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Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 23.1913

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Bab, Julius: Theatralisches Jahr
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https://doi.org/10.11588/diglit.26493#0338

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Theatralisches Jahr.
worden war, das tut der theatergeschichtlichen Größe
seiner ethischen Leistungen keinerlei Abbruch. Er ging,
und sein Reich wird geteilt. Die Kernschar seiner natura-
listi chen Künstler wird als „Sozietät", in Wahrheit aber
wohl unter des klugen und leidenschaftlichen Rudolf
Rittner Leitung in der bisherigen Kurfürstenoper in
Berlin spielen; sein Haus, das Lessingtheater, über-
nimmt Victor Barnowsky, der sich durch einen klugen,
diskreten aber phantastisch beweglichen Szenenstil im
„Kleinen Theater" seit Jahren qualifiziert hat, und der
sich in Arthur Eloesser einen rechten, im Geschmack
etwas fortentwickelten Erben des nüchtern gescheiten
Brahmschen Temperaments zum literarischen Helfer
erkoren hat. Auf diese Weise wird Berlin im nächsten
Winter zwei literarische Bühnen größeren Stils haben,
die mit Mar Reinhardt in ernste Konkurrenz treten
können — und das wird dem letzteren vielleicht heilsam
sein. Er hat zwar seine Tätigkeit auch in diesem Jahr in
Stuttgart begonnen und in Breslau geschlossen, aber in
der Zwischenzeit war er doch mehr als sonst in Berlin
und hat bei den Inszenierungen von Strindbergs „Toten-
tanz", der wenigstens im Szenischen sehr geglückten
Aufführung von Shakespeares „Heinrich IV.", der viel-
leicht allzureichen Instrumentierung des nachgelassenen
Tolstoi und der überaus witzigen Aufmachung von
Sternheims „Bürger Schippel" ein großes Stück
künstlerisch wertvoller Arbeit geleistet. (Wobei ich die
selbstverständlich glänzende Ausstattung von Maeter-
lincks kalter Kinderallegorie „Der blaue Vogel" gar-
nicht in Ansatz bringe.) Aber wenn der theatralische
Organismus der Reinhardtschen Bühne dieses Jahr
weniger von der internationalen Jnszcnierungswut des
Hausherrn bedroht war, so zeigt sich jetzt als eine ebenso
starke und nicht weniger charakteristische Gefahr das Ab-
bröckeln des Ensembles: An weiblichen Kräften leidet
Reinhardt schon lange so bittere Not, daß die junge
Marie Dietrich sofort gefährlich überlastet werden mußte.
Jetzt sind von den Männern Kayßler und Wegner
gegangen, und Bassermann wird ihnen folgen. Es bleibt
von überragenden Persönlichkeiten eigentlich nur Moissi,
und der ist aus vorher erwähnten Gründen als geistiger
Mittelpunkt eines Ensembles nicht einmal geeignet. Im
Schauspielhause aber entscheidet der Schauspieler, und
selbst der genialste Regisseur wird eine Bühne nicht auf
die Dauer an erster Stelle erhalten können, die des Dar-
stellers Gewicht unterschätzt. Das Geschäft wird vielleicht
auch so gehen, eine Zeitlang wenigstens, weil Regie-
kunststücke der Masse mehr ins Auge fallen als schau-
spielerische Taten. Mehr als Kunststücke aber — Kunst-
werke schafft der Regisseur nur durch Schauspieler. Auch
an dieser immer noch wichtigsten Bühne Deutschlands
droht sich also das wirtschaftlich Mögliche an die Stelle
des künstlerisch Notwendigen zu setzen.
Was nun die bedeutenden deutschen Bühnen anlangt,
die nicht ganz Privatunternehmungen sind, die sich auf
gemeinnützige Gesellschaften oder auf Kommunen stützen,
so läßt eine ganze Kette von Krisen gleichfalls darauf
schließen, daß Kunst und Geldinteressen sich wirr durch-
kreuzen und eine einheitlich planvolle Leitung unmöglich
machen. In Hamburgs halb offiziellem „Deutschen
Schauspielhaus" hat man den immerhin auch im Geisti-
gen betriebsamen vr. Hagemann aus etwas dunklen

