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Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 23.1913

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Konsbrüd, Hermann: Herr Laufend
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Bab, Julius: Georg Büchner: Geboren am 17. Oktober 1813. Gestorben am 19. Februar 1837.*
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https://doi.org/10.11588/diglit.26493#0453

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Herr Tausend.

und da es sich — in Europa wenigstens — für die Tau-
sends des einen Staates sehr selten lohnt gegen die
Vettern des Nachbarstaates Krieg zu führen, weil da-
durch der unblutige wirtschaftliche Kampf gegen die
Nachbarzahlen gestört wird oder zu viel Familiengut im
eigenen oder fremden Land verloren geht, so leben
wir in einem durch Zahlen ziemlich sichergestellten
Frieden, gegen den wenig einzuwenden ist."
„Verwerfen Sie nicht grundsätzlich den Krieg, Herr
Tausend?" fragte ich; „halten Sie die Rüstungskosten
nicht für verwerflich und unnütz?"
„Durchaus nicht," antwortete Tausend, „muß ich
mich und mein Geld mit Waffen verteidigen, dann tue
ich das. Und um das nicht zu oft tun zu müssen, zahle
ich die Versicherungsprämie für den Frieden, die in
Kanonen und Panzern angelegt wird, und zwar so lange,
bis es einmal ein Weltreich gibt, das nur noch Polizei-
truppen zu unterhalten braucht. Ich zweifle freilich,
daß es vor dem 5. Jahrtausend so weit sein wird. Dann
ordnet Kaiser Trilliardus I. die Weltproduktion und
den Weltverkehr, dann gibt es nur noch glückliche Zahlen,
die sich willig dem großen System einordnen — unbe-
lastet oder bedrängt von politischen, sozialen oder ethi-
schen Fragen."
„Lieber Herr Tausend," sagte ich, „ich erhebe keine
Widersprüche gegen dieses Zukunftsbild, weil ich nicht
an Seelenwanderung glaube. Zeigten sich dort im Osten
nicht die ersten zartbleichen Farben des Morgens, ich
stimmte ein Loblied an auf die heutige zahlenmäßig,
ach! noch so unvollkommene Welt. Geht die ganze
Menschheilsentwicklung auf ein Schlaraffenland hinaus,
in dem der Vater des Guten, der Kampf, kein Bürger-
recht mehr hat, so kann sich jeder glücklich preisen, der
dieses goldene Zeitalter nur aus der Ferne sieht. Es
ist besser, mit ungestillter Sehnsucht auf einem Berge
zu sterben, als satt und zufrieden in ein gelobtes Land
einzuziehen."
Tausend erhob sich langsam und gab mir die Hand:
„Ich mache niemals ein Hehl aus meinem Weltbild,
aber ebensowenig Bekehrungsversuche. Leben Sie vom
Idealismus, so lange und so schlecht es immerhin
geht — irgendwann beherrscht auch Sie eine Zahl.
Heute kämpft man noch um die Futterplätze auf der
Erde, aber begonnen hat schon der gewaltige Kampf
um die Aahlenwerte, die unabhängig von Länder-
grenzen erworben werden. Die Rasse wird unange-
fochten die Welt beherrschen, die die stärkste Goldmagnet-
kraft hat und übt. Aus ihr werden die Kaiser der Welt
hervorgehen, in deren Reich es keine Sonnenuntergänge
gibt. Karl V. war nur eine embryonale Vorstufe —
er kam zu früh. Ihm fehlte noch die erdumspannende
Zahlenorganisation, durch die allein ein Weltwille zum
Ausdruck kommen kann. Trilliardus I. wird sie haben
— bleiben wir, die Tausends, fleißig an der Arbeit!
Und nun: Guten Morgen und auf Wiedersehen!"
Tausend ging müde nach der in der Deckmitte liegenden
Treppe und verschwand in dem Augenblick, in dem der
Sonnenrand aus dem Meere auftauchte. Goldenen
Lanzen gleich schwirrten die Strahlenbündel durch die
dunstige Luft, über das im jungen Licht aufjubelnde
Meer. Smaragdene und lichtviolette Wogen, übersät
mit Goldtropfen, zerschellten mit leichtem Sprühregen

am Bug der „Utopia", die unbeeinflußt vom frischen
Gegenwind ihre gerade weißschäumende Kielwasser-
furche zog.
Auch ich suchte meine Kabine auf und träumte — ein
Tausend geworden zu sein.

