Hanns Johst.
die leere Tradition kommt auf den Thron eines absolu-
tistisch regierten Staatswesens, ein junger König, der
Mensch, er selbst sein, ein Leben höchsten Seins führen,
aus dem sozialen Mitgefühl die Welt gestalten will,
„den Staat aus einer Verwaltung aufstrahlen lassen
will zu einer Monstranz", und der doch nur die un-
freieste Kreatur der Staatsmaschine ist, eine hohle
Scheineristenz führen soll im Zeremoniell, unter Hof-
schranzen und Lakaien, unter vereinzelten „Menschen"
und der großen Herde von „Leuten" König, der mit
seinen Idealen von der Verblödung, den Traditionen,
vom „Gesetz" niedergerungen wird: „alles, was er
mit dem Herzen wirkt, wird mit dem Hirn gewogen".
Die Haltung des Dichters wird gekennzeichnet durch
den Ausspruch: „Ich wenigstens klage mich stündlich
an. Und ich verurteile mich stündlich! Ich sehe aber
rings gemästete Menschen und mich ekelt".
Für Johst persönlich ist dieses Stück eine Absage an
die Demagogie des Pfahlbürgertums, an die Politi-
sierung des Volkes überhaupt. Eine Wendung, die ihm
wichtig genug ist, daß sie ihm wieder einen Rechen-
schaftsbericht, den Roman „Kreuzweg" (1921) ab-
nötigte. Der Roman mündet in das Bekenntnis: „Ich
bin und bleibe leidenschaftlicher Helfer einer verwirrten
und kranken Heimat, deren Gesundung innerhalb ihrer
Grenzen verwirkt werden muß"; er enthält Sätze wie
die folgenden: „Es ist ein Fehler der Demokratie, daß
sie aus allen Politiker machen möchte. Für uns Ger-
manen ist die Treue Befriedigung, der Gehorsam ist
für uns die adligste Gesinnung." — „Wir müssen nur
den Mut besitzen, jeden in Seinem zu billigen. Jeder
muß aber auch den persönlichen Mut aufbringen, für
das Seine einzustehen! Aus diesem Grunde verachte
ich alle Organisation, weil sich mir ihr Wesen als Flucht
vor eigener Verantwortung darstellt". — „Ich fordere
nur Pflichterfüllung. Wenn wir uns in ihr begegnen,
ist die Menschlichkeit etwas mehr als Parteigestank und
revolutionärer Größenwahn". . . . Das ist nicht der
Konservativismus des bequemen Alters, das ist vielmehr
die empörte gesunde Kreatur, die vitale Individualität,
der wesentliche, der gläubige Mensch, den die Geist-
losigkeit und der Doktrinarismus des Parteiwcscns
anwidert, der Tatenmcnsch, der sich absondert von den
Begriffsköpfen, der lebendige Mensch, der etw.as Seeli-
sches und Beständiges an Stelle der Maulfertigkeit
wünscht, der das Volk liebt, aber die Eigennützigkeit
der Masse verabscheut, ja, das ist die Stimme der Frei-
heit, die, wie sie sich gegen eine autokratisch gewalt-
tätige Obrigkeit auflehnt, wieder einmal den Freimut
hat zu sagen, daß auch Konzilien irren können, es ist
Oer Aufruhr des Geistes, der die Pflicht und das soziale
Gewissen in die Freiheiten eines gesicherten Gemcin-
schaftswcsens bringen möchte. An dem Beispiel eines
Jechenarztes (Johst selbst ist Mediziner) legt der Roman
dar, wie nahe Johst am revolutionären Radikalismus
vorbeistreifte. Das Bekennerische gibt dem Roman
Gewicht, denn er ist so wenig eine Dichtung wie der
erste Roman, „der Anfang", und wird jener Gering-
schätzung nicht entgehen können, die einmal den Roman-
verfasser nur als Halbbruder des Dichters gelten lassen
wollte. Die Hauptsache daran ist nicht das Erzählen,
nicht das Geschehen, auch nicht die mit impressionistischer
Genauigkeit der Sinne fcstgehaltenen Stimmungen,
die Hauptsache sind die Meinungen und Betrachtungen
über Politik und Leben, Kirche und Menschen der
jüngsten Gegenwart, die darin ineinandergeschachtelt
sind. Dazwischen steht auf zwei Seiten des Buches eine
kurze dramatische Szene „Josephs Ende", und in diesen
zwei Seiten schon zeigt sich, wie alles in diesem Dichter
nach Dramatik verlangt, wie das Feuer nach Brand.
4.
