Pan <Berlin> — 3.1897-98 (Heft I und II)

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Stunden überwunden; das Ich, ergriffen von Einsamkeitstrauer
und Heimwehgefühlen, weitet sich liebend über die ganze
Welt aus und möchte, wunderbar versöhnt gestimmt, alles,
was aufser ihm ist, in seine Arme schliefsen. Ein tief Wollust-
volles trägt dieser Zustand beim Künstler wie beim Liebenden
an sich, jene Wollust der süfsen Bitterkeiten, der beglückenden
Schmerzen und des wehmütigen Glücks. Zarte, nebelhafte
Gestalten steigen in jenen ersten Augenblicken der Empfängnis
in der Einbildungskraft des Dichters empor, bunte Farben-
schleier sieht er leuchtend vor sich ausgebreitet, eine goldene
Musik klingt aus verlorenen Weiten und himmlischen Höhen
zu ihm herüber. Wohl ist noch alles verworren und von
zerflossenen Linien; noch hat sich nichts zu Handlungen, zu
Charakteren, zu Gedanken, zu Wirklichkeiten zusammen-
geschlossen; aber die grofse, die einheitliche Stimmung,
welche das Ganze erfüllen wird, die Stimmung eines
Nächtigdüsteren oder Lichtglänzenden, eines Dämonischen
oder Heiter-Behaglichen, des Wilden oder des Milden, ist
niemals mächtiger in ihm, niemals empfindet er sie wieder
so innig, so voll und so tief wie in diesen ersten Stunden.
Die Augen der Liebe besitzen die Kraft, dafs sie an dem Ge-
liebten nur das Schöne sehen. Der erotisch leidenschaftlich
Ergriffene starrt wie in einer Ekstase auf das begehrte Weib;
er schaut es im Besitz aller Vollkommenheiten, die kein
Anderer wahrnimmt, und er blickt zu ihm auf wie zu
einem höheren und reineren Wesen. Aber auch das Visionäre
des Künstlers ist aufs Höchste gesteigert, wenn sich das Werk
zuerst vor ihm entfaltet, und in diesem ersten Zeugungsrausch
glaubt er an sein Werk, wie sonst nie wieder. Was er in
solcher Stunde erblickt, das erfüllt ihn, wie den Liebenden
mit einem Empfinden tiefsten Entzückens, als habe er noch
nie so viel Schönheit, so unendlichen Glanz und so über-
irdische Idealitäten geschaut, als habe er noch nie so voll-
kommene Wonnen genossen. Sein ganzes Sehnen und Ver-
langen geht darauf hin, den Traum zu bannen und festzuhalten
und die Gefühle, mit denen er ihn überschüttete, nach Aufsen
hin lebendig werden zu lassen. Wie ernüchtert blickt er
später auf das vollendete Werk herab, mit dem er seinem
strahlenden Urbilde glaubt so wenig nahe gekommen zu sein
und das ihn seelenlos, tot anstarrt, wenn er es vergleicht mit
der hellen und magischen Vision, als die es ihm zuerst ent-
gegentrat.

Das ganze weitere Entstehen und Werden der künst-
lerischen Schöpfung geht aber unter solchen stets sich er-
neuernden Schauern vor sich. Unter Erregungen sieht der
Dichter, wie die Gestalten immer klarer und schärfer hervor-
treten, jede neue Feinheit, die er an ihnen wahrnimmt,
löst ein Lustempfinden in ihm los und stets inniger lebt er
sich in sie hinein, nimmt Teil an ihren Gedanken und Ge-
fühlen, weint und lacht mit ihnen. Um jedes Wort ringt
er, bis dafs es ganz Fleisch, ganz Leib und Sinnlichkeit ge-
worden ist, kein Begriff mehr, sondern lebendige Erscheinung.

Im eigentlichsten Sinne des Wortes gilt es: Kunst ist
Liebe.

Kunst ist die zeugerische Naturkraft, — das Leben
schaffende, das stets sich erneuernde Leben selbst. In der
Fortentwickelung allen organischen Seins nimmt auch sie ein

neues Wesen und neue Formen an, und immer reicher und
mächtiger wächst neben einem an das Körperliche gebannten
Schöpfungs- und Gestaltungsvermögen die geistige Zeugungs-
kraft heran — Kunst im engeren Sinne.

