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Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 23.1913

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Bab, Julius: August Bürger, 1
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Hesse, Hermann: Gedichte
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https://doi.org/10.11588/diglit.26493#0082

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August Bürger.
„Leonore" war ein wahres kunstgeschichtlichcs Ereignis
— beinahe ein Wunder.
In keinem andern seiner „episch-lyrischen Gedichte"
hat Bürger diesen großen Erstling wieder erreicht,
so oft er auch (ein arg verliebter Vater aller seiner
neugeborenen Kinder) glaubte, die Leonore weit über-
troffen zu haben. „Der wilde Jäger", seine zweitbe-
rühmteste Ballade, steht an Naturkraft, an musikalischer
Dämonie doch weit hinter Leonore zurück, — unsern
Eindruck bestimmen mehr der planvoll kunstreiche Auf-
bau, das starke ethische Pathos; sie ist mehr von Schillers
als von Goethes Geblüt. In der versifizierten Boccaccio-
Novelle „Leonardo und Blandine" schwimmen in
kraftloser Breite nur ein paar schöne Strophen; die
straffere und stärkere „Pfarrers Tochter von Taubenhain"
steht motivisch zu sehr unter dem wilden Todesritte
der Leonore, — sentimental, moralistisch, bürgerlich,
gewinnt sie bei aller Kunst eine bedenkliche Ähnlichkeit
mit der rührenden Moritat. Das gilt für unser Gefühl
auch von der nur sehr äußerlich ins Rittergewand ge-
steckten, polternden und tränenseligen, recht spieß-
bürgerlich braven, einst aber sehr beliebten „Entführung"
(„oder Karl von Eichenhorst und Fräulein Gertrude
von Hochburg" — schon das trödelhaft billige Pathos
dieser Namen ist fatal). Weder dies Gedicht noch die
feineren Stoffe, die Bürger seinem englischen Lieb-
lingsbuche entnahm (Bruder Graurock und die Pilgrin,
das Lied von Treue, Graf Walter) haben der Phan-
tasie des Dichters jenen tiefsten, nut allen Zauber-
worten großen Gefühls rüstenden Anstoß geben können,
den er empfing, als ihm aus alten deutschen Volks-
liedmotiven die Fabel seiner „Leonore" zusammen-
schoß. — Ganz vollendet in seiner Art, mit prachtvoller
Laune, in behaglich rollendem Vers erzählt ist freilich
„Der Kaiser und der Abt" (auch nach englischem Ori-
ginal) und die noch flotteren „Weiber von Weinsberg";
aber hier, wie in den mit Recht populären, herzhaft,
klar und stark vorgetragenen Tugendspiegeln „Die Kuh"
und „Das Lied vom braven Mann", schließt doch die
Art der Gedichte einen Vergleich aus mit der Ballade
großen Stils, die menschliche Leidenschaften unheim-
lichen Klangs hinüberleitet in den dunkelen größeren
Grund der Natur. An dieser Weltweite, die jede Ballade
Goethes verströmt, hat bei Bürger den vollen Anteil
doch nur die „Leonore". So gerecht der Ruhm der
andern erzählenden Gedichte ist, die er im folgenden
Jahrzehnt verfaßte, so wichtig diese Balladen in ihrer
kräftigen und reinen Fügung noch als Grundstock eines
deutschen Deklamatoriums kulturell sind, — künst-
lerisch, mit höchstem Maßstab gemessen, sind sie doch
nur Hintergrund für die große Tat der Leonore, Reso-
nanzboden, der diesen tiefen Ton voller zurückwirft,
— Geleitsleute, die einer Königin Beachtung er-
zwingen.
Leonore bleibt die Königin aller Bürgerschen Ge-
dichte, aller — denn Bürgers Lyrik ist schon als Ganzes
seiner Epik nicht entfernt gewachsen. Bürger, der lange
Jahre an einer Homerübersetzung arbeitete, deren
Proben durchaus nicht matt sind, war ein entschieden
episches Talent. Sein Naturell brauchte durchaus
ein Kostüm, brauchte den fahrtenreichen Weg durch

ein erträumtes Schicksal, eine erdachte Person, um die
eigene schwer wühlende Leidenschaft rein aussprechen
zu können. Soll er in ganz eigener Sache sprechen,
so schiebt sich ihm immer wieder vergleichende Re-
flexion zwischen Gefühl und Wort, er gibt dann die
Erlebnisse zu begrifflich hart, zu unmusikalisch, un-
mystisch, zu deutlich und nicht bedeutsam genug,
— rhetorisch, nicht lyrisch. Julius Bab.
(Schluß folgt im nächsten Heft.)

G

edichte von Hermann Hesse.
Frühlingstag.

Die sanfte Wiese flieht
in einem runden Schwung zu Tal;
oben ist alles noch kahl,
im Grunde aber blüht Enzian
und Helles Primelgold.
Das rührt mich wie ein Lied
mit Engelhänden an,
ist wie ein Mädchenlied so licht und hold.
Schmerzen schweigen, das alte Leid
sinkt in Traum und Vergessenheit
für einen Tag,
für einen Tag im Jahr!

O, es ist wunderbar,
was der Frühling vermag.
Mittag im Boot.
Das ist so tief wie Traum und Tod:
von Glut und Stille müd und schwer
zu ruhn in einem Fischerboot
im herben Duft von Salz und Teer.
Der kurzen Pfeife Wolkenspiel
folgt lang das Auge ohne Ziel,
bis es gebannt und müde ruht
in blauer Mittagshimmelsglut.
Es segeln hoch in stetem Ziehn
die losen weißen Wolken hin,
fernher mit kaum gehörtem Pfiff
gibt Kunde seiner Fahrt ein Schiff.
Die Flut in träumerischem Spiel
verlecht mit dumpfem Laut am Kiel,
das schlaffe Segel feiert leer,
die Netzeschnur schleift hinterher . . .
und alles, was dich sonst bewegt,
und alles, was in Glück und Weh
dir irgendwann das Herz erregt,
ruht tief und schlummert in der See;
dein Herz, so wild es sonst gebrannt,
wird wieder still, wird wieder Kind,
und ruht, wie Sonne, Meer und Wind
in Gottes Hand.

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