L^dealismus und Positivismus.
Es war eine Theatervorstellung gewesen. Awei
Männer gingen durch die einsamen Straßen
der Stadt: der Dichter des Trauerspiels und sein
Freund, ein Philosoph. Die beiden Männer Waren
tief bewegt. Der Dichter sagte:
„Nun ist es wohl ein halbes Menschenalter her, daß
ich dieses Trauerspiel geschrieben hake; es hat sich völlig
von mir losgelöst, und ich stehe ihm gegenüber als einem
fremden Werk. Ein Freund erzählte mir, er habe ein-
. mal eine Aufsührung der ,Macht der Finsternis^ in der
Gesellschaft des Dichters gesehen, und Tolstoi sei so er-
regt gewesen, daß er geweint habe. Mein Werk löst
keine Tränen, aber die Erregung ist in ihrer Art bei mir
wohl ebenso stark gewesen, wie sie bei Tolstoi war. Was
ist das nun? Jch glaube, wenn wir verstehen, was hier
geschieht, dann können wir die Frage lösen, um die wir
uns bemühen. Sie wissen, ich bin kein Philosoph. Sie
müssen es mir verzeihen, wenn ich als Dichter spreche.
Aber wenn sich der Dichter auf das Gebiet des Philo-
sophen begibt, dann geschieht es vielleicht deshalb, weil
er da etwas gesehen hat, das der Philosoph nicht sieht,
nicht sehen kann vielleicht.
Aunächst muß ich eines sagen. Die seelische Rück-
wirkung auf die Theatervorstellung ist sittliches Handeln:
sie ist sittliches Handeln im höchsten Sinn, denn sie ist
gänzlich unabhängig von Erwägungen des täglichen
Lebens. Wir sind ja unter unS, wir sprechen nicht mit
den Menschen, wie sie sind, gedankenlos und empfin-
dungslos, unter denen man Worte bilden muß, wie sie
ihnen verständlich sind, die alle falsch sind; wir können
wahr sprechen. Nun, es ist kein sittlicher Unterschied
zwischen einem Mörder und einem Menschen, der bei
meinem Trauerspiel empfindungslos bleibt; die äußere
Tat ist ja Aufall, abhängig von der Jahreszeit, der Ge-
legenheit, der gesellschaftlichen Lage des Menschen,
Erziehung und Umgebung; wesentlich ist nur die Seele.
Die Seele eines höheren Menschen hat Autritt zu der
Welt meines Trauerspiels, die Se^le des Mörders hat
sie nicht."
Es schien dem Dichter, als ob im Philosophen ein
Widerspruch gegen seine letzten Worte sei. Er sprach be-
tonter: „Es ist so. Sittlichkeit ist nicht ein Handeln,
oder im besten Fall ein Haben, wie es die heutigen Men-
schen glauben, welche im Schweiß ihres Angesichts
der Gesellschaft nützlich sind; sie ist ein Sein. Wenn ich
einen Menschen sittlich nenne, so beurteile ich den ge-
samten Menschen von einem bestimmten Punkte aus.
Alle Leute der Gegenwart, wie alle Leute jeder zivili-
sierten Gesellschaft, glauben, daß sie den Menschen in
Teile zerlegen können, sie sagen: dieser Mensch hat Sitt-
lichkeit, jener hat Kunst, und der Dritte ist ein Trunken-
bold. Aber jeder Mensch ist eine Einheit, er hat eine
unteilbare Seele, und er handelt nicht vorkommenden-
falls nach irgendeiner Norm, sondern er ist der, welcher
er ist, und welcher vorkommendenfalls imstande ist, so
und so zu handeln.
Was ist das aber? Jch muß Jhnen aus meiner
innern Geschichte erzählen.
Jch bin in der Mtte der sechziger Aahre des neun-
zehnten Jahrhunderts geboren, zu der Aeit, als ein
platter Materialismus die allgemeine Herrschaft in der
Nation zu haben schien. Sie wissen, wie er die erlangt
hatte: durch den Zusammenbruch der Hegelschen Philo-
sophie. Die Hegelsche Philosophie war idealistisch dog-
matisch gewesen und hatte mit unerhörter Dreistigkeit
die Geister vergewaltigt; denn jede Glaubenssetzung
ist eine Lüge, und jede Lüge vergewaltigt, denn nur die
Wahrheit hat die gelassene Kraft, daß sie ruhig abwarten
kann, ob die Leute zu ihr kommen. Naturgemäß mußte
der Gegenschlag erfokgen durch das Dogma des Materia-
lismus, durch die entgegengesetzte Lüge, die in der ent-
gegengesetzten Richtung vergewaltigte.
Jch wuchs auf in einem entlegenen Bergstädtchen,
das abseits von der Eisenbahn lag, dessen Bewohner
keinerlei Beziehungen zum Geist hatten, also auch nicht
zum Geist der Zeit. Aber Sie wissen ja, wie mit unsicht-
baren Wellen der Geist durch eine Ieit geht, daß jeder,
auch der geringste, von ihm betroffen wird, ohne daß
er es auch nur ahnt. Auch auf mich trafen die Wellen
des Materialismus.
