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Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 31.1921

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Heft 4
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Knapp, Albert: Anton Bruckner: zum Verständnis seiner Persönlichkeit und seiner Werke
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Sternberg, Leo: Der ewige Strom: Einführung in das rheinische Schrifttum
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https://doi.org/10.11588/diglit.26485#0194

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Anton Brunner.

gestaltung. Es ist eine königliche Gewandung, eine könig-
liche Sprache.
Bruckners Werke sind nur als Schöpfungen einer
religiösen Persönlichkeit zu verstehen. Bruckner war ein
gläubiger Katholik, der die Lehren und Gebräuche seiner
Kirche in Kindesart kritiklos annahm. Aus der Tiefe
seines religiösen Wesens schöpfte er die Kraft zu seinem
künstlerischen Schaffen. Wäre es anders gewesen, so
hätte er seine V-Moll-Messe nicht aufbauen können.
Aber nicht die Angehörigkeit zu einer Konfession, zu
einem der historischen Bekenntnisse war die Voraussetzung
für seine Gedanken und seine Sprache, sondern das un-
erschütterliche Bewußtsein, daß hinter der mit den
Sinnen wahrnehmbaren Welt noch eine Macht steht,
das Gefühl der Abhängigkeit und Ergebung in diese
überirdische Macht und der Verpflichtung zu ihrem ge-
horsamen Dienst.
Die Symphonien Bruckners sind, allen Gegnern zum
Trotz, auf dem Siegeszug durch die Welt. Seiner Musik
gehört die Zukunft. Der Weg zu Bruckner führt über
Bach, Beethoven und Wagner. Die Themenbildung, die
Linienführung und den langen Atem der Themen und
ihre kontrapunktische Verwertung hat er mit Bach ge-
meinsam; die Technik der Sonatenform, allerdings in
erweitertem Umfang und vertieftem Ausdruck, hat er
von Beethoven übernommen, in der Gestaltung des
Orchesterklanges ist er bei Wagner in die Schule gegangen.
Wie Bach der Schöpfer der gewaltigsten Chorwerke,
Beethoven der unübertreffliche Kammermusiker, Mozart
der liebenswürdigste Opernkomponist, Wagner der
geniale Erfinder des Musikdramas, so ist Bruckner der
größte Symphoniker. Er ist der König der Symphoniker,
und die Klassiker würden ihm neidlos die Palme gereicht
haben. Albert Knapp.
er ewige Strom*).
Einführung in das rheinische Schrifttum.
Wir haben heute eine Literaturgeographie. Da die
geistigen Strömungen eines Zeitalters aber nicht an den
in die Landkarte eingezeichneten Grenzen Halt machen,
sondern sich überall auszuwirken pflegen, wo sie die gleichen
Kuliurbedingungen antreffen, so ist in vielen Fällen aller-
dings schwer zu unterscheiden, ob ererbtes Blut oder Land-
schaft das geistige Gesicht eines Volksstamms prägt, oder
ob nur Spiegelbild des Zeitgeistes uns daraus anschaut.
Nicht so bei dem rheinischen Geisteswesen. Hier ergibt die
Spektralanalyse ein sprechendes Farbenband.
Denn hier fließt der Schicksalsstrom des Volkes, an
dessen Ufern bis aus unsere Tage der Schauplatz war, wo
sich unsere Geschicke entschieden und unsere Kultur er-
baute. Keltische Denkmäler, römische Bäder und Palast-
ruinen, mittelalterliche Dome und Klöster, Burgen und
Stadtmauern, Kaiserpfalzen und Zolltürme, Rokoko-
schlösser und Herrensitze, Brücken und Straßen, Kanäle
und Eisenbahnen vereinigen sich zu einem Freilicht-
museum, einem Skansen der deutschen Entwicklung.
*) Einführung aus dem im Erscheinen begriffenen Sammel-
buche „Der ewige Strom", das rheinische Erzählungen von
Brües, Eulenberg, Moreck, Philippi, Ponten, Raymann, Schäfer,
Schmidtbonn, Schwarzkopf, Sternberg, Stückrath, Winckler und
Zech enthält. (Verlag „Der Garten Eden", Dortmund.)

