Der Orchideengarten : phantastische Blätter — 1.1919

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Der Orchideengarten
Phantastische Blätter
Herausgeber Karl Hans Strobl A Schriftleiter Alf von Czibulka

Erster Jahrgang Vierzehntes Heft

DER GRÜNE SPIEGEL
Eine unheimliche Geschichte von Toni Schwabe. Mit 3 Zeichnungen von Otto Linnekogel.

'XLS sie in das Zimmer traten, das ihre ge-
JL JL. meinsame Nacht erfüllen sollte, wehte
es ihnen entgegen wie das Aushauchen nach
einem Schrei.
„Ein kühles und unfreundliches Zimmer,
Herr ^Virt, haben Sie nichts anderes frei?“
„Ich werde sofort Licht machen — es ist
schon dämmerig. Alles liegt nur daran, dal? es
schon dämmerig ist. Die Herrschaften werden
gleich sehen . . . .“
Und der Wirt bemühte sich umständlich,
eine altmodische Hängelampe anzubrennen.
Durch das Gewicht einer Kugel ausgewogen,
konnte sie an rasselnder Kette auf- und nieder-
fahren, und wie sie sich nun, herheigesenkt,
entzünden lief?, flol? plötzlich ein magisch be-
ruhigendes Licht von ihr aus, und die beiden
Reisenden erkannten freudig überrascht, dal?
sie es mit einem ganz reizenden, behaglich
biedermeierisch eingerichteten Zimmer zu tun
hatten. Alte Kirschbaummöbel, bunte Kupfer
an den Wänden, irgendein grünes Gerank
draußen vor den Fensterscheiben und im Hinter-
grund ein kolossales, königliches Bett mit einer
Art von Baldachin. Man wurde an diese Bett-
beschreibung aus dem,Hohen Lied' erinnert, die
Luther etwas karg und keusch übersetzte, daß
das Bett des Königs Salomo .gepflastert' war,
während man doch zwischen den Zeilen liest,
daß es sich um ein ausnehmend köstliches
Polster handelte, in dem die ganze Üppigkeit
des Orients beschlossen lag.
„Gar kein unfreundliches Zimmer — und
auch nicht weiter kühl, nicht wahr, die Herr-
schaften?'' hörten die Reisenden plötzlich die

etwas quakende, unangenehme Stimme des
Wirtes wieder neben sich.
Der junge Mann antwortete rasch und ab-
schneidend, während er die Hand der Frau
drückte: „Nein, das Zimmer gefällt uns. Wir
nehmen es für diese Nacht.“
„Nehmen es für diese Nacht — —", echote
der ^Virt. Aus dem hohen, schmalen Bieder-
meierspiegel mit den Sternkapitälen, der an der
gegenüberliegenden Wand hing, glänzte klebrig
sein fahl-schwammiges Gesicht heraus.
„— — Nur der Spiegel gefällt mir nicht“,
sagte die junge Frau.
„Gehört aber herein, gehört extra herein,
hebe!“ lachte der Wirt.
„Sie meinen in den Stil? " fragte der junge
Mann.
„Nun ja — wenn Sie wollen: in den Stil.“
Die Reisenden sahen sich, wie erschrocken,
gegenseitig an. Dennoch — es war doch nicht
das geringste gesprochen worden, was einen
Grund zum Erschrecken gab. Aber derartige
Empfindungen sind bekanntlich unkontrollier-
bar. Sie kommen aus verborgenen Instinkten.
Man weiß nicht, wieso sie entstehen, und zwei-
fellos lassen sie sich infolgedessen auch weg-
diskutieren. Ihre Begründungen fassen nirgends
Halt, und so schämt man sich ihrer.
„Das Zimmer ist hübsch, und wir nehmen es,
wie es ist“, sagte noch einmal abschließend der
junge Mann. „Herr Wirt, wollen Sie die
Freundlichkeit haben, unser Gepäck hereinzu-
befördern!“
„Will sie haben, will sie haben!“ quakte der
MVirt und schlurrte davon.

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