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Publikums eigen. Er hatte enthusiastische Bewunderer, er hatte
Gegner, die ihn der Unzucht anklagten — der Streit beider
miteinander und um ihn begleitete ihn sein Leben lang und
machte ihm das so kurze zu einem glücklichen, denn er hatte
so, was sein Wunsch war: berühmt und berüchtigt zu sein. —
Aubrey Vincent Beardsley wurde am 21. August 187z
in Brighton geboren. Von seinen Eltern hat man nichts auf-
geschrieben, nur seiner Schwester gedenken die Biographen,
die treu zu ihm hielt und ihm half, wo und wie sie es nur
immer vermochte. Er ist neun Jahre alt, als man ihn nach
Epsom schickt, damit er da von der Schwindsucht geheilt
werde. Im März 1883 zieht die Familie nach London. Er
gilt als ein Wunderkind, doch als ein musikalisches. Er spielt
mit seiner Schwester in Konzerten und verblüfft alle Welt
durch die Brillanz seiner Technik und die Stärke seines Aus-
drucks. Für die Musik bewahrte Beardsley zeitlebens ein
starkes, vielleicht sein stärkstes Verhältnis; wenn er über sie
sprach, that er es — der sonst zu Scherzen neigte — ernst und
fast dogmatisch; die Musik sei, meinte er immer, der einzige
Gegenstand, über den er etwas wüfste. 1884 kommt das
Lesen über ihn; er verschlingt Buch um Buch. Und gleich-
zeitig mit diesem Aufnehmen regt sich — wie immer bei
ihm — die Lust zum Selbstschaffen: er beginnt eine Geschichte
der Armada zu schreiben und verfafst 1885 als Schüler der
Grammar School zu Brighton eine Farce „Browne Study", die
von ihm und Mitschülern auch gespielt wird, wie er sich in
dieser Zeit überhaupt stark mit dem Theaterwesen abgiebt.
Er zeichnet zu den Aufführungen die Einladungskarten; die
kleinen Bücher der guten Kate Greenaway reizen ihn, sich
auch hierin zu versuchen. Er karrikiert seine Lehrer, die es
ihm — was für Lehrer in England! — nicht nur nicht übel
nehmen, sondern sich darüber freuen und ihm gerne Modell
sitzen. In dem Magazin der Schule: ,Past and Present' wurden
diese ersten Versuche Beardsleys veröffentlicht. Sie sind auf-
fallend durch ihre völlige Unbedeutendheit. — Im Juli 1888

verläfst er die Schule, um in das Bureau eines Londoner
Architekten als Zeichner einzutreten. Im nächsten Jahre giebt
er das auf und erhält eine Stelle in der Feuer- und Lebens-
versicherung ,The Guardian'. Im Herbst desselben Jahres
meldet sich stärker wieder seine Krankheit: ein Blutsturz
folgt dem andern. Es ist als ob die Muse darauf gewartet
hätte, sich Beardsley Hand in Hand mit dem Tode zu nahen: die
sechs Jahre seiner Künstlerschaft und seines Sterbens beginnen.

Viele Namen sind es, die den Ruhm beanspruchen, Beards-
ley „entdeckt" zu haben. Dieses that er wohl selbst; das
andere verhält sich so, dafs Mr. Vallance — W. Morris' Schüler
und Biograph — ihn beim Verleger der Modernen John Lane
einführte, Joseph Pennel über ihn als Erster schrieb — in
der ersten Nummer des ,Studioc — und dafs Mr. J. M. Dent
Beardsley dadurch nützte, dafs er ihm die Illustration des
,Morte d'Arthur'übergab. Dies war 1802. Im folgenden
Jahr erschienen die beiden Foliobände von Ritter Malory's
Sagensammlung, 1894 Oscar Wildes ,Salome' in der eng-
lischen Ausgabe mit Beardsleys Schmuck, im April desselben
Jahres der erste Band des Yellow-Book, für dessen erste vier
Bände er 18 Blätter, Titel, Leisten lieferte. 1895 erfolgte
der Bruch mit dieser anfangs vorzüglichen Zeitschrift, die
nun eines der vielen englischen Publisher-Magazins wurde
und Januar 1896 wurde von Symons und Beardsley ,The
Savoy' gegründet, den der Verleger C. Smithers herausgab.
In den acht Heften des Savoy erschien ein grofser Teil von
Beardsleys Werk. 1896 erschien Popes Rape of the Lock
mit Beardsleys Illustrationen. Schwerkrank wird der Künstler
im März 1897 katholisch und verläfst für immer England.
Er geht zuerst nach Paris, dann nach Dieppe, Ende des Jahres
nach Mentone, wo er am 25. März 1898 mit den Tröstungen
seines Glaubens versehen stirbt. Zeichnungen zu Ben Jonsons
Volpone beschäftigten ihn bis zuletzt; er hinterliefs sie un-
vollendet. —

Es ist ein Dogma der modernen Kritik, dafs man der Be-

A. BEARDSLEY, THE RAPE OF THE LOCK

urteilung und dem Verständnis
des Werkes durch eine genaue
Kenntnis seines Schöpfers einen
sicheren Boden geben müsse, dafs
man nichts versäumen dürfe, was
etwa physiologisch für das Urteil
von Bedeutung wäre — bei
Beardsley ist das Ergebnis solchen
Suchens klein. Wir wissen nichts
von seinen Vorfahren, von seiner
Schwester nur, dafs sie ihn liebte.
Wir wissen wenig genug von
dem Milieu seiner Kindheit und
Jugend. Von seinen Freunden ver-
sichern uns eben diese Freunde,
dafs er keine Freunde im eigent-
lichen Sinne gehabt hat. Von
seinem Verhältnis zu den Frauen
wissen wir nichts. Was wir
wissen, sind — abgesehen von
seiner Krankheit — nur Resultate,
Ergebnisse von Vorbedingungen,
die uns unbekannt sind. Wir
kennen seine Leidenschaft für die

EAKDSLEY, THE RAPE OF THE

C 257 J)
 
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