Hier wurde schon im 5. Jahrhundert die deutsche
Heldensage lokalisiert. Der Taunus weiß von dem Bett
der Brunhilde, Xanten ist Siegfrieds Heimat, Worms
der Sitz König Gunthers, in der Tiefe des Stroms liegt
das Nibelungengold. So wurde das Rheintal die Wiege
der deutschen Dichtung. Ein fränkischer Mönch war es,
Otfried, der Schüler des genialen Hrabanus Maurus,
der im 9. Jahrhundert das erste Evangelienbuch und
jenes „Lob der Franken" schrieb, in dem der Stolz, ein
Rheinländer zu sein, ihm das vaterländische Wort
diktiert:
Sie sint so sama kuani,
selb so thie Romani.
Im Kloster Siegburg entstand im 11. Jahrhundert
das Lied auf den hl. Anno, den Erzbischof von Köln.
Der rheinische Pfaffe Lamprecht dichtete das Alexander-
lied dem Französischen nach. Rheinische Spielleute gf-
stalteten die Sagen vom Salmon und Morolf, von König
Orendcl von Trier und St. Oswald. Bei Kreuznach
stand die Burg des Minnesängers Friedrich von Hausen,
der die Kunst der französischen Troubadours in die
deutsche Lyrik einführte und zum ersten Mal in einem
deutschen Lied die Sehnsucht aufklingen läßt: „Waer icb
icnder umb den Rhin!" Dieselbe Klage, die nachher
ihren sehnsüchtigen Kehrreim „alumbe den rin", oft nur
des geliebten Namens willen, in die Lieder der Minne-
sänger flocht.
„Umb singens willen wolt ich ziehen an den Rin;
mir wart gefeit, wie hie die besten senger sin."
dichtete Barthel Regenbogen, der Kunst- und Zeitgenosse
Frauenlobs, des Gründers der Meistersingerschule in
Mainz, wo vielleicht auch Heinrich von Ofterdingen be-
heimatet war, der Herausforderer zu dem Sängerkrieg
auf der Wartburg.
Wie das Liebeslied des 13. Jahrhunderts von den
Burgen rheinfränkischer Rittergeschlechter ausging, so
hatte auch der neue Geist der Mystik im Rheintal sein
Paradies. Auf dem Rupertsberg dichtete im 12. Jahr-
hundert Hildegard von Bingen, die erste Frau des gött-
lichen Schauens, ihre heiligen Lieder und Visionen. In
abgeschiedenem Hochtal des rheinischen Gebirgs schrieb
Elisabeth von Schönau, ein Wunder physischen und geisti-
gen Lebens, ihre religiösen Betrachtungen und Heiligen-
briefe. Das ganze 16. Jahrhundert stand im Zeichen der
rheinischen Stämme. Denn in den Adern aller Führer
der herrschenden Strömungen, Humanisten wie Refor-
matoren, rollte fränkisches Blut. Und das ererbte Blut
rollte fort von Geschlecht zu Geschlecht über den Mainzer
Gutenberg, über Brentano, den Führer der Romantik,
bis zu dem großen Rheinfranken Goethe.
Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, wie am
Mittelrhein allenthalben einstige Fürstenschlösser als Ver-
waltungsgebäude, Jesuitenkollegien als Schulen, alte
Kirchen als Kasernen, Burgruinen als Landsitze, Kloster-
anlagen als Bauernhöfe und Mauttürme als Wahrschau-
stationen eingerichtet sind; braucht nur an jene Pest-
prozession zu denken, die noch heute von Kruft bei An-
dernach nach Notgottes im Rheingau zieht, mit betend
erhobenen Armen das alte, aus der Limburger Chronik


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