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Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 23.1913

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Benn, Joachim: Frauen
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https://doi.org/10.11588/diglit.26493#0159

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Frauen.

ersten Ehesitzes, dein Arzthause des Harzortes Clausthal,
zuerst in die Vaterstadt zurückkehrt, als Freundin Forsters
in Mainz, wo sie kurz einem jungen Offizier gehört,
in die Revolutionsstürme gerät und gefangen genommen
wird, dann durch August Wilhelm Schlegel aber nach
Jena in den geistreichsten Kreis ihrer Zeit gelangt und
schließlich vom zweiten Gatten, dem dritten Geliebten
weg dem männlichsten Mann ihrer Umgebung als
drittem Gatten folgt, beweist sie eine erstaunliche Lang-
linigkeit und Ungebrochenheit des Lebenswollens;
es ist auch zuzugeben, daß sie in gefährlichen, in ihrer
Zweideutigkeit sogar fast vernichtenden Situationen
ihres Lebens mit einer Sicherheit stand, die auf eine
tief gegründete, in Größe ihres Sterns gewisse Persön-
lichkeit deutet, worüber schöne Worte existieren. Wenn
sie in Jena allzusehr zur Literatengattin wird, die in
allerlei Faktionsstreitigkeiten und Intrigenspielen auf-
geht, so kann man das zum guten Teil wohl dem Gatten
zuschreiben, der, mehr gescheit, geschickt und glatt als
tief diese Frau nicht erfüllen konnte: Wenigstens wird
von der Zeit ab, wo sie an den granitnen Schelling
kommt, in ihren Briefen für Augenblicke ein Ton
von Ergriffenheit und entzückter Demut laut, in dem
die geschwätzige Betriebsamkeit der früheren Zeit ver-
sinkt, wie immer Literatengetriebe in wahrem Leben.
Es bezeugt die Freude der ungewöhnlich lebens-
reichen Frau, den Mannesfelsen gefunden zu haben,
an dem sie sich als Welle brechen konnte; allein auch
da verlor sie nicht den Grundmangel ihres Lebens, ihre
Eitelkeit, die sie sich selber stets im Mittelpunkt alles Ge-
schehens sehen ließ und — bei aller Anmut, allem Geist
ihres Wesens — letzten Endes auf einem Mangel an
Wertgefühl beruhte. Auch als sie nun den Mann ge-
funden hatte, zu dem sie paßte, zeigte diese Caroline
noch die schönste Eigenschaft der Frau, sich vertrauend
ganz an einen Mann verlieren zu können: Sie war es,
von der sie nun mit Freuden empfand, daß sie zu-
friedengestellt war, sie, von der sie sich freute, daß sie
sich fähig erwies, den Mann zu beglücken. Wenn sie
überall, wo sie erschien, sofort einen Kreis bildete, er-
gänzte und komplettierte, den sie dann mit Anerken-
nungen und Medisancen in Eifersüchteleien und Partei-
kämpfe hetzte, so war es nicht wie bei den großen
Frauen der vorrevolutionären Zeit in Frankreich aus
Hochachtung vor dem männlichen Geist und seinen Wer-
ken als solchen, sondern um darin eine Bestätigung der
in ihr eingeschlossenen Lebensmöglichkeiten zu finden.
Nicht eigentlich was, sondern daß etwas durch sie ent-
stand, war ihre Sehnsucht: Da sie einem wahrhaft
produktiven Manne nur Schildträger und Lebenswoge,
nur mehr oder weniger anonyme Grundstütze hätte sein
dürfen, war sie also auf die Halbproduktiven angewiesen,
die mit halben Trieben zwischen Philosophie, Philologie,
Kunst hin und her irrten und sich durch sie erst eigentlich
dem Leben gewonnen fühlten, so daß sie sie vergötterten.
Ihrer Eitelkeit war damit gedient, aber sie hat so doch
zu wenig Hingabe an den wahren Wert, zu wenig
fraulichen Dienst am Überfraulichen bewiesen, als daß
sie uns ein Symbol menschlich-fraulichen Wertes würde.
