Prinzhorn, Hans
Bildnerei der Geisteskranken: ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung — Berlin, 1922

Seite: III
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VORWORT.

Der Mängel dieser Arbeit wird sich nicht leicht jemand klarer bewußt sein
als der Verfasser. Darum sei in dies Vorwort einige Selbstkritik geflochten.

Zwei methodisch reine Lösungen unseres Themas gäbe es: einen natur-
wissenschaftlich beschreibenden Katalog der Bildwerke nebst einer klinischen
und psychopathologischen Darstellung der Fälle. Oder aber eine durchaus
metaphysisch verankerte Untersuchung über den Vorgang der bildnerischen
Gestaltung. Darin würden die psychologisch erschlossenen Ausnahmewerke
und die ihnen zugrunde liegenden Ausnahmezustände als eine Spielart mensch-
licher Entäußerung in ein Gesamtbild des Seins unter dem Begriffe eines ur-
sprünglichen Gestaltungsdranges eingeordnet, hinter dem nur noch ein all-
gemeines Ausdrucksbedürfnis als triebhafte Grundlage zu finden wäre. Kurzum,
eine solche Untersuchung stünde völlig jenseits von Psychiatrie und Ästhetik
im Reiche phänomenologisch erschauter Seinsformen. — Was zwischen diesen
beiden reinen Lösungen liegt, muß notwendig Stückwerk sein und sich
gegen die Gefahren der Zersplitterung ständig wehren. Reine Materialüber-
lieferung, novellistische Ausmalung des Details, Prinzipienfragen, das sind die
Klippen. Leicht wären sie zu vermeiden, wenn man sich einer festen Methodik
bedienen könnte. Aber die Probleme eines neuen, wenigstens nie ernsthaft
bearbeiteten Grenzgebietes trotzen jeder Methodik eines Fachgebietes. So
blieb, mit der Einsicht, daß wir die ideale Bearbeitung dieses Gebietes noch
nicht zu leisten vermögen, Matenalsammlung und Beschreibung aber keinen
geistigen Eigenwert in sich tragen, nur eines übrig: im Hinblick auf die letzten
metaphysischen Wertungen einstweilen aller fachmäßig oder durch die Tradition
einzelner Kulturkreise begründeten Wertungen sich zu entäußern. Indem man
nicht als Verteidiger irgend eines Standpunktes auftritt, begibt man sich zwar

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