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Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 23.1913

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Roettger, Carl: Anna Croissant:Ruft
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https://doi.org/10.11588/diglit.26493#0421

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Anna Croissant-Rust.

nisse, die „richtige" Psychologie der agierenden Personen
hineinzuschauen. Es ist eine ganz wertvolle Literatur,
die in den genannten Werken geschaffen wurde; wertvoll
vor allem durch die Unerbittlichkeit, Wahrhaftigkeit
der Darstellung äußeren wie inneren Geschehens — aber
die letzte künstlerische Reife haben die Stücke wohl nicht.
Trotzdem möchte ich keins der Werke aus dem Gesamt-
bilde der Dichterin missen. Fast atemberaubt, in ganz
beklommenem Gefühl, muß die Dichterin vor dem Leben,
vor allem vor dem Lebender Großstadt gestanden haben,
und muß geschaut haben, — geschaut, — halb berauscht
von der großen, schrecklichen Fülle des Lebens, halb
in beklommenem Gefühl es fürchtend —; bis sie sich
keinen andern Ausweg wußte, — um mit all dem fertig
zu werden, als daß sie es in ihre Darstellungen faßte,
zwang. Von diesen ersten Anfängen ihrer Kunst erzählt
sie in einer längeren autobiographischen Arbeit, die in
der „Brücke" erschien — und von hier an bezeichnet
den Weg der Dichterin das unablässige Suchen nach
der „künstlerischen Identität". Die ist, wie gesagt, in
den ersten Prosabüchern nicht ganz erreicht; am ersten
noch in ihrem Drama „Der Bua", von dem man nicht
begreift, warum es nicht, wie so manches naturalistische
Drama, auf der Bühne mehr Eingang fand. — Sonst
aber ist noch einiges in den Büchern unzulänglich: man
merkt, daß Sprache „gelernt" wurde und nun „ange-
wendet" wird; das künstlerische Zusammenschauen ist
da und dort nicht ganz gelungen. Etwas abseits von
diesen Büchern stehen die „Gedichte in Prosa" und das
Drama „Der standhafte Zinnsoldat". In letztem Werke
ist (etwas sehr Seltenes bei dieser Dichterin) — eigen
Erlebtes in künstlerischer Gestaltung zu überwinden
versucht. Die Gedichte in Prosa enthalten manche feine
Stimmung, manches schöne Wort („der spitze Pfiff
bohrt sich tief in die wartende Stille" — „blaugraue
Wolken ziehen pathetisch über die Stadt" usw.), lassen
aber im übrigen erkennen, daß die Dichterin keine
Lyrikerin ist; und schließlich kommt dann wieder
auch in diesem Buch der Verfasserin urmächtiger
Trieb nach Gestaltung der Umwelt durch. Sie hat
eben nicht nur in das Menschenleben geschaut und
gelauscht, sondern auch in Landschaft, Einsamkeit und
Jahreszeit.
Man kann die genannten Bücher vielleicht die „erste
Periode" der Dichterin nennen. „Pimpernellche"
(Pfälzer Geschichten) leitet dann die zweite ein. Und
das ist nun ein Werk, das nahezu ganz in der Sphäre
der künstlerischen Identität ist. Und das Können der
Dichterin ist von nun an so bedeutend, daß es ihr einen
dauernden Platz in der deutschen Prosadichtung sichert.
Dieser Weg des „Pimpernellche", eines Wesens, das
aus einer absteigenden Familie stammt,-wie sie als
Kind, als Mädchen leidet, ihr Schicksal dann selbst in
die Hände nimmt, und letztlich Frieden und Glück findet —
das ist schön. Und hier, wie schon in ihren ersten Büchern
und erst recht in ihren späteren, ist es ein ganz Wesen-
haftes, daß die Dichterin nie selber sichtbar wird, immer
verborgen bleibt. Ein künstlerisches Moment, das mir
unumgänglich zum Naturalisten, als objektivem Dichter
gehört (während der subjektive Dichter, was er auch

