Pfälzer Bote für Stadt und Land — 1866

Page: 361
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/pfaelzer_bote1866/0367
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Preis : vierteljährl. 40 kr. ohne Träger-
lohn u. Posrausschlag. Jns.-Geb. 2 kr. b.Z.


Der Friede scheint nach allen Nachrichten rasch dem für
jetzt bestimmten Waffenstillstände folgen zu wollen. Wird er ein
dauernder sein? hören mir überall fragen, und wir selbst haben
unzählige Male diese Frage an uns gerichtet, ohne leider eine
bejahende Antwort geben zu können. Halten wir dabei einige
wesentliche Gesichtspunkte fest. Die norddeutsche Union Preußens
ist völlig gesichert; in Süddeutschland dagegen ist alles ganz im
Unklaren gelassen. Der Friede wird genau bestimmen, durch
welche Gebietstheile Preußen unmittelbar vergrößert werden muß
und welche Staaten seine Oberherrschaft anzuerkennen haben.
Den süddeutschen Staaten ist es dagegen ganz freigestellt, ob sie
unter sich, möglicherweise auch mit Oesterreich einen Bund auf-
richten, oder ob sie einzeln für sich ihrer vollen Unabhängigkeit
und Souveränität sich erfreuen wollen. Die großpreußische Par-
tei der Gothaer gibt sich nun bereits alle erdenkliche Mühe, um ein
für sich bestehendes Süddeutschland zu verhindern; sie will sich
Vielmehr um jeden Preis über den durch den Frieden geschaffe-
nen Zustand Hinwegsetzen und rasch durch Volksagilatiouen und
Druck aus die Regierungen die Union mit Preußen zur vollen-
deten Thatsache machen. Ein großer, unabsehbarer Kampf steht
in Folge dessen Zwischen zwei mächtigen Parteien in Aussio ft
und wenn Preußen diese Bestrebungen und Wühlereien begün-
stigen sollte, so zweifeln wir nicht an neuen großartigen Ver-
wicklungen und an dem Wiederausbruch des Kriegs, der die Ein-
mischuug Europa's Zur Folge haben müßte, weil die eben erst
von den Großmächten geschaffenen Verhältnisse nicht ungestraft
sofort über den Haufen geworfen werden dürften.


Allein glücklicherweise denkt man in den maßgebenden Krei-
sen der preußischen Regierung nicht entfernt daran, dem gothai-
schen Treiben irgend welchen Vorschub zu leisten; man ist dort
zu nüchtern, um Ziele zu verfolgen, welche die großen, eben
erst für Preußen errungenen Vortheile sowohl als
den nordischen Bund selbst in Frage stellen könnten. Man
braucht nur in die offieiellen preußischen Zeitungen einen
flüchtigen Blick zu werfen, um sich von der Wahrheit dieser Be-
hauptung zu überzeugen, und ein bemerkenswerther Artikel, der
in diesen Dingen als officiös zu betrachtenden Kölnischen Ztg.
kann darüber keinen Zweifel mehr lassen. In demselben wird
geradezu dem preuß. Staate der Rath gegeben, die süddeutschen
Staaten doch unbedingt laufen zu lassen, wohin sie wollten, da
es bekannt sei, trotz aller gegenteiligen Versicherungen, daß die
süddeutsche Bevölkerung durchaus nichts mit Norddeutschland zu
schaffen haben wolle, und daß der in Süddeutschland dem nor-
dischen Bunde widerstrebende Sinn nothwendig eine Schwächung
Preußens im Gefolge haben werde, wenn man so thöricht sei,
derartige Elemente der Union einzuverleiben. Und da kommen
nun unsre Gothaer und winseln und betteln um die Aufnahme
unserer süddeutschen Bevölkerungen in den neuen preußischen
Verband. Sollte denn die Mannesehre es diesen Leuten nicht
verbieten, sich auf so erniedrigende Weise den preußischen Macht-
habern auszudrängeu, die frei heraus zu erklären pflegen, daß
sie nichts mit Süddeutschland und am wenigsten mit den Go-
thaern zu schaffen haben mögen?!
Also fort mit den Wühlereien zu Gunsten einer preußischen
Union, die in Preußen selbst, was Süddeutschland betrifft, kei-
nen Boden findet! Unser Programm ist vielmehr in Kürze fol-
gendes: Das deutsche Volk haßt vor allem die Ceutralisation,
es verlangt freie Bewegung aller seiner Glieder; am meisten
aber ist ihm der Despotismus verhaßt, wie ^-r durch das cäsa-
rische Regime Bismarcks in Preußen ausgebildet worden ist und
jetzt nach den großen Siegen desselben noch weiter entwickelt
werden wird. Bismarck hat ein gewaltiges Heer und treffliche
Generäle zur Verfügung; aber seine Herrschaft ist durchaus un-
beliebt in Norddeutschland, und die in den preußischen Bund
gezwängten Volksstämme werden sich mit aller Zähigkeit gegen
das unbequeme Joch sträuben. Die Herrschaft Preußens über

