Pan <Berlin> — 1.1895-96 (Heft I und II)

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er sieht noch hin mit glühenden Augen und er schreit
noch auf mit geschwungenen Händen, schreit ohne
Laut, mit zerrissener Kehle.

O ja! von diesem blutigen Golgatha bis zu der
sanften und süssen Passionsmalerei seit der Renaissance
— ein schöner Schritt. Dieser Christ im Todes-
krampf ist nicht der galiläische Adonis der Reichen,
der blondgelockte wohllebige Jüngling, der schöne
Mann mit dem wohlgescheitelten Bart und dem
nichtssagenden süsslichen Ausdruck, zu dem die
Gläubigen seit vier hundert Jahren beten.

Der da ist der Christ des heiligen Justinus,
Sankt Cyrillus, Tertulians, der Jesus der ersten
christlichen Zeit, der hässliche Christus, der schwer
leiden musste, da er die schwere Sündenlast der
Welt auf sich nahm.

Der Gott der Armen. Jener, der sich den
Elenden, den Ausgestossenen gesellte, allen denen,
deren Hässlichkeit und Notdurft die Welt ver-
achtet. Der menschlichste Gott, ein von Natur
verlassener Christus mit jämmerlichem Fleisch,
dem erst von oben geholfen wurde, nachdem der
Kelch geleert war. Der Christ mit der Mutter,
die er mit geängsteter Kindesstimme gerufen, wie

Jeder in höchster Gefahr die Mutter ruft; mit der
Mutter, die dabei steht, machtlos wie jede Mutter.

Höchste Erniedrigung suchend, hatte er die
Gottheit abgethan von dem Augenblick an, da ihn
die ersten Schmähungen, die ersten Geisseihiebe
trafen. Durch alle Marter hindurch bis zu den
furchtbaren Qualen des langsamen Endes.

Nur so konnte er leiden, leiden wie ein Mensch,
wie ein Verbrecher, wie ein Hund, niedrig, schmutzig,
bis zum Grauen der Fäulniss.

Kein Naturalismus seit Grünewald hat sich an
diesen Stoff getraut; kein Maler hat je wieder
gewagt, so brutal an. die heiligen Wunden zu
rühren.

Aber wer diesen toten Christ, diesen Christus
aus der Morgue begreift, für den ist er der Gott,
ohne goldenen Heiligenschein, ohne Nimbus. Dem
strahlt aus dem Tod dieses Menschen, aus dieser
wüsten, blutbespritzten Dornenkrone der Heiland
entgegen; und die beiden elenden Menschen vor
der Leiche am Kreuz, dieses gebrochene Weib,
dieser von Mitleid und Wut zerrissene Kerl, sind
ihm überirdische Wesen vor einem Gott. Für
den ist Matthäus Grünewald Idealist.

I.-K. Huysmans (Lä-Bas)

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