Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 12.1906

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DIE VON BOLANDEN.

hin, ein Knabe noch, blondhaarig und kühnen
Auges; und obwohl er kaum die rechten Worte
fand, so war doch keiner, der ihn nicht ver-
stand, daß sie dem Vater folgen wollten, wohin
er ginge, nur solle er vor keinem in der Welt
als Bettler stehn. Der Alte aber, der in dem
Zorn des Königs ein anderes durch die Augen
Hammen sah, trat mit dem Knaben dichter vor
ihn hin und Hehte ihn um seiner eigenen
Kinder willen an, daß er zum wenigsten diesem
das Leben schenken möge, mit dem um seiner
Jugend willen Gott selbst Erbarmen haben
würde. Und als er dabei in die Knie sank und
all die andern Söhne desgleichen in die Knie
brachen und um dies eine baten, während der
Knabe wild erhobenen Hauptes stand, und eine
Bewegung durch den Lanzenwald der Ritter
ging bis weit hinaus: da hob der König sein
Schwert mit beiden Händen hoch und stieß es
zornig in den Boden: ,,Philipp von Bolanden,
einen Schwur hab ich getan, den ich nicht
brechen kann. Doch wenn du meinst, daß Gott
Erbarmen hat mit deinen Söhnen, ich will dich
eines ritterlichen Todes sterben lassen; gib mir
danach ein Zeichen, daß du mit Gott gesprochen
hast, damit ich meines Schwures ledig bin."
Am andern Morgen, nach einer Nacht da
auch der Reichenstein im Feuer loderte, als die
Adlerbanner des Deutschen Reiches über den
rauchenden Trümmerhaufen Hatterten, schritt
Philipp von Bolanden ungefesselt mit seinen
Söhnen zu dem langen Sandhaufen, der in den
grünen Rasen gegraben war. Da standen sie in
einer stolzenReihe nach dem Alter; und fest an
ihnen ging der greise Ritter vorbei, faßte jeden
stark ins Auge und bei dem Jüngsten stand er
still und gab ihm einen Kuß auf seine düstre
Stirn. Dann ging er zurück, gleichsam die
Schritte zählend an seinen Platz, beugte den
weißen Kopf tief in den Sand und empHng den
Schwerthieb. Kein Blutstrom aber quoll aus
seinem Rumpf; als nun sein Kopf dumpf in
den Sand hinunterrollte, da hob der schwere
Körper sich, wankte ein paarmal, wie wenn er
den Weg nicht fände, und ging dann ohne
Kopl langsam und sicher wie vorhin an Sohn
und Sohn vorbei bis zum letzten, vor dem er
stehen blieb und iast sich beugte und die Arme
hob, wie ihn zu küssen, und dann erst langsam
zu Boden Hel, daß seines Blutes ein langer
Streif in den Sand hinHoß bis vor den Ältesten.
Da wurde König Rudolf bleich und während
die Mönche in die Knie sanken und bei den
Rittern eine Bewegung war, wie wenn ein
Wind in ihre Lanzen führe, daß sie zu klingen
begannen wie Geläute, trat er vor die Söhne
hin festen Schrittes in das Blut des Vaters und
gab einem jeden einen Schlag mit dem Schwert
auf seine Schulter. So wurden die von Bolanden
wieder ehrliche Ritter, weil Gott Erbarmen
hatte vor menschlicher Gerechtigkeit.


ACHTEINSAMKEIT.

Stehn Pappeln am Wege,
zieht Nacht drüber hin.
Wer weiß, wo ich wohne;
wer weiß, wer ich bin.

Was soll ich denn sprechen,
ist keiner, ders hört;
was soll ich denn klagen,
ist keiner, dens stört.

Kein Licht mehr im Dorfe,
die Berge stumm,
legt Nacht ihre Flügel
um beide herum.
Wie Küchlein bei der Henne
hat alles seine Ruh.
Du Wandrer im Dunkeln
mußt murren dazu.
Carl Ferdinands.


ER STORCH.
Von ANNA CROISSANT-RUST.

*

In den Hof eines grauen Hauses, das in einer
rußigen Fabrikstadt stand, Hel eines Tages ein
Storch herab. Das Enten- und Hühnervolk, das
sich schnatternd und gackernd im Hof herum-
trieb, stob erschrocken auseinander und hub
ein großes Geschrei an. AIs es aber sah, daß
der große Vogel mit ausgebreiteten Flügeln auf
dem schmutzigen Grund des Hofes liegen blieb,
kamen Huhn und Ente wieder näher, und das
Gegacker und Geschnatter begann aufs neue,
nur war es jetzt ein zorniges, entrüstetes.
Was tat dieser fremde weiße Vogel in ihrem
Hof? Und da er sich nicht rührte, sondern
mit geschlossenen Augen liegen blieb, stocherten
sie an ihm herum und begannen auf ihn ein-
zuhacken. Da kam der Herr des Hofes und
nahm den selten gesehenen kranken Vogel mit
ins Haus und pHegte ihn. Er hatte eine Schuß-
wunde am Bein, die ihm wohl böswillig im
Fluge beigebracht worden war, darum war er
in den schmutzigen Hof niedergesunken. Die
Wunde heilte wieder, und nachdem ihm die
Flügel etwas beschnitten waren, ließ ihn der
Herr frei umherlaufen unter dem andern Feder-
vieh. Traurig hinkte der langbeinige fremde
Vogel in dem engen ummauerten Hofe hin und
her; nur an einer Seite sah er gegen die Straße,
dort war ein Gitter, und Kinder und Erwachsene
standen davor und betrachteten ihn, weil sie
noch nie solch sonderbares Tier gesehen. Sein
Geßeder war schneeweiß gegen das der Enten,
glänzend schwarz gesäumt, und Schnabel und
Füße leuchteten rot. Voll Neid sahen die
* Siehe nachfolgende Besprechung (S. 158).

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