eorg Büchner.
Geboren am 17. Oktober 1813.
Gestorben am 19. Februar 1837.*
Vielleicht standen die Häscher schon vor der Türe.
Soviel war gewiß, daß die Richter Verdacht geschöpft
hatten. Ein Vorladungsbefehl des Darmstädter Pro-
kurators an den Studiosus der Medizin Georg Büchner
war bereits ergangen. Die „Gesellschaft der Menschen-
rechte" war gesprengt, ein Verräter hatte viele der
hauptsächlichsten Mitglieder namhaft gemacht und sie
saßen hinter Schloß und Riegel. Wie lange konnte es
noch verborgen bleiben, wer der Verfasser jener Flug-
schrift war, die die gefährlichste Aktion der Vereinigung
darstellte — des „Hessischen Landboten", der mit einer
Gewalt zur Revolution rief, wie sie seit den Tagen
Luthers und Huttens in Deutschland nicht mehr gehört
war. In jeder Stunde mußten die Häscher kommen.
Georg Büchner keuchte in seiner Arbeitsstube. Er
lebte unter den Augen seines Vaters; zwei Wände
trennten ihn kaum von dem würdigen Distriktsarzt, der
nach seinen eisernen Grundsätzen den eigenen Sohn aus-
geliefert haben würde, wenn er auch nur irgendetwas
von seinen Umtrieben geahnt hätte. Georg Büchner
mußte fliehen, aber er floh noch nicht: er mußte ein
Werk vollenden, dessen Stimme ihm die ganze Not ein-
undzwanzigjähriger Leidenschaft von der Brust schreien
sollte, dessen Ertrag ihm die Mittel zur Flucht schaffen
sollte. Der Revolutionär schrieb an einem Revolutions-
drama: „Dantons Tod". Die anatomischen Atlanten
lagen daneben und flogen über das Manuskript, wenn
der Vater hereintrat. Wie der letzte Federstrich geschehen
war, gab Georg Büchner das Gedicht seinem einzigen
Vertrauten, dem Bruder Wilhelm; es sollte fort an den
Redakteur Earl Gutzkow, und ein wilder, phantastisch
überstiegener und doch plastisch gedrungener Brief ging
mit: „Vielleicht hat es Ihnen die Beobachtung, vielleicht
im unglücklicheren Falle die eigene Erfahrung schon
gesagt, daß es einen Grad von Elend gibt, welcher
jede Rücksicht vergessen und jedes Gefühl verstummen
macht. . . . Sie werden wohl einsehen, daß es ähnliche
Verhältnisse geben kann, die einen verhindern, seinen
Leib zum Notanker zu machen, um ihn von dem Wrack
dieser Welt in das Wasser zu werfen, und werden sich
also nicht wundern, wie ich Ihre Türe aufreiße, in Ihr
Zimmer trete, Ihnen ein Manuskript an die Brust
setze und ein Almosen abfordere. . . . Sollte Sie viel-
leicht der Ton dieses Briefes befremden, bedenken Sie,
* Seit einigen Jahren gibt es eine hübsche Ausgabe von
Büchners gesammelten Schriften bei Paul Cassirer in zwei Bänden,
mit einer sehr gründlichen (in der Parallelenjagd etwas zu gründ-
lichen) biographischen Einleitung von Paul Landau. Die ältere,
höchst verdienstliche Ausgabe von Karl Emil Franzos, die außer
Dichtungen und Briefen auch Proben aus den wissenschaftlichen
Arbeiten und anderes wertvolle biographische Material bringt, ist
dadurch nicht entbehrlich geworden.
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