Die lyrische Ernte liegt in drei Bändchen vor, in
drei schmalen Garben aus drei verschiedenen Reife-
zeiten, die den Entwicklungsstufen des Dramatikers
entsprechen:
Die Gedichte „Wegwärts" (1915) sind noch forma-
les Training, Impressionen, in denen der Motor an-
gekurbelt ist, in denen die gärende Kraft sich aufbäumt,
mit zitternden Flanken rast, wuchtet, in ein paar Ge-
dichten dann auch Klänge des Herzens, Stille, All-
Liebe, Menschh'eits-Mitleiden mitten in der Kriegs-
leidenschaft des Jahres 1915. Originell in diesen Auto-
und Motorboot-Erlebnissen ist nicht die Anschauung,
nicht der Ausdruck an sich, denn sie fassen nicht neue
Impulse, nicht die Energien der Technik, sondern nur
die Erscheinung, originell daran ist nur die entschlossene
assoziative Ordnung.
Das Bändchen „Rolandsruf" (1919), das über
das Formale ins Pathos der Idee geweitet ist, fällt
im Entstehen in die Periode des „Königs" und des
„Kreuzwegs", ist rhapsodienhafte Lyrik, Ruf an die
Nation:
In der Stunde der Scham,
der Schande — mein Volk —
will ich deiner Monstranz
dienender Diener sein ....
Vom Subjektivischen kam der Dichter ins Völkische:
Mutterland, Vaterland, Heimatland, Deutschland kost
er; die Liebe zur Erde wird seine innerste Seligkeit in
der Not der Zeit und führt ihn ins Menschheitliche,
zur ganzen Erde.
Das kleine feine Angebinde „Mutter" (1920) aber
ist ganz schlichte und sachliche Einfalt, geht geklärt aus
dem Völkisch-Menschheitlichen ins Innigste, Ticfmcnsch-
liche, ist Dreiklang der Dreieinigkeit Vater, Mutter,
Kind; Lieder des Vaters quellen auf in den Urklängcn
der Ergriffenheit. Johsts schäumende Jugend ist damit
eingekehrt in jenen Zirkel der nährenden Natur, in dem
Kunst Religion wird. Otto Doderer.
4-
Im Verlag von Albert Langen, München: Die Stunde der
Sterbenden, Stroh, Der Anfang (10. Taus.), Rolandsruf, Der König
(3. Taus.), Mutter, und Kreuzweg; im Delphin-Verlag, München!
Wegwärts, Der junge Mensch (r. Aust.), und Der Einsame (ö. Taus.).
/Gedichte von Hanns Johst.
I. Aus „Mutter".
Es hat sich Morgenrot
In dir verfangen.
Dein Leib ist hochgegangen.
Wie gutes Brot.
I7l
die leere Tradition kommt auf den Thron eines absolu-
tistisch regierten Staatswesens, ein junger König, der
Mensch, er selbst sein, ein Leben höchsten Seins führen,
aus dem sozialen Mitgefühl die Welt gestalten will,
„den Staat aus einer Verwaltung aufstrahlen lassen
will zu einer Monstranz", und der doch nur die un-
freieste Kreatur der Staatsmaschine ist, eine hohle
Scheineristenz führen soll im Zeremoniell, unter Hof-
schranzen und Lakaien, unter vereinzelten „Menschen"
und der großen Herde von „Leuten" König, der mit
seinen Idealen von der Verblödung, den Traditionen,
vom „Gesetz" niedergerungen wird: „alles, was er
mit dem Herzen wirkt, wird mit dem Hirn gewogen".
Die Haltung des Dichters wird gekennzeichnet durch
den Ausspruch: „Ich wenigstens klage mich stündlich
an. Und ich verurteile mich stündlich! Ich sehe aber
rings gemästete Menschen und mich ekelt".
