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Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 23.1913

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Benn, Joachim: Briefe der Liebe
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Lissauer, Ernst: Oskar Loerkes "Wanderschaft"
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Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart
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https://doi.org/10.11588/diglit.26493#0295

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Ausdruck ihres innersten Wesens ist. Von ihnen aus gelesen bekommt
das Buch denn auch doch wieder den Charakter eines Romans, nur
freilich nicht des Romans der vielen Liebenden, von denen gesprochen
wird, sondern der einen Liebenden, die aus nachfühlender Liebe
diese Briefe zusammengestellt hat: Man wünschte, am Schlüsse
des Buches Briefe von ihr selbst zu finden, vielleicht solche, die ins
Unbekannte und Ungewisse hinausgegeben sind, wenn die sich nicht
zu einem geschlossenen Bande zusammenfinden sollten, wie einst
ihre „Knabenbriefe", die eben wieder bei Georg Müller neu auf-
gelegt wurden.
Die Auswahl der Gestalten, die von solcher Seele begriffen
nicht nur die Deutlichkeit an die Wand geworfener Schattenbilder,
sondern im dämmernden Licht wirklich sich bewegender Menschen-
schatten gewinnen, ist ausgezeichnet. Dreiundachtzig Briefschreiber
erscheinen in dem Buche, Könige und Bürger, Dichter und Künst-
ler, Komponisten und Feldherren und Prediger und Staatsmänner
mit ihren Frauen; mancher Name darunter war vordem fast ver-
gessen und findet sich erst jetzt wieder, wo der gesamte Stoff neu
und persönlich durchgearbeitet ist. Denn das Werk ist in seiner Ge-
samtheit durchaus keine schnell hergestellte Sammlung leicht auf-
zufindender Dokumente, sondern das Produkt eines umfassenden
Studiums und einer umfassenden Kenntnis. Cs wäre zu wünschen,
daß es viele Leser finde, und als die seltene Verbindung eines
starken, sammelnden und persönlichen Charakters, die es ist, mit
Bewußtsein von ähnlichen Veröffentlichungen unterschieden
würde, die fast gleichzeitig mit dem gleichen Titel erscheinen.
Joachim Benn.
skar Loerkeö „Wanderschaft"? Z
Eine zumeist spröde und herbe Lyrik; mancherlei Härten
und Dunkelheiten des Ausdrucks erschweren es, sie zu gewinnen.
Aber ein ernstliches Bemühen belohnt sich, und man empfängt
von diesem garnicht liebenswürdigen, schwerblütigen, schwer-
fertigen Buch mehr, als von Dutzenden Bänden hurtiger Sänger
und behender Reimer. Man muß mit diesen Gedichten — wie
mit allen wahrhaftigen Gedichten — leben, dann werden sie zu
einer Nahrung der Existenz. Manche Wendung, die einige Zeit
als mißraten erschien, erweist allmählich ihre Notwendigkeit: sie
klingt hart, aber ihre Härte ist natürlicher Bestandteil dieser harten
Gefühle. Loerke sagt einmal in einem Gedicht voll franziskanischer
Andacht: „ich tat die samtnen Borten den grauen Bäumen grünend
um", Mark, Holz, Rinde hatte er getrieben, „ich hatte jedes Nest
geklebt"; so sind auch seine Gedichte Wort an Wort geklebt zu Ge-
rüsten der Seele. Rauh, wie Nester oder Rinden, fühlen sie sich
an, und immer spricht er vom Rauhen und Rissigen: „schurfige
Stämme", „wilden Birnbaums Schorf," „ein Wind fährt graupelnd
über meine Haut", er spricht vom Tannenzottenpelz: er hat eine
Vorliebe für gewissermaßen unglatte Worte, Worte, gefurcht von
einem scharfen, impressionistischen Anschauen: Dunst „häkelt", Licht
„kraut" den Birnbaum, Balkone „backen" an den Häusern. Stumpfes
unliebliches Licht ist über seinen Versen, und seine Farben strahlen
nicht. „Der Wind, ein grauer Spielmann, rührt wie bezecht inr
grauen Heu", „Gewölk wie schwefelgelbe Leichentücher". Loerkes
Sprache stammt unmittelbar aus seinem Naturgefühl: er spürt
durch alle Gestalt hindurch das organische Leben inwendig, — ja,
die Balkone werden ihm zu Nestern und das Hinterhaus in der
Großstadt zum „Wabenbau aus Ziegelstein", — und er trachtet
nun allenthalben nach Worten, in denen solches organische Leben
verfangen und verfilzt ist. Aufs innigste fühlt er sich aller Existenz
verschwistert: er ist „ein Herz und eine Seele mit den Schlangen
und den Spinnen", der „schwarze Tannenwebstuhl webt ihn neu",
„die Erde dampft... ich töne mit im Psalter". Aber er schaut
nicht nur das Nächste und Nahe, er spürt nicht nur im Safte des
Halmes das Geblüt der Welt, in seltsamen Phantasien sieht er die
Unendlichkeit des Raumes und der Zeit: Der „lichte Gott" des
Ostens und der „Nachtgott" unseres Westens; „der Welt Anfang":
das Chaos als braune Wüste ohne Sand und „braune Tiefsee ohne
Wellen"; in „der Dämmerung" wird ihm: „die Erde klein, das
Weltall groß, die Erde sinkt, ihr Wald verschrumpft zu Moos",...
kopfunter turnt die Spinn den grauen Zwirn: dem ihren gleich
ist Mozarts klingend Hirn..., schon eine Hand nimmt Weimar
Golgatha..." er sieht „Äonen eng im Augenblick". Eine herbe
Musik ist in diesem Dichter, eine Tanzmusik ungeschlachter Geister,
von Riesen und Wichteln:
* Gedichte, S. Fischer, Berlin.