Gründen an die Luft gesetzt und ihm in Mar Grube
einen kalten Routinier zum Nachfolger gegeben. In
Frankfurt und Mannheim gab es Jntendanturkrisen, die,
von verschiedener Art, doch gleichmäßig die Unsicherheit
des Systems bezeugten, und in Leipzig macht man dem
neuen, zu vielem Guten willigen Intendanten Marter-
steig (von dessen Kölner Nachfolger man in dramatur-
gischer Hinsicht überhaupt nichts hört!) zum mindesten
das Leben so schwer wie möglich. — Unsere Stadt-
theater sind eben in Wahrheit gar keine sozialen Organisa-
tionen, sie sind im Kern kunstgeschäftliche Unternehmun-
gen der Städte, bei denen man für die kulturellen Pflich-
ten eine kleine Zahl großer Worte, für die Rentabilität
aber eine Menge entschiedener Taten einsetzt.
Und die Hoftheater? Es ist in der großen deutschen
Bühnendämmerung wohl der finsterste Punkt, daß die
beiden deutschen Bühnen, die ihre Mittel am meisten
zu künstlerischer Repräsentation befähigen, und ihre
soziale Stellung am meisten zu kultureller Haltung ver-
pflichtet, heute fast am wenigsten in Betracht kommen.
Vom Königlichen Schauspielhaus in Berlin kann
ich versichern, daß seit Jahren kein Mensch von reiferer
ästhetischer Bildung mehr ungenötigt hineingeht. Wes-
halb auch? Seit Matkowsky gestorben, Vollmer alt
geworden, die Poppe in Manier versunken und Mar
Pohl kaltgestellt ist, gibt es dort keinen Schauspieler
mehr, der das Ansehen wert wäre. Der sogenannte Nach-
wuchs besteht zum größten Teil aus schlimmsten Epigo-
nen des Wiener Mischstils, die ebensowenig echte Natur
wie gehaltvolle Schönheit haben. Sie verursachen süß-
lichen Lärm und stellen rohe Posen. Die Inszenierung
besteht, als ob weder Brahnr noch Reinhardt gelebt
hätten, nach wie vor in einer unsoliden Nachahmung der
Meiningerei, und arbeitet mit kindisch „richtigen", voll-
kommen stil- und stimmungslosen Historienbildern der
Pilotyschule. Mit diesen Kräften und in diesem Stil
wurden einige Klassiker „neu einstudiert"; im Anfang
der Saison gab es die Ausgrabung eines glücklich ver-
sunkenen tönernen Jambenprodukts von Lindner, am
Ende ein ebenso geartetes Opus neueren Datums —
den vorerwähnten „Veit Stoß". Dazwischen aber spielte
man von der neuen deutschen Literatur folgende drei
Werke: „Ein Waffengang" von Blumenthal, „Der Aus-
tauschleutnant" von Wilde L Cie. und „Wieselchen" von
Leo Lenz. Das war wahrhaftig das Repertoir! Viel
Liebe und Arbeit aber wurde auf jenes Privatfestspiel
des kaiserlichen Haushaltes verwendet, das „Kerkyra"
hieß, und das indiskreterweise später auch dem Publikum
gezeigt wurde. Daß dies Theater außerhalb der theatra-
lischen Kulturarbeit in Deutschland steht, dürfte damit er-
wiesen sein. — Vom Wiener Burgtheater aber ver-
sichern mir glaubwürdige Einwohner der Kaiserstadt,
daß es sich kaum noch wesentlich von der Berliner Hof-
bühne unterscheide, und eine „Sappho"-Vorstellung, die
ich dort noch zu Lebzeiten des Herrn von Berger sah,
läßt mich vermuten, daß sie recht haben. Es war der
gleiche, geist- und willenlose Schlendrian, dasselbe ge-
wissenlose akademische Theaterhandwerk. Daß man sich
nicht entschließen kann, nun einen wirklich schöpferischen
Mann zum Nachfolger des Freiherrn von Berger (der
doch wohl mehr ein gescheiter Enthusiast als eine leistende
Kraft war) zu ernennen, daß man den Regisseur Thimig
Ns
 
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