Für Johst persönlich ist dieses Stück eine Absage an
die Demagogie des Pfahlbürgertums, an die Politi-
sierung des Volkes überhaupt. Eine Wendung, die ihm
wichtig genug ist, daß sie ihm wieder einen Rechen-
schaftsbericht, den Roman „Kreuzweg" (1921) ab-
nötigte. Der Roman mündet in das Bekenntnis: „Ich
bin und bleibe leidenschaftlicher Helfer einer verwirrten
und kranken Heimat, deren Gesundung innerhalb ihrer
Grenzen verwirkt werden muß"; er enthält Sätze wie
die folgenden: „Es ist ein Fehler der Demokratie, daß
sie aus allen Politiker machen möchte. Für uns Ger-
manen ist die Treue Befriedigung, der Gehorsam ist
für uns die adligste Gesinnung." — „Wir müssen nur
den Mut besitzen, jeden in Seinem zu billigen. Jeder
muß aber auch den persönlichen Mut aufbringen, für
das Seine einzustehen! Aus diesem Grunde verachte
ich alle Organisation, weil sich mir ihr Wesen als Flucht
vor eigener Verantwortung darstellt". — „Ich fordere
nur Pflichterfüllung. Wenn wir uns in ihr begegnen,
ist die Menschlichkeit etwas mehr als Parteigestank und
revolutionärer Größenwahn". . . . Das ist nicht der
Konservativismus des bequemen Alters, das ist vielmehr
die empörte gesunde Kreatur, die vitale Individualität,
der wesentliche, der gläubige Mensch, den die Geist-
losigkeit und der Doktrinarismus des Parteiwcscns
anwidert, der Tatenmcnsch, der sich absondert von den
Begriffsköpfen, der lebendige Mensch, der etw.as Seeli-
sches und Beständiges an Stelle der Maulfertigkeit
wünscht, der das Volk liebt, aber die Eigennützigkeit
der Masse verabscheut, ja, das ist die Stimme der Frei-
heit, die, wie sie sich gegen eine autokratisch gewalt-
tätige Obrigkeit auflehnt, wieder einmal den Freimut
hat zu sagen, daß auch Konzilien irren können, es ist
Oer Aufruhr des Geistes, der die Pflicht und das soziale
Gewissen in die Freiheiten eines gesicherten Gemcin-
schaftswcsens bringen möchte. An dem Beispiel eines
Jechenarztes (Johst selbst ist Mediziner) legt der Roman
dar, wie nahe Johst am revolutionären Radikalismus
vorbeistreifte. Das Bekennerische gibt dem Roman
Gewicht, denn er ist so wenig eine Dichtung wie der
erste Roman, „der Anfang", und wird jener Gering-
schätzung nicht entgehen können, die einmal den Roman-
verfasser nur als Halbbruder des Dichters gelten lassen
wollte. Die Hauptsache daran ist nicht das Erzählen,
nicht das Geschehen, auch nicht die mit impressionistischer
Genauigkeit der Sinne fcstgehaltenen Stimmungen,
die Hauptsache sind die Meinungen und Betrachtungen
über Politik und Leben, Kirche und Menschen der
jüngsten Gegenwart, die darin ineinandergeschachtelt
sind. Dazwischen steht auf zwei Seiten des Buches eine
kurze dramatische Szene „Josephs Ende", und in diesen
zwei Seiten schon zeigt sich, wie alles in diesem Dichter
nach Dramatik verlangt, wie das Feuer nach Brand.
4.
Die lyrische Ernte liegt in drei Bändchen vor, in
drei schmalen Garben aus drei verschiedenen Reife-
zeiten, die den Entwicklungsstufen des Dramatikers
entsprechen:
Die Gedichte „Wegwärts" (1915) sind noch forma-
les Training, Impressionen, in denen der Motor an-
gekurbelt ist, in denen die gärende Kraft sich aufbäumt,
mit zitternden Flanken rast, wuchtet, in ein paar Ge-
dichten dann auch Klänge des Herzens, Stille, All-
Liebe, Menschh'eits-Mitleiden mitten in der Kriegs-
leidenschaft des Jahres 1915. Originell in diesen Auto-
und Motorboot-Erlebnissen ist nicht die Anschauung,
nicht der Ausdruck an sich, denn sie fassen nicht neue
Impulse, nicht die Energien der Technik, sondern nur
die Erscheinung, originell daran ist nur die entschlossene
assoziative Ordnung.
Das Bändchen „Rolandsruf" (1919), das über
das Formale ins Pathos der Idee geweitet ist, fällt
im Entstehen in die Periode des „Königs" und des
„Kreuzwegs", ist rhapsodienhafte Lyrik, Ruf an die
Nation:
In der Stunde der Scham,
der Schande — mein Volk —
will ich deiner Monstranz
dienender Diener sein ....
Vom Subjektivischen kam der Dichter ins Völkische:
Mutterland, Vaterland, Heimatland, Deutschland kost
er; die Liebe zur Erde wird seine innerste Seligkeit in
der Not der Zeit und führt ihn ins Menschheitliche,
zur ganzen Erde.
Das kleine feine Angebinde „Mutter" (1920) aber
ist ganz schlichte und sachliche Einfalt, geht geklärt aus
dem Völkisch-Menschheitlichen ins Innigste, Ticfmcnsch-
liche, ist Dreiklang der Dreieinigkeit Vater, Mutter,
Kind; Lieder des Vaters quellen auf in den Urklängcn
der Ergriffenheit. Johsts schäumende Jugend ist damit
eingekehrt in jenen Zirkel der nährenden Natur, in dem
Kunst Religion wird. Otto Doderer.
4-
Im Verlag von Albert Langen, München: Die Stunde der
Sterbenden, Stroh, Der Anfang (10. Taus.), Rolandsruf, Der König
(3. Taus.), Mutter, und Kreuzweg; im Delphin-Verlag, München!
Wegwärts, Der junge Mensch (r. Aust.), und Der Einsame (ö. Taus.).
/Gedichte von Hanns Johst.
I. Aus „Mutter".
Es hat sich Morgenrot
In dir verfangen.
Dein Leib ist hochgegangen.
Wie gutes Brot.
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