg einer ganzen Erde auf
seinem schmalen Rücken getragen^ den Jubel
von öl Nationen und den Stolz der
XI. Olympiade!

I)M VI8IM8

Die ra8e1ie 8ekeiÜ6 ÜOA von meiner Hand-

>vie 8ie die 8eline11e Laim rur 8onne 83ndw,
^vie 8ie 8iek teilen D1nZ8 rnr Drde sandte
nnd Iiell kin8ok1aAe»d iurelite leielit den Land!

lek nalnn 8ie aus und 8ak 8ie prüiend an —:
^ie an dein blanken Rand die Körner klebten,
al8 ob liier tau8end kleine liere lebten!
leb 8tand und 8tand und Staunen kani inieb an.

X^ie doeb an a11e8, >V38 rüuin llinnnel 8trebt,
vorn llinnnel konunt, 8ieb bänAt derDrdedand
und dab an allein 8taub und ^8ebe klebt!

leb >vi8ebe über die8en Di8enrand

und 8treile ab den 8elnnut2 init meiner Hand,

die mir dabei Aanr: 1ei86, 1ei86 bebt.

Das Oeäietu des ^ringen Oesierreiokers, Zier
dns Zonen nls UiNelsoliüler mii 17 ^süftren
schriet» — seinen 18. OekurisduA leierd
er erst irn Oktober — >vurde in der Xunst-
Ol^mpiade (Ornppe I^risebe OiebtunA)
mit der bronzenen Nedaille ausZerieiolinet

Auf diesem Podium haben sie gestanden,
Mann für Mann und Frau für Frau, auf
diesen Siegesstufen haben sie gestanden, die
glorreichen Herrscher im Weltreich der Olym-
pischen Spiele, die Ersten, die Zweiten und
die Dritten, hier sind sie hineingewachsen in
den Zenith ihres jungen Ruhms, die tapfer-
sten Jünglinge und die mutigsten Mädchen
der Welt!

Was mag ihre Herzen durchstürmt haben,
als sie im ehrfürchtigen Schweigen der
Hunderttausend die zwei Stufen zur Ver-
klärung hinaufgeschritten sind, was ihre
Seelen durchklungen, als ihr heroischer Traum
zur Wirklichkeit geworden war?

Auf diese Gipfelsekunde haben sie sich jahre-
lang vorbereitet!. Um sie zu erleben, haben
sie die endlosen Ausscheidungskämpfe gewagt,
Strapazen lächelnd auf sich genommen und
Seele und Leib dem unerbittlichen Gesetz
spartanischer Zucht unterworfen. Um diesen
glorreichen Augenblick zu erleben, haben sie
sich in die vernichtende Schlacht des olympi-
schen Endkampfes gestürzt, haben alles ein-
gesetzt, was sie besaßen, habe ihr ganzes Leben
weggeworfen, um ein neues Leben zu ge-
winnen.

Und dann haben sie gesiegt.

Und durch diesen Sieg sind sie hineinge-
wachsen in ein höheres Dasein, sind wieder-
geboren worden im Feuer der olympischen
Taufe und keusch und unberührt durch die,
läuternden Flammen des olympischen Geistes.

Wir haben sie stehen sehen — auf diesem
kleinen Podium — und haben bis ins
Innerste bewegt miterlebt, wie es diesen
Niesen des Willens im Ueberschwang des
Glücks nicht mehr möglich war, ihre Tränen
zurückzuhalten, die ihnen nun niederrannen
über die edlen Kämpfergesichter.

Wir haben hier oben die schwarzen Wun-
derläufer stehen sehen, mit großen dunklen
Augen, den ungebändigten Urwald im Blut.
Und wir haben die Heldensöhne Nippons ge-
sehen, den Kopf tief auf die Brust geneigt in
grenzenloser Demut vor ihrem Triumph, den
sie jubelnd auf den Altar ihres Vaterlandes
legten.

Und wir sahen die Adleraugen der Norö-
amerikaner und das Zucken um ihren schma-
len Mund, haben erlebt, wie sich die hel-
dischen Finnen zusammenrissen, zu Bild-
säulen erstarrt, vor der Größe dieses hin-
reißenden Augenblicks.

Und wir haben die leuchtenden Blicke der
deutschen Sieger gesehen, haben gesehen, wie
ihre stolzen Augen hinaufsahen zum Platz des
Führers, der selbst mit leuchtenden Augen
auf seine olympischen Helden niedersah. Wir
haben es miterlebt, wie sich alle Deutschen auf
diesen Stufen der Verklärung zusammenge-
rissen haben und dagestanden sind — aufge-
richtet im Stolz ihres Triumphes — kerzen-
gerade wie der turmhohe Mast, auf dem nun
im Jubel der deutschen Hymnen unsere Sie-
gesfahne feierlich in die Höhe stieg.

Im olympischen Stadion steht — seine
Stirnseite der Führerloge zugewandt — ein
kleiner, kaum meterhoher Aufbau.

Er hat alle Sieger der unvergänglichen
XI. Olympiade getragen und war vierzehn
Tage lang das Gipfelpodium der ganzen Welt!
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