Pan <Berlin> — 2.1896-97 (Heft III und IV)

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vom Herbst 1896 gab ein
gutes Bild des gegenwärtigen
Standes der Entwickelung.

Bei vollster Anerkennung
ihres Werkes und des be-
stimmenden Einflusses, den
diese Männer auf die Kunstent-
wicklung ihres Lands gehabt
haben, darf man nicht über-
sehen, dafs ihr Einflufs eine
solche durchgreifende Bedeu-
tung nicht hätte erlangen
können, hätten sie nicht den
Boden so vortrefflich vorbereitet
gefunden. Das Verdienst dafür
gebührt den Kunstschulen.

*

WANDLEUCHTER
SCHULE IN BIRMINGHAM

Der leitende Gedanke für
die Errichtung von Kunstschulen war zunächst rein wirt-
schaftlicher Natur. Die im Jahre 1836 eingesetzte Parla-
mentskommission, die den Plan zur Errichtung einer Kunst-
schule zu beraten hatte, stellte in ihrem Bericht fest, dafs,
infolge des tiefen Stands des Zeichen-Unterrichts in England,
bei dem gänzlichen Mangel geeigneter Schulen, in allen
englischen Fabriken französische uud deutsche Zeichner be-
schäftigt würden; dafs zudem jährlich ungeheure Summen
nach Frankreich, nach Bayern und Preufsen gingen, zum
Ankauf neuer Muster und Vorlagen. Die Engländer waren
wirtschaftlich genug, um zu sehen, welche Einbufse das
Nationalvermögen dadurch erlitt; und schon im folgenden
Jahre wurde eine Zeichenschule in Somerset House in
London errichtet mit dem ausgesprochenen Zweck, der
Industrie zu Hülfe zu kommen und den Fabrikanten und
ihren Beamten Gelegenheit zu geben, sich mit dem für ihr
Gewerbe so notwendigen Zeichnen nach künstlerischen Grund-
sätzen vertraut zu machen. Nach weiteren zwei Jahren wurden
ähnliche Schulen in Birmingham, Manchester, Glasgow und
York errichtet. Obwohl von Anfang an betont wurde, dafs
nicht das Kopieren überlieferter Kunstformeln, sondern die
selbständige Anordnung das zu erreichende Ziel sei, wobei
Natur als Lehrmeisterin dienen solle, blieben anfänglich die
Erfolge doch hinter den Erwartungen zurück, bis im Jahre
1857 die Ueberführung der Londoner Schule nach dem neuen
Gebäude in South Kensington erfolgte. Hier wurde sie der
Leitung des genialen Begründers und Direktors des South
Kensington Museum unterstellt. Der Einflufs des Sir Henry
Cole machte sich schon in wenigen Jahren geltend; nicht
nur in London, auch auf allen Schulen über ganz England
hin, die mit der Londoner Centrale in Verbindung stehen.
Schon im Jahre 1860 war die Zahl der in englischen Fabriken
beschäftigten französischen Zeichner auf die Hälfte gesunken;
wenige Jahre weiter und Frankreich war vollkommen aus
dem Felde geschlagen. Bemerkenswert ist die Stimme eines
Franzosen. Ein Bericht des Ministers Rouher an Napoleon III.
über den Stand der englischen Industrie und den ungeheuren
Fortschritt, den die Ausstellung von 186z gegen das Jahr
18 51 zeigte, führt diesen schnellen Aufschwung allein auf
den Einflufs der Zeichenschulen zurück.

Aus der inneren Einrichtung dieser Schulen ist hervor-
zuheben, dafs das Bestreben vorherrscht, die Schüler sobald
und so viel als möglich nach dem Leben zeichnen zu lassen.
Daneben ist von gröfster Bedeutung, dafs laufende Aufgaben
gestellt werden zur Anfertigung von Zeichnungen für Ge-
brauchsgegenstände. Ein Stuhl, eine Bank, ein Leuchter
bilden den Gegenstand der Aufgabe; jede strenge Anlehnung
an überlieferte Ornamente wird zurückgewiesen; die Preise,
die für die besten Entwürfe ausgesetzt sind, werden aus-
schliefslich den selbständigen Arbeiten zuerkannt; wobei
leitender Grundsatz bleibt, dafs in erster Linie der Gebrauchs-
wert, in zweiter Linie die Ornamentierung entscheidet. Auf
diesem Wege gewöhnen sich die Schüler an selbständiges
Denken, und das, was sie gelernt, erscheint ihnen nicht im
Licht einer toten Wissenschah, sondern als in lebendiger
Beziehung stehend zum täglichen Leben und seinen Bedürf-
nissen. Die zur Zeit umfangreichste dieser Schulen in
Birmingham hat neuerdings begonnen, den Zeichnungen
auch die Ausführung folgen zu lassen. Besonders auf dem
Gebiete des gehämmerten Metalls, in der Anfertigung von
Leuchtern, Becken, Terrinen, auch in der Email-Arbeit sind
dabei sehr günstige Erfolge erzielt worden.

Mehr als der vierte Teil der Lernenden sind Dilettanten,
die diese Schulen nicht besuchen als Vorbereitung zum Lebens-
beruf, sondern als Gelegenheit, sich in der Schärfung des
Auges, in der Entwicklung des künstlerischen Geschmackes
fortzubilden. Die Vorzüge dieser, übrigens auf wirtschaftlichen
Gründen beruhenden, Einrichtung sind einleuchtend. Neben
den schaffenden Kräften werden die geniefsenden erzogen.
Diese, beinahe ausnahmslos Damen, tragen den verfeinerten,
künstlerischen Geschmack, den sie diesen Schulen danken,
in ihr Heim und wissen damit in weiteren Kreisen das Ver-
ständnis für das künstlerische Schaffen zu erweitern.

Die Zahl der Schulen ist heute nahezu 200. Man kann
sich aus dieser Zahl ein Bild machen, welchen Einflufs die

GETRIEBENES BECKEN
SCHULE IN BIRMINGHAM

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