Was ich nun sage, das muß ich in der Form von Be-
griffen sagen. Aber was ich erlebte, das waren nicht
Begriffe. Die Leiden meiner Kindheit und Jugend,
mein Einsamkeitsgefühl, meine verzweifelte Sehnsucht
nach Unbestimmtem, Unbekanntem, Ungewußtem, mein
Suchcn ohne Aiel, ohne Bewußtsein des Suchens: sie
kamen ja gerade daher, daß mir alle Begriffe fehlten,
daß ich nur dumpf erlebte, wie ein Tier erleben mag,
in dem der Frühling wirkt oder die erste Liebesregung.
Jch muß mich so ausdrücken:die Wellen desMaterialis-
mus trafen auf mich, ich konnte ihnen keinen Widerstand
entgegensetzen, und sie durchströmten mich; aber alles
in mir war ihnen entgegen; sie wirkten wie ein magneti-
sches Gift, das der Körper ausnehmen muß und doch aus-
stoßen will; wie jene Bezauberungen wirken mögen,
wo der Aauberer einer Wachspuppe etwas antut, das
dem Urbild der Puppe dann geschieht. Jch weiß, was
ich sage, wirkt platt; der Austand wäre nur dichterisch
darzustellen; aber ich finde keine passende dichterische
Form, es wäre ein Novellenmotiv nötig.
Ein gewisses Bewußtwerden und damit eine Art
zeitweiliger Erlösung aus meinem Austand verdanke ich
einem Buch, tvelches damals viel Aufsehen machte,
und von dem ein Abdruck durch einen Aufall in unser
Stadtchen verschlagen wurde, nämlich Hartmanns „Philo-
sophie des Unbewußten". Hartmann hat ja seitdem
bedeutendere Werke geschrieben, sie haben nicht den Ein-
druck gemacht wie sein erstes Werk, vielleicht ging es
andern wie mir. Jch war Sekundaner, mein Neben-
mann hatte einen Bruder, der Angestellter in einer groß-
städtischen Buchhandlung war; der Bruder kam zu Be-
such und brachte sich das Buch mit, das er als Ladenhüter
bei seinem Herrn erstanden hatte, weil er meinte, ein
junger Buchhändler müsse auch einmal ein philosophisches
Werk lesen, um der Kundschaft gegenüber auf dem Lau-
fenden zu sein. Jch erfuhr von meinem Nebenmann
von dem Buch und hatte das Glück, es auf drei Tage
geliehen zu bekommen gegen das Opfer eines schönen
Stückes meiner Mineraliensammlung. Jn diesen drei
Es war eine Theatervorstellung gewesen. Awei
Männer gingen durch die einsamen Straßen
der Stadt: der Dichter des Trauerspiels und sein
Freund, ein Philosoph. Die beiden Männer Waren
tief bewegt. Der Dichter sagte:
„Nun ist es wohl ein halbes Menschenalter her, daß
ich dieses Trauerspiel geschrieben hake; es hat sich völlig
von mir losgelöst, und ich stehe ihm gegenüber als einem
fremden Werk. Ein Freund erzählte mir, er habe ein-
. mal eine Aufsührung der ,Macht der Finsternis^ in der
Gesellschaft des Dichters gesehen, und Tolstoi sei so er-
regt gewesen, daß er geweint habe. Mein Werk löst
keine Tränen, aber die Erregung ist in ihrer Art bei mir
wohl ebenso stark gewesen, wie sie bei Tolstoi war. Was
ist das nun? Jch glaube, wenn wir verstehen, was hier
geschieht, dann können wir die Frage lösen, um die wir
uns bemühen. Sie wissen, ich bin kein Philosoph. Sie
müssen es mir verzeihen, wenn ich als Dichter spreche.
Aber wenn sich der Dichter auf das Gebiet des Philo-
sophen begibt, dann geschieht es vielleicht deshalb, weil
er da etwas gesehen hat, das der Philosoph nicht sieht,
nicht sehen kann vielleicht.
Aunächst muß ich eines sagen. Die seelische Rück-
wirkung auf die Theatervorstellung ist sittliches Handeln:
sie ist sittliches Handeln im höchsten Sinn, denn sie ist
gänzlich unabhängig von Erwägungen des täglichen
Lebens. Wir sind ja unter unS, wir sprechen nicht mit
den Menschen, wie sie sind, gedankenlos und empfin-
dungslos, unter denen man Worte bilden muß, wie sie
ihnen verständlich sind, die alle falsch sind; wir können
wahr sprechen. Nun, es ist kein sittlicher Unterschied
zwischen einem Mörder und einem Menschen, der bei
meinem Trauerspiel empfindungslos bleibt; die äußere
Tat ist ja Aufall, abhängig von der Jahreszeit, der Ge-
legenheit, der gesellschaftlichen Lage des Menschen,
Erziehung und Umgebung; wesentlich ist nur die Seele.
Die Seele eines höheren Menschen hat Autritt zu der
Welt meines Trauerspiels, die Se^le des Mörders hat
sie nicht."