immer schaffe, sich selber gibt). Das Künstlerische im
Pimpernellche ist noch zart, und ist doch da. Alles ist
leise; andeutungsweise; eben deswegen auch wohl
da oder dort nicht restlos bezwungen. Aber es ist eine
Geschichte von großer Schönheit. Breiter, sicherer,
ausgeführter, und als Kunstwerk völlig reif, gibt sich
das „Winkelquartett", ebenfalls eine Pfälzer Geschichte;
ein Werk, bei dem man nicht weiß, was man mehr be-
wundern soll, die leichte Hand des Dahinstellens eines
so tragikomischen Stoffes oder die realistische Uner-
schrockenheit oder den prächtigen Humor. Das Buch
ist unstreitig ein kostbares Stück unserer Erzählkunst. —
Vorher erschien der Roman „Die Nann". Er scheint mir
in der Tat auch eine Verbindung von Pimpernellche
und Winkelquartett zu sein: ein Dorfroman aus Bayern,
der wiederum die herrliche Voraussetzungslosigkeit der
Dichterin zeigt, die niemand zuliebe, niemand zuleide
schreiben will; die es eben nur treibt, zu „dichten" d. h.
das Leben gestaltend zu bändigen. Wie die Nann,
das tapfere Mädchen sich durchsetzt, das erinnert vielleicht
an Pimpernellche, und wie sie alle im Roman, die
Bauern, die Dienstleute , alle, alle, mit gleicher Sach-
lichkeit behandelt sind, das erinnert an die schöne
Gerechtigkeit im Winkelquartett. Warum ist das Buch
nicht lang ein Volksbuch im besten Sinne des Worts
geworden? —
Das große Können der Dichterin zeigt sich ganz
besonders auch in ihren kurzen Novellen, die in zwei
Bänden gesammelt wurden: der eine heißt „Aus unsers
Herrgotts Tiergarten", der andere „Arche Noah". Die
Bücher verdienten ein genaueres Eingehen, das ich mir
aus Raummangel aber versagen muß. Aber hervor-
gehoben sei die Kunst der Dichterin: auf engem Raum
ganze Schicksale hinzustellen, und dabei dennoch
nicht unkünstlerisch zu werden, Stimmungsmache zu
geben und dgl., sondern wie in ihren Romanen sachlich,
unerbittlich das Leben selber wirken zu lassen. — Ihr
letzter und größter Roman „Der Felsenbrunner Hof"
schildert den Niedergang einer pfälzischen Gutsfamilie;
langsam, unaufhaltsam vollzieht sich das Schicksal;
in schlichter, sachlicher, unpathetischer Sprache (die auch
die anderen Bücher auszeichnet) wird der rettungslose
Untergang der Familie erzählt — bis auf den einen,
den Sohn Peter, der, wie es am Ausgang des Buches
scheint, die Scholle doch noch einmal retten wird. —
Hier hat sich die Dichterin an einen ganz großen Stoff
gewagt, und ist nicht daran zerbrochen. Nur am Schluß
scheint mir die künstlerische und menschliche Gerechtig-
keit ausgeglitten zu sein, wo Peter seine erste Frau
verstößt, die gewiß ihm viel Leid brachte, die er aber
dennoch bewußt (und doch auch wieder leichtfertig)
geheiratet hat, und die nach der Verstoßung rettungs-
los untergehen wird. Eben da sie ihn ganz zu lieben
beginnt, wo er sie unerbittlich verstößt. — Aber es ist
so viel großes Können auch in diesem Buch, daß
man über kleine Ausstellungen leicht hinweg geht. —
(„Die Nann" und „Aus unsers Hergotts Tiergarten"
erschienen in der Deutschen Verlagsanstall. — Alle
anderen Bücher bei Gg. Müller in München.)
Karl Röttger.

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