„Nun spielen in den Bergen die Bäche Tanzmusik"
und musikfühlenden Wanderns: „die Erdmusik zog mich mit
dunklem Ziehen," ein schweres Brausen kommt manchmal durch
ihn daher, und zuweilen ist es ganz frei und ganz leicht gelöst zu
hymnischem „Glück":
„Du fragst, wie ich nicht schlafen kann?
Ich liege schwank und wie im Wehn von Winden,
und immer hebts zu musizieren an,
und Besseres kann man auf der Welt nicht finden.
Wem das kam, der ist unbehaust.
Und wie die Stimme eines Wasserfalles
von Geistern und Gebeten saust,
braust meine Seele, und du bist das alles."
Ernst Lissauer.
ie Stuttgarter Kunst der Gegenwart.
Das dickbändige Werk (im Verlag der Deutschen Verlags-
anstalt) kommt um einen Monat verspätet in die Welt. Es sollte
zur Eröffnung des neuen Kunstgebäudes von Theodor Fischer
erscheinen als eine Heerschau über die künstlerischen Kräfte des
schwäbischen Landes, denen durch dieses königliche Geschenk ein
prunkvoller Turnierplatz zufiel. Wenn es somit auch eine Art
Festschrift darstellt, ist es doch mehr als ein Dokument gedacht;
ja die ursprüngliche Absicht des Herausgebers war nach seinem
Vorwort eine kritische Auslese. „Am Ende erschien es aber doch
zu hart, zumal bei dem vorliegenden Anlasse, so viele Künstler
gänzlich mit Stillschweigen zu übergehen. So wurde der ursprüng-
liche Plan einer Auswahl der Besten aufgegeben und umgekehrt
ein möglichst vollständiger und objektiver Überblick über alle Kunst-
werke, die in und von Schwaben in den letzten zwei Jahrzehnten
geschaffen worden sind, angestrebt."
Natürlich kann die erstrebte Objektivität doch nur ein schöner
Festmantel sein; einer solchen vermöchte nur ein Künstlerverzeichnis
zu dienen, das etwa von jedem einzelnen die Werke im öffentlichen
Galeriebesitz aufführte und somit die Wertschätzung nur registrierte,
statt sie auszuüben. Immerhin haben die zu dem Werk vereinigten
Autoren: Max Diez, Eugen Gradmann, Gustav Kayßner, Gustav
C. Pazaurek, Heinrich Weizsäcker und Julius Baum (der Heraus-
geber) sich deutlich bemüht, allen Kunstäußerungen gerecht zu werden,
auch denen, die nur der Milde zugänglich sind. Wenn dabei etwas
durchaus Respektables aus dem Werk wurde, liegt es eben daran,
daß diese Milde von Fachleuten ausgeübt wurde, deren wirkliche
Schätzung und Teilnahme trotzdem zur Geltung kommt.
Merkwürdigerweise spricht der Titel von der Stuttgarter
Kunst, während es sich im Werk natürlich um die schwäbische
Kunst der beiden letzten Jahrzehnte handelt, die in Stuttgart
ihre Schule hat. Oder sollte das bewußt Gepflegte statt Ge-
wachsene dieser Kunst dadurch angedeutet werden? Die Einleitung
von Max Diez legt diese Pflege als ein zielbewußtcs Werk des
regierenden Königs dar, von dem seit der Berufung Robert Haugs
im Jahre 1894 bis zur heutigen Vollendung des Kunstgebäudes
alle eingreifenden Entschlüsse ausgegangen sind, sodaß, wenn man
heute von einer modernen schwäbischen Kunst und von Stuttgart
als Kunstschule mit Berechtigung sprechen darf, dieser Erfolg
durchaus auf tapfere und gutberatene Entscheidungen des Königs
zurückgeht, der aus Stuttgart durch Berufungen und Förderungen
wirklich eine Kunststadt machte (d. h. eine Stadt, in der die Kunst
eine dauernde und zielvolle Pflege erfährt) und dadurch einer
eigenen schwäbischen Kunst den Lebensboden gab.
Eigentümlich genug ist es, an der Hand des vorliegenden
Werkes diese schwäbische Kunst als etwas Einheitliches gegenüber
den „Berufenen" zu sehen: Kalckreuth, Grethe, Pötzelbcrger,
Pankok, Habich, Cissarz, Landenberger, Theodor Fischer und
Hoelzel, deren Art wie Einfluß zu einem guten Teil den Ruf Stutt-
garts begründete, sind keine Schwaben; sie kamen nach Stuttgart
als anerkannte Persönlichkeiten und vermochten dort, was ihre
Kunst betrifft, nicht zu wurzeln. Sie bilden ein Vielerlei, und ein
Saal, mit ihren Werken gefüllt, würde mehr mitteleuropäisch als
schwäbisch aussehen. Stellt man ihnen die drei führenden Namen
der modernen Schwaben: Robert Haug, Hermann Pleuer und
Otto Reiniger gegenüber, so hat man eine unverkennbare Einheit;
es würde mir eine reizvolle Aufgabe scheinen, dieser Einheit einmal
bis in die Wurzeln der Landschaft und der Stammesart nachzu-
gehen, wobei es deutlich werden müßte, wie sehr sich von dieser
Einheit die beiden Besten der auswärtigen Schwaben Gustav



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