diese Staaten wird daher niemals fest begründet sein. Wir sind
daher keineswegs ohnmächtig in Süddeutschland dem preußischen
Bundesstaat gegenüber, wie man uns so gerne weiß machen
möchte. Wir setzen jeder eventuellen Vergewaltigung durch Bis-
marck, obgleich wir an solche vorderhand aus den angedeuteten
Aeußerungen preußischer Organe noch nicht glauben köunen ---
einen kühnen Schachzug entgegen: die Freiheit!
Je mehr der alles mvellirende Cäsarismus im Norden zur
Ausbildung kommt, desto mehr müssen wir im Süden einer
durchaus freiheitlichen Entwicklung das Wort reden. Freiheit
der Presse, freies Vereinsrecht, Unabhängigkeit der Gerichte,
MiliZspstem nach schweizerischem Muster an Stelle der kostspieli-
gen Paradesoldaten, Sparsamkeit in der Negierung und Beför-
derung aller materiellen Kräfte der Länder — alles das muß
unser Ziel sein, und wir werden, wenn wir erst hiezu auf be-
stem Wege sind, nicht nöthig haben, uns vor der Herrschaft des
Junkerthums zu fürchten, wir werden vielmehr vom Süden aus
Propaganda im Norden machen, namentlich in den Staaten, die
i nur mit dem größten Widerstreben den Fahnen des neuen Ober-
herrn zu folgen gezwungen sind.
Warum wir aber einen abermaligenMNeg in Bälde fürch-
ten, besonders wenn die Bestrebungen der^^haer zur Herbei-
führung der preußischen Oberherrschaft nicht
unterbleiben, darüber ein andres Mal.

B L N L U.
^Heidelberg, 30. Juli. Der Direktor des Justizministeriums,
Herr Geh. Rath I)u. Jungyanns, ist um seine Pensionirung
eingekommen.
* Heidelberg, I. Aug. Nichts weniger hatten wir erwar-
tet, als daß die Friedenspartei in Wien die Oberhand erhalten
werde; es hat uns daher auch dis Nachricht von der Zustimm-
ung Oesterreichs zu' den preußischen Friedensbedingungeu schmerz-
licher berührt als der Verlust einer zweiten Schlacht von König-
grätz im Stande gewesen wäre. Nach allen Nachrichten der letz-
ten Tage hatten wir sicher gehofft, eine große Schlacht unter
den Mauern von Wien werde in großartiger Weise die Dinge
zum Abschluß bringen, sei es, daß Oesterreich einen glänzenden
Sieg erringe, der große Wahrscheinlichkeit für sich hatte, sei es,
daß eine nochmalige Niederlage die Kräfte des Kaiserreiches nur
noch zu höherer Anspannung heraussordere. Schlimmer konnten
ja ohnehin die Bedingungen für Oesterreich kaum gestellt werden,
als jetzt, wo es seine bisherige StelGug in Deutschland und
Italien zugleich einbüßt.
Um so mehr muß jetzt an Südoeutschland die Aufgabe Her-
antreten, sich durch ein festes Bündniß unter sich zu einigen
und die verlorne Verbindung mit Oesterreich alsbald wieder an-
zustreben, wozu ihm in den bis bekannt gewordenen Friedens-
präliminarien die Handhabe geboten ist.
* Heidelberg, 31. Juli. Heute wurden die massenhaft
gegen unser Blatt erhobenen Anklagen bei der Strafkammer
in Mannheim verhandelt und dahin abgeurtheilt, daß unser
Bürgerredakteur I. M. Flasch on 3 Monate Kreisgesängniß-
strase verbüßen und eine Geldstrafe von 250 sl. erlegen soll.
Wir hätten diese Strenge nicht erwartet und können für heute
nur die einzige Genugthunng berichten, daß die Staatsanwalt-
schaft mit der von ihr ganz besonders ausgestatteten Anklage
Namens der gothaer Partei, die wir geschmäht und dadurch
die Ruhe im Lande gestört haben sollten, kurzweg abgewiesen
worden ist. Es wird uns daher nicht verwehrt sein, diese
Herren auch künftig noch in's Auge zu fassen und ihnen die
Larve abzuziehen.
* Heidelberg, 30. Juli. Daß die Stimmung in Frank-
reich durchaus keine friedliche ist und von dorther neue kriege-
rische Verwickelungen in Aussicht stehen, beweist ein bemerkens-
werther Artikel der „Patrie", welcher sagt: „Die Unterhand-
lungen befinden sich gegenwärtig in der ersten Phase, in der
loading ...