Reber, Franz von
Über die Anfänge des ionischen Baustils — München, 1900

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Fassen wir die vorstehenden, vorwiegend aus der späteren Erscheinung
des ionischen Peripteralgebälkes geschöpften konstruktiven Erwägungen darauf-
hin zusammen, wie sich wohl die äussere Gebälkbildung des Tempels von
Neandria und vielleicht auch des Gebäudes Troia VI C denken lässt, so ergiebt
sich Folgendes:

Da an beiden Gebäuden der peripterale Säulenkranz noch fehlte, so fehlte
auch der Architrav, oder war zur Erzielung eines gleichmässigen Wand-
abschlusses und Auflagers der Deckenhölzer auf die sog. Mauerlatten beschränkt.
Auch der Fries, der im ionischen Stil jeder tektonischen Gliederung entbehrt,
hatte im Gegensatz zum dorischen Stil noch keine konstruktive Berechtigung.
Das Gebälk dürfte daher erst mit den enggereihten Deckenhölzern begonnen
haben, deren Aussenerscheinung naturgemäss an den Lang- und Schmalseiten
verschieden war. Denn an den Langseiten sprangen die Köpfe der Deck-
hölzer zahnschnittartig vor, an den Schmalseiten erschienen die Längsansichten
der beiden äussersten Deckhölzer. Ueber diesem Deckenglied aber müssen die
Aussenseiten der Dachkonstruktion zur Ansicht gekommen sein, die offenen
Giebel an den Fronten, die horizontalausladenden, von den Deckungsvorsprüngen
(Zahnschnitten) getragenen Vorlagen vor den Sparrenenden an den Langseiten.

Wenn der Fries am Tempel von Neandria noch fehlte, so muss <'_L_
führung des vollen ionischen Gebälks sich lange verzögert haben. Der EL ^S\fjy
von Neandria ist zur Zeit das ältest erhaltene Spezimen asiatisch hell E_r Ss|"|2
Tempelbaues, und wir haben keinen Grund, dieses Gebäude für jünger zi
als das dorische Heräon von Olympia. Namentlich nicht, wenn wir, v.
als wahrscheinlich bezeichnet worden ist, die Steinsäulen in ähnliche;E-^ s
wie es am Heräon von Olympia geschehen, als nachträglichen Ersatz fi =^ §>
Säulen erachten. Die Peripteralbildung am Heräon scheint jedoch d
sehen Peripteros vorauszugehen. Wenigstens haben wir bis jetzt keinen i<ä
Peripteralbau, welcher sich mit dem Alter des Heräon von Olympia*
könnte. Wir dürfen aber annehmen, dass dem Peripteros des Heii ET" x
Olympia bald andere dorische Peripteralbauten zunächst in der Peli" O

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und dann im europäischen Griechenland überhaupt nachgefolgt seien. = +_i
scheinlich nicht mehr viele mit Holzsäulen. Denn um 600 v. Chr. E ^ £
dorische Steintempel schon da, und selbst in entfernten dorischen 1
(Sizilien) nachweisbar. Ich nehme gerne meine falsche Annahme*) jj
dass der dorische Peripteros und der Steinbau gleichzeitig seien, da die=_ ^

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') Ueber das Verhältniss des mjken. zum dor. Baustil. Abb. d. k. b. Ak. d. W. 1897. Bd. X;=-

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