Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

Page: 101
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Cranach, A. Woensam und Christoff Murer

eigentlichen Narrenschiffsillustration das Thema der Herculeswahl als
Traumerzählung gestalten.1) Und da auch Anton Woensam von
Worms seiner Herkunft und Jugenderziehung nach dem oberrheini-
schen Kulturkreis entstammt, darf man tatsächlich sagen, daß diese
Modifikation der Prodikosfabel sich auf die Wirkungssphäre Seba-
stian Brants zu beschränken scheint, womit der Einfluß der „Stulti-
fera Navis“ auf Raffaels Scipiobild noch einmal in entscheidender Weise
bestätigt wird.

Am Schlüsse dieses Abschnittes seien noch zwei deutsche Künstler
angeführt, in deren Arbeiten zwar nicht das Br antische Motiv des träu-
menden Hercules, wohl aber das Brantische Motiv der spinnenden
„Tugend“ nachgewirkt hat2): einmal der Petrarca-Meister (Hans
Weiditz ?), unter dessen Glücksbuch-Holzschnitten auch eine das wetter-
hexenhafte Wesen der Brant-Locherschen „Virtus“ noch übersteigernde
Einzeldarstellung der „Tugend“ erscheint (bereits von Fränger sehr richtig
mit den Narrenschiffs-Schnitten in Verbindung gebracht)3), sodann der
Schweizer Christoff Maurer oder Murer (1558—1614), in dessen, ,Em-
blemata'‘ sich die in unserer Abb. 46 wiedergegebene Radierung befindet.4)
Der Stil ist der des internationalen Manierismus, und die genrehaften Einzel-
darstellungen von „Virtus“ und „Voluptas“ haben sich in humanistische
„Allegorien mit Berufssymbolen“ verwandelt: die „Voluptas“ —

1) Über das verschollene Bild des Matteo Balducci vgl. unten S. 144.

2) Wie eindrucksvoll gerade dies Motiv gewesen sein muß, zeigt schon die Geschichte
der Nachdrucke (vgl. oben S. 40). Der Nürnberger Georg Stuchs — in künstleri-
scher Beziehung gewissenhafter als in geschäftlicher — hat alle 3 Holzschnitte kopieren
lassen. Schönsperger aber verfiel aus Sparsamkeit auf den ingeniösen Gedanken, die
Concertatio-Darstellung ganz wegzulassen und die beiden Einzelholzschnitte durch pas-
sende Stücke des übrigen Illustrationsbestandes zu ersetzen. Für die ..Objectio Volup-
tatis“ (fol. CXNXI v) wurde der Holzschnitt zu ,,De nocturnis ioculatoribus“ (cap. 62
des deutschen Narrenschiffs: „von nachtes hofyeren“) geeignet befunden, der eine unterm
Fenster einer Hure musizierende Gesellschaft von „gassentrettern“ von ihrer Dame übel
belohnt zeigt (Abb. 33), für die „Responsio Virtutis“ (fol. CXXXI r) aber der Holz-
schnitt zu ,,De accidiae vitio“ (cap. 97 des deutschen Narrenschiffs: „von tragkeit vnd
fulheit“, Abb. 34), der sich aus keinem andern Grunde empfahl, als weil er — neben einem
säenden Mann — eine spinnende Frau darstellt — freilich eine solche, die gleich den
trägen Melancholikerinnen der Kalenderbilder bei ihrer Tätigkeit eingeschlafen ist und
eben deshalb eine Narrenkappe trägt: eine sehr seltsame „Virtus“ ! Der Grüningersche
Verlag war etwas freigebiger: die Concertatiodarstellung wurde kopiert (fol. CIII v,
Abb. 38), ebenso das Einzelbild der „Voluptas“ (fol. CIVr, Abb. 39), aber für das Einzelbild
der „Virtus“ (fol. CV r) ließ auch er es bei dem Abdruck des Trägheitsbildes bewenden.

3) Fr. Petrarcha, Von der Artzney beyder Glück . . Frankfurt 1532 (die Illu-
strationen aber schon um 1520 gezeichnet) I, 10, fol. IX r; vgl. Fränger a. a. O. mit
Abbildung.

4) Christoff Murer von Zürych, XLI Emblemata miscella nova; posthum heraus-
gegeben und „mit allerley darzu dienstlichen aufferbaulichen Reymen erkläret durch
Joh. Heinr. Rordorffen, auch Burgern daselbst“, 1622, Nr. XXXIX (Andresen Nr. 48).
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