Es schien dem Dichter, als ob im Philosophen ein
Widerspruch gegen seine letzten Worte sei. Er sprach be-
tonter: „Es ist so. Sittlichkeit ist nicht ein Handeln,
oder im besten Fall ein Haben, wie es die heutigen Men-
schen glauben, welche im Schweiß ihres Angesichts
der Gesellschaft nützlich sind; sie ist ein Sein. Wenn ich
einen Menschen sittlich nenne, so beurteile ich den ge-
samten Menschen von einem bestimmten Punkte aus.
Alle Leute der Gegenwart, wie alle Leute jeder zivili-
sierten Gesellschaft, glauben, daß sie den Menschen in
Teile zerlegen können, sie sagen: dieser Mensch hat Sitt-
lichkeit, jener hat Kunst, und der Dritte ist ein Trunken-
bold. Aber jeder Mensch ist eine Einheit, er hat eine
unteilbare Seele, und er handelt nicht vorkommenden-
falls nach irgendeiner Norm, sondern er ist der, welcher
er ist, und welcher vorkommendenfalls imstande ist, so
und so zu handeln.
Was ist das aber? Jch muß Jhnen aus meiner
innern Geschichte erzählen.
Jch bin in der Mtte der sechziger Aahre des neun-
zehnten Jahrhunderts geboren, zu der Aeit, als ein
platter Materialismus die allgemeine Herrschaft in der
Nation zu haben schien. Sie wissen, wie er die erlangt
hatte: durch den Zusammenbruch der Hegelschen Philo-
sophie. Die Hegelsche Philosophie war idealistisch dog-
matisch gewesen und hatte mit unerhörter Dreistigkeit
die Geister vergewaltigt; denn jede Glaubenssetzung
ist eine Lüge, und jede Lüge vergewaltigt, denn nur die
Wahrheit hat die gelassene Kraft, daß sie ruhig abwarten
kann, ob die Leute zu ihr kommen. Naturgemäß mußte
der Gegenschlag erfokgen durch das Dogma des Materia-
lismus, durch die entgegengesetzte Lüge, die in der ent-
gegengesetzten Richtung vergewaltigte.
Jch wuchs auf in einem entlegenen Bergstädtchen,
das abseits von der Eisenbahn lag, dessen Bewohner
keinerlei Beziehungen zum Geist hatten, also auch nicht
zum Geist der Zeit. Aber Sie wissen ja, wie mit unsicht-
baren Wellen der Geist durch eine Ieit geht, daß jeder,
auch der geringste, von ihm betroffen wird, ohne daß
er es auch nur ahnt. Auch auf mich trafen die Wellen
des Materialismus.
Was ich nun sage, das muß ich in der Form von Be-
griffen sagen. Aber was ich erlebte, das waren nicht
Begriffe. Die Leiden meiner Kindheit und Jugend,
mein Einsamkeitsgefühl, meine verzweifelte Sehnsucht
nach Unbestimmtem, Unbekanntem, Ungewußtem, mein
Suchcn ohne Aiel, ohne Bewußtsein des Suchens: sie
kamen ja gerade daher, daß mir alle Begriffe fehlten,
daß ich nur dumpf erlebte, wie ein Tier erleben mag,
in dem der Frühling wirkt oder die erste Liebesregung.
Jch muß mich so ausdrücken:die Wellen desMaterialis-
mus trafen auf mich, ich konnte ihnen keinen Widerstand
entgegensetzen, und sie durchströmten mich; aber alles
in mir war ihnen entgegen; sie wirkten wie ein magneti-
sches Gift, das der Körper ausnehmen muß und doch aus-
stoßen will; wie jene Bezauberungen wirken mögen,
wo der Aauberer einer Wachspuppe etwas antut, das
dem Urbild der Puppe dann geschieht. Jch weiß, was
ich sage, wirkt platt; der Austand wäre nur dichterisch
darzustellen; aber ich finde keine passende dichterische
Form, es wäre ein Novellenmotiv nötig.
Ein gewisses Bewußtwerden und damit eine Art
zeitweiliger Erlösung aus meinem Austand verdanke ich
einem Buch, tvelches damals viel Aufsehen machte,
und von dem ein Abdruck durch einen Aufall in unser
Stadtchen verschlagen wurde, nämlich Hartmanns „Philo-
sophie des Unbewußten". Hartmann hat ja seitdem
bedeutendere Werke geschrieben, sie haben nicht den Ein-
druck gemacht wie sein erstes Werk, vielleicht ging es
andern wie mir. Jch war Sekundaner, mein Neben-
mann hatte einen Bruder, der Angestellter in einer groß-
städtischen Buchhandlung war; der Bruder kam zu Be-
such und brachte sich das Buch mit, das er als Ladenhüter
bei seinem Herrn erstanden hatte, weil er meinte, ein
junger Buchhändler müsse auch einmal ein philosophisches
Werk lesen, um der Kundschaft gegenüber auf dem Lau-
fenden zu sein. Jch erfuhr von meinem Nebenmann
von dem Buch und hatte das Glück, es auf drei Tage
geliehen zu bekommen gegen das Opfer eines schönen
Stückes meiner Mineraliensammlung. Jn diesen drei