Nichts ist in der Natur, was nicht ein Einzelwesen wäre;
wie der Zellenbau des Menschen, des Tieres, der Pflanze wird
sie aus Myriaden und aber Myriaden Individuen gebildet.
Aber keiner dieser lebendigen Teile besteht durch sich selbst
und durch sich allein. Er existiert nur mit und durch die
anderen. Unendliche Beziehungen verknüpfen ihn mit dem
Ganzen und mit Jedem. Jedes Individuum ist von jedem
anderen abhängig. Es empfindet, fühlt und weifs, dafs noch
neben und aufser ihm etwas ist. Es mufs sich in diesem
Aufsensein zurechtfinden, es kennen lernen, um sich selber
zu erhalten. Der Geist ist die Summe aller Empfindungen,
durch welche der Teil auf die anderen reagiert und mit ihnen
in Verbindung steht, — das grofse Orientierungsvermögen
des Ichs in der Welt.

Die unermefsliche Fülle der Einzelerscheinungen, von
denen nicht eine wie die andere ist, müfste es verwirren,
lähmen und erdrücken, das Ich würde nie die Aufsenwelt
kennen lernen, wenn es nicht die Kraft besäfse, diese grofse
Mannigfaltigkeit der Empfindungen, Bilder und Vorstellungen
zu vereinfachen und zu vereinheitlichen, in den Verschieden-
heiten wieder Uebereinstimmungen wahrzunehmen, könnte
es nicht die ganze Blätterfülle der Welt als das eine und
einzige Blatt auffassen. Das Ich ordnet, katalogisiert und
systematisiert, es zerschneidet und zerlegt den Organismus;
es sieht nichts als die Form der Blätter und teilt sie ein in
lineale, lanzett-, herz-, nierenförmige Blätter, es sieht nichts als
die Farbe und scheidet grüne, rote gelbe Blätter von einander.
Das Ich drängt die Sinnlichkeiten der Natur in Begriffe zu-
sammen und sein Orientierungssinn, sein Geist wird so zum
Verstände, zu einem reinen Verstehen der Welt. Aber dieses
blofse Verstehen zerstört die Wirklichkeit des Lebens und
hebt die Sinnlichkeiten auf, in denen sich einzig und allein
die Natur offenbart. Willkürlich reifst es den Organismus
auseinander, löst das Zusammengehörige und verwirrt die
Erscheinungen. Unter dem Blick des Verstandes verödet und
erstarrt die Natur und es erstirbt das Lebendige. Die Welt
ist das Tote, und nur das Ich existiert und herrscht über das
Leblose. Nur Schatten und Schemen, Begriffe und mathema-
tische Formeln sind noch vorhanden. Die gefundene Einheit
ist keine wirkliche, keine sinnliche Einheit. Dem Zerlegen
und Zertrennen ist kein Mafs und kein Ziel gesetzt, und das
Ich versänke wieder rettungslos in der Fülle der einzelgesehenen
Dinge und gelangte unmöglich zu einer Gesamtanschauung,
besäfse es nicht auch ein lebendig-schöpferisches Geistesver-
mögen, welches mit einem Schlage die Weltbilder in ihrer
Ganzheit unmittelbar, in vollkommener Sinnlichkeit auf-
nehmen könnte. Durch die Phantasie trinkt es die ganze
Natur als ein Lebendiges, als ein Wirklich-Vorhandenes in
sich; es trägt sie nun in sich, so wie sie aufser ihm ist, stets
hat sie sie bei sich und lebt mit ihr in innigem Bunde, in
einer Vermählung mit ihr. Das Ich, welches ein Teil der
Welt ist, macht die Welt durch die Einbildungskraft
wiederum zu einem Teil von sich selber.

So ist es der Geist, durch welchen das Individuum Besitz
nimmt von dem, was aufser ihm ist. Durch ihn breitet es
sich über das All der Dinge aus. Er führt es heraus aus der

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