Gerade das wird uns langsam eine Frau, in der sich
das Mysterium der Mutterschaft am geistigen Menschen
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auf eine so sonderbare Weise zu erneuern scheint, daß
wir in manchem Bilde der Mutter mit dem Leichnam
Christi ihr Bild mit dem Bilde ihres Sohnes Anselm
sehen: Henriette Feuerbach. Die Aufsätze, mit denen
die Ausgabe ihrer gesammelten Briefe beantwortet
wird,* läßt vermuten, daß man diese Frau im allge-
meinen nicht richtig sieht: Sie war ihrer seelisch-
körperlichen Gesamtanlage nach offenbar eine ziemlich
schwer Belastete, wie man nicht nur an einer gewissen
äußeren Ähnlichkeit ihrer Züge mit einem Menschen
wie dem Schriftsteller Moritz, dem Bekannten Goethes,
sehen kann. Sie selbst spricht von dem Mangel jeglicher
Sinnlichkeit in ihrer Natur, womit sich fast die Hälfte
aller Menschlichkeit aufhebt; wie unfähig zur leiden-
schaftlichen Liebe auch unfähig zur leiblichen Mutter-
schaft litt sie den größeren Teil ihres Lebens an un-
heilbarer, lastender Schwermut, mit der sie sich nur in
der Weise abfand, daß sie sich gleichsam wie ein Schoß-
hündchen zugewöhnte, das man pflegt, um es ruhig
zu halten. Sie war so zart, daß sie in einer Gesell-
schaft von Menschen, die nicht durch ihre Haltung von
vornherein geneigt schienen, ihren geistreich wissenden
aber sanften Worten zu lauschen, sogleich verstummte
und so stumpf, ja dumm erscheinen konnte: Man stößt
immer wieder auf neurasthenische Aufzählungen dessen,
was sie, als Mensch oder als geistige Arbeiterin, können
möchte ohne es je zu erlernen; und es ist bezeichnend,
daß sie zu einiger Lebensruhe erst im Alter kam.
Es fehlte ihr an der eigentlichen Lebenssubstanz,
an Lebenskraft, so daß sie zu schöpferischen Leistungen
aus sich heraus weder als Weib noch als Geist kam;
aber gerade bei ihrer unverhältnismäßig geringen Ein-
bettung in das materielle Leben war sie mit ihren
wundervollen seelischen Anlagen mehr als wohl je
eine Frau zu der geistigen Mutterschaft berufen, die
sie vor allem an ihrem Stiefsohn Anselm übte. — Die
schönste Eigenschaft, die die Frau besitzt, die Fähigkeit
zur Hingabe, und die in ihrer selbstlosesten Form der
Mutterliebe, beherrschte sie so ganz, daß man sagen
möchte, das Wort: „Weib, was habe ich mit dir zu
schaffen" hätte dieser Frau gegenüber nicht fallen
können; womit Henriette Feuerbach wenn nicht als
Weib so als Mutter in die Nähe des Göttlichen und
der Idee gerückt wird, wie es außer Maria zuvor nur
Gestalten der Dichtung geschah. Dichtung, Legende,
Sage wird darum auch allein ihr Leben, kaum daß sie
tot ist: Schon heute lebt in Tausenden unvergeßlich
das Bild ihres Zimmers mit den weißen Vorhängen,
dem Flügel, den Blumen, dem Schreibtisch; Tausende
wissen, daß sie darin selbst auf ihren Knien lag, um
den Boden zu glätten, und mit ermattenden Augen dann
wissenschaftliche Kleinarbeit verrichtete, um ihre Ein-
nahmen zu vergrößern und dem Sohne davon geben
zu können; daß sie ihre karge Muße benutzte, um die
unruhig gewordene Seele am Flüge^ wieder still zu
machen und damit die Kraft zu den Briefen zu finden,
* Dieses Briefbuch, von Uhde-Bernays herausgegeben bei
Meyer L Jessen, Berlin, sollte langsam in jedes deutsche Haus
kommen: Eine Ausnahme könnte höchstens das machen, das das
umfangreichere Briefwerk Anselms besitzt, denn es enthält unsicht-
bar die Briefe der Mutter mit, wie die die Briefe des Sohnes
unsichtbar in sich schließen.
 
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