Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 6.1903

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An Arnold Böcklin zum sechzigsten Geburtstag.
Seit du bei uns eingezogen
Und dein leichtes Haus gebaut,
Schauen wir der Iris Bogen,
Wenn der hellste Himmel blaut.
Sehn die Fülle der Gesichte
Dich im Reigentanz umziehn,
Sehn, wie Knospen, Blüten, Früchte
Rastlos deiner Hand entssiehn.
Heute rauscht ein leises Wehen,
Lausche nicht zu lang, o Mann!
Um Entstehen und Vergehen
Fange nicht zu zählen an!
Wie dir täglich hat gegoren
In der Seele neuer Wein,
Also sollst du neugeboren
Selber jeden Morgen sein!

Und erst spät mag es geschehen,
Dass es fern herüberhallt:
„Seht, auf jenen grünen Höhen
Hat der Meister einst gemalt!
Starken Herzens, stillen Blickes
Teilt er Licht und Schatten aus —
Meister jeglichen Geschickes,
Schloss gelassen er das Haus!“
Zürich am 16. Oktober 1887,
Dienstagsgesellschaft.
Als man hergebrachterweise sich über acht
Tage wieder traf, zog Gottfried Keller vier eigen-
händige Reinschriften aus der Brusttasche und
überreichte jeder der vier anwesenden Damen
eine davon zur Erinnerung an den denkwürdigen
Anlass.

Die Schweiz als Kulturboden.
Von Ed. Platzhoff-Lejeune in Tour-de-Peilz.

I.
Bei der Betrachtung schweizerischer Ver-
hältnisse von Deutschland aus vergisst man gar
zu leicht, dass die Schweiz ein dreisprachiges
Land ist und entsprechend eine dreifache Kultur
besitzt. Gewiss machen die romanischen Teile
(französisch, italienisch, rhätoromanisch) zu-
sammen nicht einmal dreissig Prozent der Ge-
samtbevölkerung aus, — das Französische allein
etwa dreiundzwanzig Prozent -—, aber es geht
doch nicht an, eine Kultur allein nach ihrer
räumlichen Ausdehnung zu bemessen. Fragt
man dagegen nach der Höhe und Intensität der
romanischen Kultur in der Schweiz, so wird sich
kaum leugnen lassen, dass sie der deutschen
Kultur als eine völlig gleichberechtigte Macht
gegenübersteht. Das gilt natürlich zunächst von
der französischen Kultur. Von dem rhäto-
romanischen, sprachlich so interessanten Teil
wird für die Gesamtkultur nicht viel zu erwarten
sein. Einmal ist sein Gebiet zu klein und das
Bildungsniveau seiner Bevölkerung zu niedrig;
dann wird sich niemand verhehlen, dass das
Rhätoromanische zwar ganz langsam und oft
kaum merklich, aber doch regelmässig und sicher
zurückgeht. Eine Sprache aber, die um ihr
Dasein kämpfen muss, hat keine Kulturmission
mehr.
Anders liegen die Dinge im Tessin. Wir
erwarten noch viel von dem schweizerischen
Italien, das von Airolo bis Chiasso sich erstreckt.
Nur heisst es da noch Geduld haben, denn
ein Land, das so stark in konfessionelle und
politische Lokalkämpfe verstrickt ist, besitzt
noch nicht die Fähigkeit zu einem „Lehrer der
Völker“. Die gebildeten Tessiner streben natur-
gemäss in ihren wissenschaftlichen und künst-
lerischen Sympathien Italien zu, studieren an

italienischen Hochschulen und gehen zu italie-
nischen Verlegern. Man sollte denken, als
Romanen fühlten sie sich auch dem West-
schweizer geistig verwandt, und in der Tat sind
die Tessiner Mitglieder der zahlreichen Societes
romandes der Schweizer im In- und Auslande,
unterhalten auch Beziehungen aller Art zur
französischen Schweiz. Aber es kommt eben
doch zu der räumlichen Getrenntheit noch der
starke konfessionelle Gegensatz, dessen Nicht-
bestehen sie wiederum den deutschenEidgenossen
von Uri und der katholischen Urschweiz überhaupt
näherbringt. Und doch regt es sich seit einigen
Jahrzehnten auch im Tessin, und Anfänge zu
einer eigenen, bodenständigen Kultur sind vor-
handen. Davon zeugt die ausgezeichnete Zu-
sammenstellung tessinischer Literaturdenkmäler,
die Alfred Pioda in dem deutsch und fran-
zösisch erschienenen dreibändigen Werke „Die
Schweiz im neunzehnten Jahrhundert“ (Bern,
Schmid & Franke) gegeben hat, einer wahren
Fundgrube für alle Freunde schweizerischer
Geschichte und schweizerischen Lebens über-
haupt, die unter vielem anderen auch über die
deutsche (O. Fässler), französische (Ph. Godet)
und rhätoromanische (E. Decurtins) Literatur
und Kunst der Schweiz treffliche Abschnitte
enthält.
Kann man schliesslich bei einer ssüchtigen
Wertung der kulturellen Faktoren in der Schweiz
die italienischen und rhätischen Teile einstweilen
noch übersehen, so ist das für die französische
Westschweiz unmöglich, die ein eigenes, stark
entwickeltes Geistesleben besitzt. Äusserlich
zeigt sich das schon an der grösseren Anzahl
tüchtiger Verleger, an den zahlreichen Abonnenten
eigener literarischer Zeitschriften (La Semaine
Litteraire, Genf; Bibliotheque Universelle, Lau-
sanne; La Tribüne libre, La Chaux-de-Fonds) und

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